Weite Schärenwelten

Udo Haafke

Segeltörn im Archipel der Åland-Inseln

So, meine Herren! Es ist angerichtet!“ Eero Lehtovaara winkt, nur noch mit einem Handtuch bekleidet, seine Gäste herbei. Langsam, voll unsicherer Erwartung, schleicht die kleine Gruppe gestandener Mannsbilder zu der unscheinbaren, braunen Holzhütte, aus deren Schornstein feine Rauchwölkchen aufsteigen. Die winzige Gesellschaft lässt die letzten Kleidungsstücke im nach frischem Holz duftenden Umkleideraum zurück, um sodann den eigentlichen Ort des Geschehens zu betreten. Das Halbdunkel des Raumes empfängt sie mit wohliger Wärme.

Während die Männer sich auf den rustikalen Bänken niederlassen, erklärt Eero kurz das folgende Zeremoniell: „Die Rauchsauna ist die traditionelle Form der finnischen Sauna, kein Vergleich mit den modernen Holzkabinen und ihren elektrischen Öfen. Das hier bedeutet noch sehr viel Arbeit und Vorbereitung. Holz muss im Ofen entfacht werden, dann dauert es gut 6 Stunden bis die richtige Temperatur erreicht ist. Es darf nicht mehr brennen, nur noch glühen – dann ist das Saunabad bereitet.“

Er taucht eine Kelle in den vollen Bottich kalten Ostseewassers, kurz zuvor vom nahen Bootssteg abgeschöpft, hält sie hoch und deutet theatralisch auf die Steine, die oberhalb der gemauerten Feuerstelle liegen. Im Zwielicht, nur ein kleines Fenster spendet spärliche Beleuchtung, ist die so geheimnis- wie kraftvolle Wärmequelle nur zu erahnen. „Jetzt schütte ich das Wasser auf. Ihr werdet sehen – und spüren – was passiert.“ Mit einem kräftigen Schwung fliegt die Wasserladung auf die Steine, um sich blitzschnell in beißenden, heißen Wasserdampf zu verwandeln, der im ersten Moment den Atem lähmt. Die Gruppe stöhnt und keucht. „Ist es angenehm?“ feixt Eero in die Runde, die sein, vermutlich diabolisches Grinsen wegen der Dunkelheit nicht wahrnimmt. Kopfnicken, sonst keine Regung. Die Männer spüren das Brennen auf der Haut, die sich plötzlich aus allen Poren zu öffnen scheint.

Ein paar Tropfen Wasser auf die Ohren und die Nase – und die Hitze wird erträglicher. Eero reicht die volle Kelle herum. Tatsächlich, die Hitze scheint plötzlich nach oben zu entweichen. Etwas wie Wohlbefinden stellt sich ein. „Wir kühlen uns jetzt ab, draußen im Meer. Machen eine Pause, trinken ein Bier, dann folgt der nächste Gang.“ Der Sprung vom Steg in die gemächlich plätschernden Ostseewellen erfrischt nachhaltig. Für das Aufholen des Flüssigkeitsverlustes sorgt die Kiste finnischen Gerstensaftes. Entspannt sitzt man um einen nicht minder rustikalen Tisch herum, genießt die Ruhe, beobachtet vorbei gleitende Segelschiffe, Kanuwanderer oder die Einfahrt der riesigen Ostseefähren. Einem monströsen Seeungeheuer gleich, doch scheinbar schwebend leicht, bahnen sie ihren Weg durch die abertausend Inseln und Inselchen des Schärenarchipels zum Hafen der Hauptstadt Mariehamn. Mit jedem weiteren Saunagang steigt die Gewöhnung an die große Hitze, an die hohen Temperaturen. Übermütig wird immer mehr Wasser auf die heißen Steine geschleudert, um den Wärmeschauer besonders intensiv zu erleben, um unglaubliche Mengen Schweiß verdunsten zu sehen. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Als auch die letzte Flasche Bier geleert ist, hat die Sonne bereits zur endlosen mittsommerlichen Dämmerung angesetzt.

Die Sauna gehört zu den wenigen wirklich finnischen Dingen, die auf den Åland-Inseln zu finden sind. Es wird schwedisch gesprochen, und im Grunde ihres Herzens gehören die Åländer immer noch zum großen Nachbarn im Westen. Doch die wechselvolle Geschichte des Archipels, der über 600 Jahre der schwedischen Krone gehörte, wollte die Zuordnung zu Finnland. Nach etwa 100jähriger russischer Besatzung beschloss zwar die Bevölkerung 1917 im Rahmen einer Volksbefragung mit überwältigender Mehrheit die Wiedervereinigung mit Schweden, doch Finnland, das zeitgleich seine Unabhängigkeit erlangte, erklärte die Inseln zugehörig zum finnischen Reich, was der Völkerbund im Juni 1921 zur großen Enttäuschung der Åländer bestätigte. Auch das Recht auf Selbstverwaltung konnte darüber nicht hinweghelfen. Inzwischen hat man eine eigene Flagge, gibt seit 1975 eigene, bei Sammlern beliebte Briefmarken heraus und genießt die Vorzüge des Sonderstatus, der sich vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht bemerkbar macht. Der zollfreie Einkauf auf den Fähren aus Stockholm, Turku, Grisslehamn und Kapellskär, Tallinn und Helsinki gehört zu den wichtigsten Einnahmequellen. Einen neuerlichen Schub brachte die EU-weite Abschaffung der Duty-Free Shops.

Stadt der 1000 Linden wird Mariehamn, die finnische Bezeichnung Maarianhamina liest man übrigens nur auf Landkarten und Stadtplänen, gern genannt, beherrschen doch zwei lindengesäumte Boulevards das Zentrum der schachbrettartig angelegten 10.000 Seelen Gemeinde. Gegründet 1861 zur Zeit der russischen Besatzung, erhielt die Stadt den Namen Marias, nach der Gemahlin des Zaren. Aus den Erfahrungen zerstörerischer Feuersbrünste gelernt, war es den Stadtplanern erlaubt Häuser mit großen Gärten, damit großem Abstand zum Nachbarn anzulegen, was heute die freundliche Atmosphäre einer grünen Stadt im Park bewirkt. Die beiden großzügigen Alleen haben durchaus konkurrenzfähige Ausmaße zu den Prachtstraßen europäischer Metropolen. An seiner schmalsten Stelle wird so auf dem Landwege Ost- und Westhafen Mariehamns miteinander verbunden.

„Dies hier ist bei den Kindern besonders beliebt.“ Hanna Hagmark-Cooper, Chefin des Seefahrtsmuseums im Westhafen, deutet auf den großen Bilderrahmen unter der Treppe. Auf verblichenem, an den Rändern zerfetztem schwarzen Grund prangt ein weißer Totenkopf über zwei gekreuzten Knochen. „Es gibt nicht mehr sehr viele Original-Piratenflaggen.“ Doch ist diese Fahne nur ein winziges Detail der überaus sehenswerten Ausstellungen, die eindrucksvoll die große Bedeutung der Schifffahrt für die kleinen Åland-Inseln dokumentieren. Mittlerweile schwelgt Henrik in Erzählungen über das Schicksal der stolzen Großsegler, Passat oder Pamir, auf den Decks der Schiffsexponate, Rekonstruierte wie Originale. Bildhaft seine Erinnerungen, spürbar seine innige Liebe zur Seefahrt. Fein herausgeputzt starren währenddessen die unterschiedlichsten Galionsfiguren von den Wänden ins Leere, offenbar gelangweilt von den Touristengruppen, welche die Herausforderung stürmischer Weltmeere nur bedingt ersetzen können. Und draußen im Hafen liegt seit 1952 als permanentes Ausstellungsstück die Viermastbark Pommern, das weltweit besterhaltene Handelssegelschiff.

Der schnittige Zweimaster S/S Albanus, mit dem Eero und seine saunierende Reisegruppe unterwegs sind, liegt im Osthafen, nahe der Werft in der traditionelle Holzschiffe nachgebaut werden. Hier lief auch im Jahr 1988 die knapp 30 Meter lange, weiße Galeasse vom Stapel, Replik eines historischen Schiffstyps von 1904, die in ihrem Charakter als logische Fortführung vom Ruderboot zum Segelschiff gesehen wird. Im Ostseeraum waren Galeassen als wendige Frachtsegler mit charakteristischem hohen Vormast und flacher Heckansicht weit verbreitet. Die Albanus nahm 2013 auch an den berühmten Tall Ship Races teil. Statt Waren und Gütern befördert sie nun Segelfreunde durch die faszinierende Schärenwelt vor den Toren Turkus und des Åland Archipels. 21 Personen finden in den Kojen des Mannschaftsraums Platz, geschlafen wird allerdings üblicherweise nicht auf See, sondern in den jeweiligen Häfen.

Unterwegs auf See, stets begleitet von einem endlosen Horizont, von wechselnden Winden und kreischenden Möwen, schwingt Eero das Zepter als Kapitän, der seine kleine Crew und die vielköpfige maritime Auswahlmannschaft kommandiert. Die Freizeitsegler dürfen dabei durchaus gerne selbst Hand anlegen, so bekommen sie gleich einen Einblick in die hohe Segelkunst und die Navigation. Es dürfen die Ruderpinne gehalten, die Segel an Großmast und Besan gesetzt und gerafft werden, und gleichzeitig bleibt genügend Muße zum Erlernen von Seemannsknoten oder dem zügigen und unfallfreien Schälen von Kartoffeln, denn der für das leibliche Wohl zuständige Smutje ist immer dankbar für tatkräftige Unterstützung.

Seine kulinarischen Kreationen besitzen naturgemäß einen eher rustikalen Charakter, aber eine Mahlzeit auf See, an frischer würziger, appetitanregender Ostseeluft, das ist schon ein wahrhaftiger Hochgenuss. So genießen alle an Bord die Sonne, den Wind und die sensationelle Ruhe, nehmen den unvergleichlichen Duft der großen weiten Schärenwelt in sich auf. Als i-Tüpfelchen maritimer Romantik packt der Koch, wenn denn der Abwasch zufriedenstellend erledigt ist, sein Schifferklavier aus und schmettert die eine oder andere, zum Anlass passende Seemannshymne. Wer kann, singt mit, oder lässt es bleiben – außer den Möwen oder Seeschwalben sind keine ernstzunehmenden Kritiker in der Nähe.

Dichte Waldgebiete, immer wieder unterbrochen von Wiesen und Weiden und einigen hin gewürfelten rot-weißen Häusern in sanft hügeliger Landschaft prägen das Bild der Åland-Inseln, die wildzerklüftet in unzählige Schären an der Pforte zum Bottnischen Meerbusen liegen. Lediglich im äußersten Südosten, auf dem etwas abgelegenen Kökar (sprich: Schökar) dominieren die Felsen und niedriges Gebüsch. Knapp 300 Menschen leben hier, teilen sich eine Fläche von 61 km2. Ruhe und Entspannung findet man hier ohne große Mühe. Wer Hektik sucht, könnte dieser bei einer Partie Minigolf auf einer Anlage im auch ansonsten vorbildlich ausgerüsteten Yachthafen begegnen.

Die abendliche Anfahrt in eben diesen Hafen des Hauptortes Karlby gleicht dem Abtauchen in eine andere Welt: bei absoluter Windstille, die selbst den wenigen Mücken das Schwirren verschlägt, erscheint die beleuchtete Veranda des Hotels Brudhäll unmittelbar am Anleger, als spiegelnde Fata Morgana karibischen Zuschnitts. Zur Wärme fehlt lediglich die Silhouette der einen oder anderen Kokospalme, zum triefenden Kitsch ein Pianospieler mit sanfter Klassik. Von den Tischen ist gedämpfte Unterhaltung zu vernehmen, Gläser klirren. Impressionen für die Ewigkeit.

Ein lohnenswerter Ausflug führt mit dem Motorboot, die Albanus bleibt unterdessen im Hafen von Karlby, auf die unter Naturschutz stehende Felseninsel Källskär (sprich: Schellschär) auf welcher sich der schwedische Freiherr Åkerhielm ein kleines Paradies anlegte. Inmitten einer unwirklichen, aus rundlichen roten, bisweilen eigenwillig geformten Felsformationen bestehenden Landschaft steht eine kleine Holzvilla in einem griechischen Garten, von Rhododendronbüschen, Zypressen und wildem Wein umrankt. Auf antik getrimmte Statuen zieren nicht nur die Gartenmauern, sondern sind zudem noch auf der ganzen Insel zu finden. So überblickt der Götterbote Hermes die Einfahrt des Südhafens. Die Villa bietet Schriftstellern und Künstlern ein ideales Refugium zur kreativen Arbeit. Auch die schwedisch-finnische Autorin und Zeichnerin Tove Jansson, bekannt durch die Abenteuer der knuffigen Mumins, schrieb hier einige ihrer Bücher. Viele davon stehen in den gut sortierten Bücherregalen. An der Wand eines ihrer Gemälde, das den Gastgeber Åkerhielm als Mitglied des Muminreiches portraitiert.

Bald schon sticht die Galeasse wieder in See. Die Gäste haben sich längst zu guten Matrosen gemausert, wissen schon, was zu tun ist, wenn wieder ein Segelmanöver ansteht. Sie schauen aus nach den nächsten Inseln und Häfen, erspähen so manchen Leuchtturm und spinnen fleißig große Mengen Seemannsgarn. Eifriges Interesse wecken andere Segelschiffe, vor allen Dingen, wenn mehr als ein Mast in die Höhe ragt, denn dann handelt es sich garantiert um ein besonders sehenswertes Exemplar. Und sofort werden Kameras gezückt und reichlich Bilder geschossen. Dies wiederholt sich allabendlich, wenn die Sonne zum abendlichen Farbinferno am Himmel lädt, während die Albanus sich malerisch im ruhigen Wasser des auserwählten Anlegeplatzes spiegelt.

Möchtest Du auch einmal die Åland-Inseln entdecken? Andersweg Reisen nimmt Dich mit auf das Abenteuer dort hin.