Weil der Sommer nach Erdbeeren schmeckt

Tarja Prüss

Ein Besuch in Boomtown Oulu

Er schaut ein wenig mürrisch – wie immer. Dabei ist er das gar nicht. In Wahrheit lässt er sich durchaus gern mit Touristen aus aller Welt ablichten. Toripoliisi – der Marktpolizist und zugleich Wahrzeichen von Oulu, der nördlichsten Großstadt der Europäischen Union. 

Einer Überlieferung zufolge hat es diesen wohlbeleibten strengen Marktpolizisten tatsächlich mal gegeben. Vielleicht ist es aber auch nur eine gute Geschichte. Das weiss man bei den Leuten aus Oulu nicht immer so ganz genau. Sie reden nicht so viel, aber wenn, dann häufig mit einem Augenzwinkern.

Seine Fülle zeigt, dass der toripoliisi auch ein Genießer ist und offenbar gut nachvollziehen kann, warum es auch mich an den Marktplatz zieht. Hier gibt es nämlich viele Möglichkeiten, nach Herzenslust zu schlemmen. 

Schon von weitem heisst einen die alte Markthalle von 1901 willkommen. Daneben die vielen Stände mit leuchtend orangenen Dächern und dazwischen einfache Open Air Cafés, in denen man Kaffee und Pulla genießen kann. Als hätte die ganze Stadt Urlaub, spürt man die sommerlich-entspannte Atmosphäre. Alle zieht es nach draußen, auf die Holzterrassen der umliegenden Lokale, den sonnigen Nachmittag genießen.    

Der Sommer, der nach Erdbeeren schmeckt

Oulu und der Sommer schmecken für mich nach Erdbeeren, die frischen vom Markt. Im Idealfall aus Kesälahti, denn dort wachsen dem Ruf nach die allerbesten von ganz Finnland. Mit Messbechern in Litern abgewogen und beim Preis am besten kurz mal weggehört. Zugegeben, billig sind sie nicht – aber der Geschmack entschädigt für alles: Für den Platzregen am Vormittag, das ausverkaufte Konzert am Abend oder die zuhause vergessene Sonnenbrille.

Allein schon der Geruch – machen Sie sich einfach mal die Mühe und riechen erst mal dran, bevor Sie kosten. Sie riechen nach grünem Gras und nach Großmutters Erdbeermarmelade und nach der ganzen Süße des Sommers. Und dann schmelzen sie fast im Mund, so was von süß und saftig und intensiv im Geschmack sind sie. 

Der erste Biss ist unbeschreiblich – getränkt mit Licht und Energie. Da stecken alle Sonnenstunden des finnischen Sommers drin. Auch die vor und nach Mitternacht, wenn die Sonne immer noch ihre wärmenden Strahlen flach gen Erde schickt. Rund um die Uhr reifen die Früchte hier und wandeln alles Licht in Geschmack um.

Haben Sie schon mal ein Kind beobachtet, das das allererste Mal in seinem zarten Leben Süße schmeckt? Wenn die Geschmacksnerven kapieren, was da gerade auf der Zunge passiert und die Augen fast überlaufen vor Überraschung und sich dann dieses Gefühl einstellt: unwiderstehlich – will mehr! So schmeckt der finnische Sommer. Für mich zumindest.

Die Finger sind nach einem Dutzend Erdbeeren so rot verfärbt wie die Schnute eines Kleinkindes beim ersten Versuch, ein Marmeladenbrot ganz allein zu essen. Und das Gute: auf dem Rückweg vom Markt kann man gleich noch mal einen Liter mitnehmen – als Proviant für die Heimfahrt. 

Aber es wäre nicht fair, an dieser Stelle nicht auch die Erbsen zu erwähnen. Denn die sind ebenfalls einmalig – schmecken sogar ungewaschen und mit Schale. Grasgrün und frisch wie ein Sommermorgen. Oh je, langsam wird’s kitschig. Zurück auf den Boden. Denn da gibt es genug zu entdecken: Direkt am Markt stehen auch die traditionellen Kornspeicher aus vergangener Zeit, die man hier wieder aufgebaut hat und die von der Geschichte Oulus als Handelsstadt erzählen. Darunter auch das Pannukakkutalo – das Pfannkuchenhaus, in dem man auf zwei Etagen alle denkbaren Varianten des Eierpfannkuchens probieren kann. Nur sollte man daran denken, dass hier wie fast überall in Finnland Selbstbedienung ist. Sonst wartet man nämlich – wie mir schon passiert – vergeblich auf sein Essen.

Boomtown: von ‚weißem Feuer‘ und ‚Steinherzen‘

„Ich wollte nie in Oulu leben,“ erzählt mir Markku, heute pensioniert, seit 66 Jahren in Oulu. Doch dann zeigt er stolz die neuesten Errungenschaften der Stadt: Valkea – das neue Einkaufszentrum mit 24.000 Quadratmetern Fläche, dass 4,5 Millionen Gäste im Jahr anziehen soll. Der Name bedeutet „weiß“ wie das Licht der hellen Sommernächte oder der Schnee im Winter, aber auch zugleich „Feuer“. Im Winter soll die Glasfassade flackern wie eine Schneelaterne. Das Besondere: eine ganzjährig beheizte und überdachte Fußgängerzone, die beide Teile des Einkaufszentrums verbindet und neuer Veranstaltungsraum und Wohlfühloase sein soll.

Darunter befindet sich die neue Tiefgarage mit 900 Plätzen. Kivisydän (Steinherz) heisst sie und Kritiker behaupten, es müsse jemand mit einem Herz aus Stein gewesen sein, der so etwas zulässt. Und als Gast fragt man sich in der Tat, warum die fahrradfreundlichste Stadt des Landes so einen großen unterirdischen Parkplatz braucht. Vielleicht gerade deswegen, kommt mir später in den Sinn. Sie verbannen die Autos, um mehr Platz für die Radfahrer zu haben. 

Mit 190.000 Einwohnern ist Oulu die fünftgrößte Stadt Finnlands. Die Stadt, dessen Name aus dem Samischen kommt und so viel wie fließendes Wasser oder Hochwasser bedeutet, ist geprägt vom Oulujoki, der sich durch die gesamte Stadt zieht, sowie vom Bottnischen Meerbusen.  

War sie früher für Teer und Lachs bekannt, sind es heute IT-Industrie, Papier- und Stahlherstellung. Die Schlote der größten Papierfabrik sieht man schon von weitem. Boomtown nennt man Oulu mittlerweile auch, weil sich sehr viele Technologiefirmen hier ansiedeln, die zweitgrößte Uni des Landes viele junge Menschen anzieht und die Geburtenrate eine der höchsten landesweit ist. Und es ist eine sehr junge Stadt mit einem Durchschnittsalter von rund 36 Jahren. 

International bekannt ist Oulu aber nicht nur als Technologiestadt, sondern seit 1996 auch als Hauptstadt der Luftgitarren-WM. Eine wahrlich kuriose Weltmeisterschaft: vor johlendem Publikum die Bühne zu rocken wie ein Star, während man nur so tut, als hätte man eine Gitarre in der Hand. Tausende Fans aus aller Welt lockt die WM in jedem August ins Zentrum von Oulu.

Inselhopping: von Pikisaari bis Turkansaari 

Welchen Stellenwert Kultur und Bildung hier ansonsten haben, sieht man schon daran, dass am Hafen auch gleich das Theater und die Öffentliche Bibliothek zu finden sind. Läuft man ihnen vorbei, kommt man über eine Brücke zur Insel Pikisaari, auf der keines der alten Holzhäuser wie das andere ist. Viele Künstler leben und arbeiten hier und das Wasser ist nie weit weg. Nicht nur in der Abenddämmerung bieten sich hier wunderbare Motive, so dass man manchmal gar nicht weiß, in welche Richtung man fotografieren soll.

Oder auch der Hupisaari-Park, der einerseits sehr romantisch wirkt mit den vielen kleinen weißen Brücken, andererseits können Kinder hier auch toll zwischen all den Bäumen und kleinen Bachläufen toben. Und wenn das Wetter mal nicht so einladend ist, dann kann man sich die Zeit wunderbar im Tietomaa vertreiben, dem allerersten Wissenszentrum Finnlands. Dort kann man Mondrover fahren oder in einer Simulation sehen, wie Polarlichter entstehen und über den Himmel tanzen. Und gleich um die Ecke ist das OMA, was nichts mit Großmüttern zu tun hat, sondern das Kunstmuseum von Oulu ist mit wechselnden Ausstellungen. Wie Helsinki ist auch Oulu vom Architekten Carl Ludwig Engel geprägt, denn er hat nach dem Stadtbrand von 1822 einen Teil des Wiederaufbaus übernommen, auch des Doms Tuomiokirkko, dessen Besuch sich schon deswegen lohnt, weil sich unter der Kirche ein Café befindet.

Sehenswert auch das Freilichtmuseum Turkansaari, auf einer Insel im Oulujoki gelegen, rund 14 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Hier kann man eintauchen in die Vergangenheit: Zeitzeugen sind fast 50 historische Holzhäuser, die mit vielen altertümlichen Einrichtungsgegenständen und viel Liebe zum Detail einen guten Eindruck vom damaligen Leben verschaffen.

Oulu hat man jedoch nicht gesehen, wenn man nicht beim Nallikari Strand war – ein langgezogener weißer Sandstrand, an dessen Ende Majakka aufragt, ein futuristisch anmutender weißer Aussichtsturm mit schönem Rundumblick auf die Ostsee. Hier kann man nicht nur schwimmen gehen, sondern auch Beachvolleyball oder  Strandfußball spielen oder im überdimensionalen Kletternetz herumturnen. Oder einfach am Strand eine gute Zeit miteinander haben. Unweigerlich kommt mir der Ausspruch von Janne wieder in den Sinn, den ich mal in Helsinki getroffen hatte: „Du findest die Leute in Helsinki entspannt? Wenn du wirklich entspannte Leute sehen willst, dann geh mal nach Oulu!“ Und so langsam verstehe ich, was er damit meinte. 

Vogelparadies zwischen Sanddünen 

Mich zieht es jedoch weiter nach Hailuoto, eine Sanddünen-Insel, die Oulu vorgelagert ist. Ein Paradies für Natur- und Vogelliebhaber. Schon der Weg dorthin ist ein Erlebnis. Im Sommer bringt eine Fähre die Gäste zur Insel, im Winter gibt es eine Eisstraße. Öffentliche Busse fahren mehrmals täglich. Und der Busfahrer ist nicht nur Chauffeur, sondern auch Lieferant und Postbote für die Insel. So beliefert er auch den Supermarkt und hält an den Briefkästen an der Hauptstraße, die bis ans Ende der Insel und zur Endstation führt. 

Der Wind zerrt an meinen Haaren und zieht mich fort, immer weiter über die Holzbohlen, die den Weg durch das Naturschutzgebiet vorgeben, bis zum Strand. Fast weißer Sand, Gräser, Schaumkronen, ein windgeschützter Platz zwischen den Dünen und ein endloser Blick bis zum Horizont.

Da kann es dann durchaus passieren, dass man plötzlich von einer Libelle umschwirrt wird und merkt, dass man schon fast eine Stunde einfach aufs Wasser geschaut und sich von den Wellen hat betören lassen. 

Eine Insel, auf der 300 verschiedene Vogelarten leben, wovon ein Drittel hier sogar brütet. Das bekomme ich dann auch beim Spaziergang am Ufer entlang sehr deutlich zu spüren. Die arktischen Möwen kreischen plötzlich lauter und starten Luftangriffe auf mich. Es dauert einen Moment, bis ich kapiere, dass hier am Strand irgendwo ihre Jungen sind und trete schnell den Rückzug an. Dann schon lieber Mücken! Finnische Mückenmittel helfen wirklich passabel, wobei ich den Eindruck gewonnen habe, dass Stadtmücken noch etwas gewiefter sind als Landmücken. Denn die in der Stadt ansässigen kleinen Plagegeister sind noch geschickter darin, genau die Stellen am Körper zu finden, die man vergessen hat, mit Antimückenzeug einzucremen. 

Aber nach dem nächsten Sauna-Besuch ist das Jucken dann auch schnell wieder vorbei. Wenn man nach dem letzten Sauna-Gang auf der Terrasse sitzt, den Geschmack der letzten Erdbeeren noch im Mund, es auch weit nach Mitternacht immer noch hell ist und die Luft lau, es nach jungen Birkenblättern und die Haare nach Birkenshampoo duften, dann fühlt man sich so richtig saunanjälkeinen, was übersetzt post-Sauna meint. Ja, die Finnen haben ein eigenes Wort für dieses sich-rundum-wohl-und-sauber-fühlen, dieses Gefühl, wenn sich alles klärt, sich das Leben mit einem Mal friedlicher, wärmer und weicher anfühlt.

Und ich denke mir: Hektik? Stress? Habe ich nirgends erlebt – insofern scheint Janne mit seinen entspannten Oululaiset (Einwohner Oulus) Recht zu haben. Und noch was: wer es 66 Jahre in Oulu aushält, ohne wegzuziehen, wird wohl doch nicht so falsch liegen.

Wissenswertes zu Oulu:

– 1605 vom schwedischen König Karl IX gegründet
– Gelegen am Bottnischen Meerbusen und an der Mündung des Oulujoki
– 190.000 Einwohner
– Durchschnittsalter: 36 Jahre
– Anreise per Flugzeug, Bahn oder Auto 
– 600 km Radwege 
– Universität Oulu: 14.000 Studenten, 3.000 Mitarbeiter
– Standort für Hochtechnologie, insbesondere Telekommunikation und IT 
– Sommer: Qstock Festival, Luftgitarren-WM, Oulu August Festival 

Mehr Informationen findest Du auch unter www.ouluon.fi/de/oulu/