Wohliger Umhang

Alva Gehrmann

Ein Ausflug in Finnlands Sauna-Kultur

Der Dampf umhüllt mich wie eine wohlige, unsichtbare Decke. 80 Grad Celsius zeigt das Thermometer in der Sauna an. Eine Finnin fragt, ob sie einen neuen Aufguss machen darf. Die anderen nicken. Mit einem lauten Zischen auf den heißen Steinen steigt der Dampf in die Höhe, während die Schweißperlen unsere Körper herunter rinnen. Jeder ist nun in sich gekehrt. Während die Finninnen ganz oben sitzen, wo der „löyly“, der Dampf, am heißesten ist, muss ich mich erst an die Temperaturen gewöhnen.

Eigentlich mag ich die Kälte lieber, deshalb lebe ich einen Teil des Jahres in Nordeuropa, doch an diesem Wintertag im verschneiten Lappland entdecke ich erstmals meine Leidenschaft für die finnische Sauna-Kultur – und somit für die Hitze. Die Ruhe und Einsamkeit am Rande von Äkäslompolo, 130 Kilometer oberhalb des Polarkreises, ist für uns Städter etwas Außergewöhnliches.


Der pulverige Schnee drückt die Äste der Bäume herunter, die lichten Wälder lassen tief blicken und dank der dicken Schneeoveralls wird einem nie kalt. Am Abend locken mich die Finnen aus der Nachbarhütte in die Gemeinschaftssauna der Ferienanlage Ylläksen Yöpuu. Schon aus der Ferne sieht man das rote Holzhaus am Ufer des zugefrorenen Sees. Der Kamin raucht und flackernde Kerzen leuchten den Weg zur Schwitzhütte.

Neugeboren im Eisloch

Nach zehn Minuten in der Sauna muss ich raus, ein vereister Steg führt zum Eisloch. Die Außentemperatur beträgt minus 20 Grad Celsius, Wassertemperatur etwa null Grad. Bis zu minus 51,5 Grad wurden in der Region gemessen, es ist heute also relativ mild.

Das Wasser wirkt schwarz und wird umarmt vom zugefrorenen See. Die Begleiter klettern kurz in das Eisloch und laufen zurück in die Hütte. Ich bleibe für einige Minuten im See. Anfangs schnappt man nach Luft, alles zieht sich zusammen, doch dann ist es wunderbar. Und sobald man aus dem Eisloch die Leiter hochklettert, fühle man sich wie neu geboren. Es sei denn man klebt bei der Kälte an der Leiter fest. Das beunruhigt auch die Gastgeber, weshalb eine Finnin nach ein paar Minuten rauskommt und wartet, bis ich an Land geklettert bin.

Mein Körper glüht. Kurz gehe ich erneut in die Sauna, dann lockt wieder das Eisloch. Das Bad in der Kälte sei wie eine neue Liebe, man will sie immer wiedersehen, heißt es. Und wer länger draußen bleibt, der hat auch eher die Chance, die grün flackernden Nordlichter zu entdecken. An diesem Abend sind sie jedoch etwas schüchtern.

Also lasse ich mich auf die Wärme ein – und gebe der neuen Liebe eine Chance. Am nächsten Abend nutze ich erstmals die Sauna in meinem eigenen Ferienhaus. Jedes Mökki, wie die Holzhütten auf Finnisch heißen, hat eine Schwitzhütte. Anders als die Gemeinschaftssauna, die mit einem Holzofen erhitzt wird, ist diese elektrisch. Dafür knistern in der Wohnstube die Holzscheite im Kamin, vor meinem Fenster laufen Rentiere vorbei.

Zwei Millionen Saunen für 5,4 Millionen Finnen

Früher war die Sauna oft der einzige warme und hygienische Raum. Hier wurden Kinder geboren und die Toten vor der Beerdigung aufgebahrt. Die Schwitzhütten gehören in Finnland bis heute zum Alltag. Für 5,4 Millionen Finnen soll es rund zwei Millionen Saunen geben – in Privatwohnungen, im Parlament, als mobile Holzboxen vor Clubs, auf Flößen im Meer, in der Gondel, oder eben neben Sommerhäusern am See.

Grundsätzlich ist die Sauna nach Geschlechtern getrennt, nur innerhalb der Familie schwitzt man zusammen nackt. Abgesehen davon gibt es kaum Regeln: Jeder bleibt so lange drin, wie er mag. Jeder geht so oft er will und keine Uhr schreibt vor, wann der nächste Aufguss zu machen ist.

Im Handtuch am Straßenrand

Manche glauben, die Sauna reinigt die Seele. Die Kotiharju Sauna in der Hauptstadt Helsinki macht sogar Werbung damit, dass ihre sanfte Hitze seit 1928 hilft, die Probleme der Welt zu lösen. Im langen, dunklen Winter ebenso wie einige Monate später in den milden Sommertagen.

Ein bisschen komisch sieht es schon aus, wie sie da mitten auf dem Bürgersteig nur in Handtüchern eingehüllt stehen. Manche tragen Flip Flops, doch die meisten laufen barfuß über den aufgeplatzten Asphalt. Rund 30 Frauen und Männer kühlen sich an diesem Nachmittag vor der Kotiharju Sauna ab. Sie nippen an ihrem Dosenbier oder Wasser und plaudern mit anderen. Ein paar Männer hocken schweigend auf einer steinernen Bank, schauen gedankenverloren die Straße hinunter.

Kotiharju ist die beliebteste öffentliche Sauna in Helsinki. Und einer der besten Orte in der Hauptstadt, um noch tiefer in die berühmte Saunakultur Finnlands einzutauchen. Gerade die öffentlichen Häuser sind seit einigen Jahren wieder populär. Dort wird über das Leben philosophiert. Oder gemeinsam geschwiegen.

Schon von weitem sieht man die rot leuchtenden Buchstaben mit der Aufschrift „SAUNA“, Kotiharju liegt in einer Seitenstraße des lebendigen Stadtteils Kallio. Früher war es das Arbeiterviertel, heute gilt Kallio als der Szenebezirk Helsinkis. Und diese Sauna als einer der wenigen Orte, an dem sich kaum etwas verändert hat. Selbst wer weggezogen ist, kommt gerne zum Schwitzen und Relaxen zurück.

Auch die Nachbarschaft trifft sich hier regelmäßig. So wie Mirjam Nissinen und ihre Freundinnen, sie haben heute ihren freien Abend. Die Männer passen auf die Kinder auf. Also können sie entspannt ein Bier trinken. Nach zehn Minuten gehen sie wieder ins Gebäude. Im schmalen Eingangsbereich knubbeln sich die Besucher: Die Männer biegen rechts ab, für die Frauen geht es eine Etage höher.

Heiliger Löyly

An diesem Sommertag besucht mich eine deutsche Freundin in Helsinki, es ist ihr erster Abend in einer finnischen Sauna. Wir verstauen unsere Kleider in dunkelbraunen Holzschränken. Nebendran steht ein mit Plastikblumen verzierter Tisch. Vor dem Spiegel liegen in einem Korb rund 20 Bürsten und einige Föne. Auf einer Sitzbank liest eine Mittzwanzigerin in Handtuch einem Roman, sie schaut kurz hoch und lächelt.

Nach dem Abduschen soll es endlich heiß werden. Anders als in privaten, holzverkleideten Saunen ist dies ein Raum mit steinernen Bänken und Wänden. 1500 Kilo Steine liegen im großen Ofen. „Es dauert bis zu sechs Stunden, bis die Sauna die richtige Temperatur hat“, erzählte Pekko Mäkinen beim Bezahlen des Eintritts. „Bei uns wird noch mit Holz geheizt.“ Seit vielen Jahren arbeitet Mäkinen in Kotiharju, er lebt sogar im selben Haus. In seiner kleinen Kabine hängen an der Wand hinter ihm an Haken etwa 20 Kaffeetassen, die gehören seinen Stammkunden.

Junggesellinnenabschied: Hüttenlauf

Auch ohne persönliche Tasse fühlt man sich schnell in die Gemeinschaft aufgenommen. „Die Sauna ist ein Ort der Reinigung“, erzählt Nissinen. „Nicht nur im Alltäglichen, sondern auch für Bräute.“ Junggesellinnenabschiede sind sehr beliebt, denn traditionell muss eine Frau sich dort vorher reinigen, bevor sie heiraten darf. „Die Braut muss für jede ihrer vorherigen Beziehungen einmal um die Sauna-Hütte laufen. Ich kann dir sagen, manche mussten da sehr oft rennen.“ Sie und ihre Freundinnen kichern.

Während die deutsche Freundin sich noch an die Hitze und die Nacktheit gewöhnen muss, ist es für die Finninnen ganz normal. Seit ihrer Kindheit sind sie gewöhnt, Körper jeden Alters und jeglicher Statur hautnah zu sehen.

Nach 15 Minuten gehen wir raus – und gönnen uns eine Erfrischung. Manche Besucher haben sich ihre eigenen Getränke mitgebracht. Das wird toleriert, im Kühlschrank gibt es für finnische Verhältnisse günstige Getränke. Wir nehmen Bier mit. Auch die anderen internationalen Gäste, die sich anfangs noch zieren, mischen sich spätestens beim zweiten Sauna-Durchgang relaxt unter die Finnen vor dem Haus. Und so stehen wir nun alle mitten in Helsinki auf dem Bürgersteig im Handtuch, als sei es das normalste von der Welt.

Alva Gehrmann

Ein finnischer Spruch sagt: „Wenn Schnaps, Teer und die Sauna nicht helfen, dann ist die Krankheit tödlich.“

Saunatipps für Finnland

10 tolle Saunatipps für Anfänger
Gemütliches Feriendorf in Äkäslompolo. Die dazugehörige Sauna kann man sogar extra mieten.
Unser Fotograf Markus Kiili bietet auch herrliche Nordlichtertouren an.

Die meisten Finnen haben in ihre eigene Sauna im Haus. Wer sich wie eine echte Finnin oder ein echter Finne fühlen will, der kann am 12. März am Helsinki Sauna Day teilnehmen. www.helsinkisaunaday.fi

Nackt schwimmen: In Yjrönkatu uimahalli gibt es, nach Frauen- und Männertage getrennt, neben mehreren Saunen auch die einzigartige Schwimmhalle im Art-Deco-Stil, in der alle nackt schwimmen – bis vor einigen Jahren war es sogar verboten, dort überhaupt Badesachen zu tragen.

Viele weitere Informationen zur Sauna Kultur Finnlands finden Sie auch hier: www.kotiharjunsauna.fi www.kulttuurisauna.fi

Bildquelle: Alva Gehrmann, Markus Kiili, Raphaela Sabel, Destination Lapland, Yrjönkatu uimahalli, Sport Resort Ylläas