Yötön yö – nachtlose Nächte

Tarja Prüss

Mittsommer in Finnland

Die Mitternachtssonne scheint für alle. Ganz oben im Norden sogar rund um die Uhr. Das verändert alles.

Schlafen kann man im Winter, besagt eine Redensart in Finnland. Und tatsächlich sieht man um Mitternacht noch Jogger oder Rollskifahrer über die Straßen flitzen. Der Tag verlängert sich ins gefühlte Unendlich. Müdigkeit wird zu einem Fremdwort. Das Leben pulsiert im Sommer – rund um die Uhr. Die hellen Nächte werden genutzt, um all das zu machen, was im Winter nicht möglich war.
Yötön yö nennen das Finnen, was so viel bedeutet wie nachtlose Nacht.

Die weißen Nächte

Die Sonne geht ganz im Norden einfach nicht unter. Das hält einen wach und munter. Selbst um Mitternacht braucht man keine Lampe, wenn man ein Buch lesen möchte. Als Mitteleuropäer ist das zunächst ganz ungewohnt und man braucht eine Weile, um sich an diese veränderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen.

Es ist die Zeit der Sonnenwende. Wenn der langersehnte Sommer endlich angekommen ist. Die Sonne, die jetzt den größten Abstand zum Äquator hat, steht senkrecht über dem nördlichen Wendekreis. In den nördlichen Regionen verschwindet sie dann wochenlang nicht mehr hinter dem Horizont. Deshalb nennt man sie auch die weißen Nächte.

Die Finnen genießen diese Zeit in vollen Zügen. Verbringen viel Zeit draußen, als wollten sie das viele Licht, das ihnen im Winter so sehr gefehlt hat, aufholen, einholen, nachholen, auftanken. Dieses Licht, das im Norden so anders ist, selbst nachts um 2 Uhr noch so sanft und weich scheint, dieses Licht, das langsam wechselt von orange zu rot und rosa, dieses Licht, das einen bezaubert und das man am liebsten festhalten möchte.

Sonnenzeit

Selbst weiter im Süden, wo die Sonne für ein paar Stunden hinter dem Horizont verschwindet, wird es nicht wirklich dunkel. Die Sonnenuntergänge ziehen sich scheinbar über Stunden, der Himmel wechselt sein Kleid von blau zu gelb zu rot und geht dann nahtlos über ins Morgenrot. Wer auf Sonnenuntergänge und -aufgänge steht so wie ich, der wird im Sommer in Finnland wirklich von der Natur verwöhnt. Ich kann hier mitten in der Nacht durch die Stadt spazieren und habe nicht das Gefühl, es ist Nacht. Es fühlt sich mehr wie späterer Abend an.

In Helsinki etwa beginnen die Vögel im Juni um etwa 1.30 Uhr schon wieder zu zwitschern. Putzmunter wirken sie. Seltsam mutet es an, so mitten in der Nacht, in diesem Zwielicht, dieser nachtlosen Nacht. Wer kann schlafen, wenn es nicht dunkel wird? Die Vögel nicht. Ich auch nicht.„Sunhunter“ (Sonnenjäger) ruft mir meine Freundin Mira lachend hinterher, als ich es nicht länger in der Wohnung aushalte, meine Kamera schnappe und die Tür hinter mir zuziehe.

Diese Türen, die ich so mag, ohne Griff außen, Doppeltüren, deren eine nach außen und die andere nach innen aufgeht, dieses Geräusch beim Zuschnappen und der typische Geruch im Treppenhaus nach Sauna, Holz, frischer Wäsche und noch irgendetwas, das ich nicht zuordnen kann. Es ist bereits hell. Klar, es war nie dunkel.

Faszination Mitternachtssonne

Ich klettere den Malminkartanohuippu hoch. Die höchste Erhebung Helsinkis. 90 Meter über dem Meeresspiegel. Von dort hat man einen wunderbaren Ausblick. Zuvor jedoch 426 Stufen. Eine nicht enden wollende Holztreppe. Dutzende Sportler nutzen diese künstliche Erhebung gern zum Trainieren. Um diese Zeit begegnet mir jedoch niemand und macht mir mit seiner Ausdauer und seinem Bewegungsdrang ein schlechtes Gewissen.

Im Moment treibt mich mehr das zart beginnende rosa am Himmel an, gibt mir einen zusätzlichen Schub und verpasst mir einen Tritt, als ich eine Pause einlegen will.Leicht aus der Puste oben angekommen öffnet sich ein ununterbrochenes 360 Grad Panorama – und ein endloser Himmel. Der starke Wind bläst die Wolken auseinander. Immer neue Formen entstehen, um gleich wieder zu verschwimmen.

Allein mit der Natur

Der Wind zerrt und zurrt an den weißen Formationen, reisst sie auseinander, schiebt und ordnet, verwischt und verweht. Wie mit einem Pinsel malt und übermalt er, zieht Striche und Linien, punktiert und setzt Akzente.

Er zerrt auch an mir. An den Haaren, den Händen, der Jacke. Die Luft ist von 18 Grad am Abend auf 10 Grad abgekühlt. Macht nichts, denn beim Hochsteigen ist mir ohnehin warm geworden. Was die Mücken oben auf dem Hügel übrigens extra prima finden.

Ansonsten leisten mir da oben auf dem Hügel nur ein Hase und eine Elster Gesellschaft. Demzufolge sagen sich hier Fuchs und Hase wohl nicht Gute Nacht. Es ist bereits hell. Klar, es war nie dunkel!

Im Minutentakt wechselt nun die Ansicht. Farben und Formen verändern sich, als ob jemand den Himmel wieder und wieder um-malt. Irgendjemand hat neue Wolken losgeschickt. Immer mehr versammeln sie sich am Firmament, finden zusammen und schieben neue herbei.

Die Morgenstimmung hat ihren ganz eigenen Reiz. Sehr friedlich ist es. Und ruhig.  Allein in der Stille, abgesehen vom  Vogelgezwitscher und dem Gesang des Windes. Nur mit dem Farbspektakel am Himmel.

Ungezählte Farbnuancen später, eine halbe Tafel Schokolade weniger und geschätzte 100 Mückenstiche mehr, mach ich mich wieder auf den Heimweg.

Gegen 6 Uhr komme ich zuhause an. Immer noch nicht müde. Nicht richtig. Die Füße sind müde, der Körper ist müde und trotzdem kann ich nicht schlafen. Das ist vielleicht der Nachteil dieser hellen Nächte. Aber schlafen kann man ja ausgiebig im Winter. Gegen halb acht lässt mich beginnender Regen, der sanft ans Fenster trommelt, langsam einschlafen. Es ist bereits hell. Klar, es war nie dunkel.

Vorfreude

Doch der eigentliche Höhepunkt folgt am nächsten Wochenende. Das abgesehen von Weihnachten wichtigste Fest in Finnland: Mittsommer – auf finnisch: juhannus. Nicht nur das wichtigste, auch das fröhlichste! Gefeiert wird im ganzen Land – die ganze Nacht! Immer am Wochenende um den 21. Juni herum, der Tag-und-Nacht-Gleiche.

Schon Tage und Wochen vorher spürt man die Vorfreude. Ich sitze auf dem Balkon und genieße die Morgensonne, vernehme das Kinderlachen aufgedrehter Jungs und Mädchen unten im Hof, die Vögel zwitschern in den Bäumen, Möwen sausen hin und her und der Himmel ist wie versprochen blau-weiß – der erste warme Tag im Juni. Als ob sich alle und alles auf Juhannus freuen. 

Je kälter das Land, desto intensiver und leidenschaftlicher wird offenbar der Sommer gefeiert. Das ist unübersehbar. Die Zeichen sind zunächst leise und kaum wahrnehmbar: nach dem kalten dunklen Winter eifern plötzlich frische rote Erdbeeren auf dem Markt mit grasgrünen  Erbsen um die Aufmerksamkeit – die Menschen bevölkern die Straßencafés und die Bänke in den Parks, genießen jeden  Sonnenstrahl und  spätestens an Juhannus sind sie komplett aufgetaut!

Seit Tagen wird von nichts anderem gesprochen.  Jedes Telefonat, das man unfreiwillig auf der Straße, im Café oder in der U-Bahn mithört, handelt davon, wie der Tag gestaltet wird, was man noch dringend besorgen muss und endet mit „Hauskaa Juhannusta“! (Fröhlichen Mittsommer) Das Kribbeln ist spürbar und ansteckend! Vorfreude allerorten! Vor-freuen – wenn’s das gibt, gibt es dann eigentlich auch nach-freuen? Und zwischen-freuen oder mittendrin-freuen? Wie auch immer.

Willkommensfest für den Sommer

Die Alkoläden bieten „special Juhannus-Offer“ an, die Supermärkte unzählige Varianten Grilli-Makkara/Grillwurst, denn es ist kollektives, landesweites Grillen angesagt. Die meisten Läden sind an Juhannus geschlossen. Feiertag.  Viele fahren aufs Land und feiern Juhannus mit Freunden in ihren Sommerhäusern am See.

70 Prozent der Finnen, so eine jüngste Umfrage, verbringen Mittsommer in ihren Sommerhäusern auf dem Land. Gefeiert wird mit Familie und Freunden. Es ist ein großes Willkommensfest für den Sommer: Ein Fest des Lichts, des Sommers und der nachtlosen Nächte. Die Häuser, insbesondere die Hauseingänge, werden mit frischen Birkenzweigen geschmückt – auch das als Zeichen des Sommerbeginns. 

Mythen rund um das Juhannus-Feuer

Nicht fehlen dürfen an diesem Abend natürlich feuchtfröhliche Saunagänge und das Juhannus-Feuer: Kokko. Große Holzfeuer am Ufer der Seen. In alter Zeit versuchte man damit Ukko, den Gott des Wetters und der Ernte zu besänftigen. Nach altem Glauben treiben Hexen, Feen und Elfen zur Tag- und Nachtgleiche ihr Unwesen, necken und ärgern die Menschen, zeigen ihnen aber auch ihr zukünftiges Glück.

Und natürlich ist das alles alter Kaffee, alte unchristliche Überlieferung, Aberglaube. Doch ganz sicher, so hundertprozentig, kann man sich ja nicht sein.  Und da ein beständiger,  leiser  Zweifel im Hinterkopf bleibt und man ja nicht ganz so bombensicher sein kann, ob nicht doch was Wahres dran ist, hat sich einiges bis in die heutige Zeit gehalten.  Somit hat Juhannus auch heute noch den Hauch einer mystischen, magischen, zauberhaften Nacht. So verwundert es nicht, dass manche Traditionen nach wie vor beliebt sind. 

Etwa der Brauch, wonach Mädchen sieben verschiedene Blumen vor dem Schlafengehen unters Kopfkissen legen sollen. Die Liebe ihres Lebens wird sich dann im Traum zeigen. Es ist auch einer der wenigen Tage, wenn nicht einziger im Jahr, um den herum es zu Staus auf den Straßen Finnlands kommen kann, weil viele aus der Stadt Richtung Land fahren. Und die Nacht, an dem die meisten Unfälle passieren, vor allem Badeunfälle.

Denn nach ungezählten post-Sauna Bieren und wenn das Feuer langsam runterbrennt, alle finnischen Lieder gesungen sind, dann schwimmen die mutigsten und verrücktesten zum nächsten Juhannus-Feuer am See, in der Hoffnung, dass da noch die Party tobt.

Mittsommer – Zeit der Gefühle

Einer anderen Legende nach markiert Mittsommer-Nacht  die Zeit, um nach der zukünftigen Liebe Ausschau zu halten. Den Mädchen wird geraten, sich Punkt Mitternacht splitternackt an den See zu stellen. Dann würden sie den Mann des Lebens erblicken – zufälligerweise ist das dann einer der betrunkenen Schwimmer, die von Feuer zu Feuer schwimmen, wenn sie noch nicht untergegangen sind. Aber irgendetwas von der Magie muss stimmen: nicht umsonst ist es auch das beliebteste Wochenende, um zu heiraten.

Außerdem ist es Flaggentag. Überall im Land werden die blau-weißen Fahnen gehisst und wehen bis zum nächsten Abend. Das einzige Mal, dass die Fahnen über Nacht hängen bleiben dürfen.

Wir begehen den Tag an einem der zahllosen Ufer an Helsinkis Küste. Feiern gemeinsam mit verschiedenen Nationen, grillen, relaxen, genießen und lassen uns treiben, verzaubern und gefangen nehmen von der Mittsommer-Stimmung, der nachtlosen Nacht. Bis das Feuer angezündet wird, vertreiben wir uns die Zeit mit Gummistiefel-Weitwurf und Tauziehen.

Musik begleitet uns den ganzen lauen Abend, ein paar Biere später schauen wir gebannt, wie unser Johannisfeuer brennt und lassen uns von ihm wärmen, reden, singen und tanzen. Mückenstiche? Fehlanzeige. Die sind wohl alle mit aufs Land gefahren. Ich dagegen  halte sicherheitshalber vielleicht doch noch nach Blumen Ausschau…  man kann ja nie wissen.

Mittsommer, das bedeutet in Finnland: Wenn der Tag später schlafen geht, als du. Es ist bereits hell. Klar, es war ja nie dunkel.

Mehr zum Mittsommer in Finnland erfährst Du hier.

Text und Bilder von Tarja Prüss