Wandern und Klettern im Repovesi Nationalpark

Hendrik Morkel

Von hohen Felsen, Raben und Ruderbooten

Wer sich in den Repovesi Nationalpark begibt, kann über Hängebrücken gehen, im Ruderboot über die Seen rudern und das höchste Kliff Finnlands hochklettern – und all das keine drei Autostunden von Helsinki entfernt.

Klettern in Olhava

Olhava ist das Klettermekka in Finnland und im Sommer wird man nicht alleine am Fels sein. Das macht aber nichts, denn mit fast hundert Routen zwischen den Schwierigkeitsgraden 4 bis 8a ist mit Sicherheit immer eine Wunschroute frei. Und selbst wenn die Traumroute gerade beklettert wird – mit dem wunderschönen Ausblick über den Olhavanlampi See oder den Wanderwegen gibt es immer etwas in der Nähe zu tun, wenn man mal warten muss.

Christoph, Florian, Friederike und ich fuhren also Ende August los um mit Freunden aus Finnland in Olhava klettern zu gehen. Ich lag den dreien so lange über den roten Granite von Olhava, den 50 m Routen die direkt über dem See anfangen und den tollen Abenden am See in den Ohren, das sie es selbst sehen wollten. In unserem kleinen Transporter Bus geht die Fahrt von Helsinki aus los und schon schnell sind wir in Kouvola wo wir uns mit Pasta, Würstchen und Müsli für ein Wochenende Klettern in Repovesi ausrüsten. Von Kouvola sind es weitere 90 Minuten bis man am Parkplatz vor dem Repovesi Nationalpark ankommt. Es stehen schon einige Autos dort und wir treffen Freunde aus Finnland, mit denen wir zusammen zum Campingplatz am Olhavanlampi See laufen. Buntspechte sitzen am Wegesrand in den Bäumen, ein Eichelhäher warnt die anderen Waldbewohner vor unserer Ankunft und ein Eichhörnchen flitzt schnell vor uns über den Weg.

Am Campingplatz stehen schon einige Zelte und wir finden noch zwei schöne Plätzchen für unsere – und dann heisst es auch schon Klettergurt und -schuhe anziehen, einknoten, Partnercheck und ab nach oben. Denn auch im August scheint die Sonne noch lange in Finnland und der Olhava Fels liegt gen Westen & wärmt so Kletterer in der Abendsonne. Wir hingegen wärmen uns erst einmal auf einigen der einfacheren Routen auf dem Festland auf. Dann heisst es aber: Ab ins Ruderboot!

Denn das besondere in Olhava sind eindeutig die Routen die direkt über dem See oder von der kleinen Felsinsel starten. Dazu lässt man sich in einem der zwei Boote zum Einstieg rudern, von wo man entweder auf die Felsinsel steigt oder einen Sicherungs-Stand über dem Wasser einrichtet und von dort aus in die Wand startet. Besonders die Klassischen Routen wie die Sportkletterroute Kantti (6a+) und die Trad-Kletter Routen Salama und Ruotsalaisten reitti (beide 5+) sind Traumrouten die auf keiner Tickliste fehlen sollten.

Und so machen auch wir uns daran Kantti zu klettern. Wo anderorts nicht an Bohrhaken gespart wird, ist Kantti “großzügig” gesichert, mit 8 m Abstand zwischen den Bohrhaken. Das heißt, fällt man bevor der zweite Haken in 16 m Höhe geklippt ist, nimmt man noch ein Bad im See. Zudem ist Kantti, wie der Name vermuten lässt, eine ausgesetzte Kante und die Gratkletterei sollte einem also zumindest im Vorstieg liegen. Florian fühlt sich für den Vorstieg gewappnet, schnappt sich noch ein Paar Nüsse und Cams (Sicherungsgeräte zur Zwischensicherung zwischen den Bohrhaken) und schwingt sich raus über den See.

Die ersten Meter auf der Felsplatte gehen Ihm locker von der Hand und schon bald ist die erste Expressschlinge in den ersten Bohrhaken eingehängt und das Seil geklippt. Es geht mit schöner Kletterei auf tollem Fels weiter bis zu einem Riss wo man in 12 m Höhe eine Cam platzieren kann, als Zwischensicherung. ”Ich bin nicht sicher ob die richtig platziert ist, aber ich werde eh nicht fallen!” ruft Florian uns zu, den als Sportkletterer und Boulderer braucht er mobiles Sicherungsgerät in der Regel nicht. Dann dauert es nicht lange und er ist schon beim zweiten Bohrhaken angekommen. Danach cruist er den Rest der Route locker & vergnügt nach oben, bis er irgendwann oben uns zuruft das er nicht sicher wäre wo er lang muss. Christoph und ich werfen ein Blick ins Guidebuch und rufen Ihm die Beschreibung zu, aber wir sind nicht sicher wieviel bei knapp 40 m Höhenunterschied bei Ihm ankommt. Eine Weile später – wir haben nichts gehört – ruft es uns “Off belay” zu und wir wissen das er sicher oben angekommen ist. ”Ich bau nun einen Stand, einer von Euch kann dann nachkommen – Ich sichere von oben!” hallt es vom See zu uns zurück. Christoph schlüpft in seine Kletterschuhe, ich kontrolliere seinen Achterknoten und dann warten wir auf Florian’s ”On Belay” ruf, der auch gleich kommt. ”Viel Spaß!” wünsche ich Christoph, der sich nun auch über das Wasser rausschwingt und anfängt die Kante empor zu klettern.

Friederike und ich folgen Florian und Christoph nacheinander nach oben und zusammen sitzen wir später oben auf dem Kliff und genießen den Ausblick über den Olhavalampi See und den Wald als sich die Sonne langsam dem Horizont im Westen nähert. ”Wer als letzter unten ist muss abwaschen!” ruft Friederike uns zu als Sie sich auf den Weg zurück zum Campingplatz macht, und so eilen wir Ihr schnell hinterher. In der Feuerstelle brennt schon ein warmes Feuer, und wir setzten uns zu unseren Freunden ums Feuer und sprechen über den Klettertag. “Wahnsinn”, “so guter Fels” und “was für eine tolle Aussicht” sind nur einige der Aussagen die ums Feuer fallen und als die Sterne im See funkeln ziehen wir uns zurück in unsere Zelte, wohlwissend das morgen ein weiterer grandioser Klettertag auf dem roten Granite von Olhava auf uns wartet.

Wandern im Repovesi Nationalpark

Wer mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln nach Repovesi anreist dem steht erst einmal eine vier Kilometer lange Wanderung auf einem Forstweg bevor er zum Eingang bei Lapinsalmi ankommt. Doch schon auf dem Forstweg zum Eingang des Nationalparks sichte ich an diesem Frühlingsmorgen einen großen Schwarzspecht der durch den Wald segelt und sich auf einer Kiefer niederlässt. Es ist Frühling, es ist Montag morgen und ich könnte mir keinen besseren Start der Woche vorstellen – ausser vielleicht ohne den sehr frühen Start von 4 Uhr morgens um mit Bahn & Bus hierher zukommen. Aber all das stört mich nun nicht mehr und der Sonnenschein und das Gezwitscher der Vögel gibt mir Kraft & macht mir gute Laune. Nach einer Dreiviertel Stunde erreiche ich den Parkplatz von Lapinsalmi und von dort ist es nur noch ein kurzes Stück auf einem schönen Waldpfad bis zur Lapinsalmi Hängebrücke.

Diese 10 m hohe Hängebrücke schaukelt mit jedem Schritt den ich mache und unter mir fliesst das Wasser von einem See in den nächsten. In der Hochsaison ist hier nicht dran zu denken in der Mitte der Brücke anzuhalten, aber nun bin ich alleine hier und genieße die Aussicht. An der Feuerstelle auf der anderen Seite der 50 m langen Brücke mache ich erst mal eine Pause. Ich breite meine Isomatte auf einer der Bänke aus, krame meinen Gaskocher hervor und fülle den Topf mit Wasser aus dem See. Drei Minuten später kocht das Wasser und ich gieße etwas davon in meine Kuksa Tasse, dazu Kaffee. Der Rest kommt in eine Portion selbst-gemixtes Müsli. Ich lege mich einen Moment in die Sonne und lass Müsli und Kaffee abkühlen, bevor ich mich ganz Hobbit-mässig einem zweiten Frühstück widme. Ein Paar Singschwäne fliegen mit Ihrem erkennbaren Rufen über mich hinweg während ich so in der Sonne gemütlich frühstücke. Eigentlich ist es ein wirklich schöner Platz hier an der Hängebrücke und die Sonne scheint so schön warm, so das es mich etwas Überwindung kostet wieder alles einzupacken und weiter zu wandern.

Ich folge dem gut markierten Pfad und wandere am Ufer des Katajajärvi Sees entlang und erinnere mich wie ich hier im Winter einfach über den gefrorenen & Schnee-bedeckten See gewandert bin statt dem Trail am Ufer zu folgen. Dieser geht nämlich steile nach oben und unten, über Wurzeln und Steine. Dann macht der Trail einen Schwenk nach rechts und etwas später stehe ich im Schatten der Bäume am Kuutinkanava Campingplatz. Eine Kota zum grillen, eine Feuerstelle und eine Brücke über den Bach laden schon wieder zum verweilen ein, aber ich beschliesse die Pause dort zu machen wo die Aussicht am besten ist: Auf dem Mustalamminvuori Aussichtsturm.

Bis dorthin sind es keine 1000 m wie der Rabe fliegt, aber für Wanderer bedeutete es leider keine einfachen Flügelschläge um sich auf dem Aussichtsturm niederzulassen, sondern ein steiler Aufstieg zu Fuss. Als ich am frühen Nachmittag auf der Aussichtsplattform des Turms stehe scheint die Sonne warm auf mich herab, ein kühles Windchen weht durch die Baumwipfel und ich genieße alleine die weite Aussicht: Der Gesamte Repovesi Nationalpark ist von hier oben bei so einem schönen Wetter ersichtlich, während die Seen in der Sonne glitzern.

Da mir die Essens-Philosophie der Hobbits sehr zusagt lasse ich es mir nicht nehmen hier oben eine weitere Pause einzulegen. ”Warum nicht – Du musst ja nirgendwo hin!” denke ich mir während ich in meinen Apfel beisse. Nach dem Apfel noch ein bisschen von der guten Fazer Schokolade mit Himbeeren, dann fühle ich mich geneigt wieder weiterzuwandern. Auf der anderen Seite des Mustalamminvuori Turms steige ich zum Valkjärvi See hinab, wo ich mich zum Campingplatz auf mache. Die Sonne steht noch am Himmel und scheint auf den schönen Campingplatz hinab und ich beschliesse das es nun eigentlich Zeit wäre das Tarp aufzubauen und sich noch mal in die Sonne zu legen. Gesagt, getan, und keine 5 Minuten später liege ich wieder auf meiner Isomatte in der Sonne.

Als die Sonnenstrahlen langsam meinen Campingplatz verlassen hacke ich ein paar Scheite Holz für das Lagerfeuer später am Abend und gehe noch für einen kleinen Spaziergang entlang des Ufers. Kein Mensch ist weit und breit in Sicht, und ich genieße es alleine in dieser herrlichen Natur unterwegs zu sein. Ein Sterntaucher Paar schwimmt auf dem See und Ihre lauten Rufe hallen über das Wasser. Wer diese Rufe nicht kennt könnte sich erschrecken, aber nach vielen Jahren draußen unterwegs sind Ihre Rufe etwas familiäres für mich auf das ich mich immer freue.

Abends am Lagerfeuer grille ich die Bratwürstchen die ich den ganzen Tag mitgetragen habe, danach gibt es eine warme Tasse Minttukakao und eine süße Heidelbeersuppe. Nach solche einem warmen Mahl lege ich mich müde & zufrieden unter meinen warmen Daunenquilt, schaue noch den letzten Funken des Feuers zu wie sie gen Himmel & den Sternen emporsteigen bevor Sie erloschen und schlafe dann mit einem Lächeln ein.

”Dienstage in der Natur anzufangen sollten Staatlich vorgeschrieben sein” sinniere ich unter meinem Quilt während ich den Nebel über dem See beobachte. Noch liegend setzte ich einen Topf Wasser auf – der schlaue Wanderer plant Abends schon für den Morgen! – und frühstücke im Bett. Danach wird alles sorgsam zusammengepackt und schon bin ich wieder auf dem Trail. Ich passiere die Kirnukangas Laavu und denke über eine zweite Tasse Kaffee nach, beschliesse aber diese erst ein Stück weiter am Lojukoski Campingplatz zu trinken. Als ich dort ankomme ist das Wetter wieder so schön warm & sonnig das sich meine zweite Frühstückspause zieht, was eventuell auch daran lag das ich noch mein Buch rausholte und noch ein wenig lass. Ich hänge gleich auch noch das Mittagessen dran um am Nachmittag etwas effizienter und schneller unterwegs sein zu können.

Gegen 13 Uhr bin ich dann wieder auf dem Pfad, und über die Sulkusalmi Brücke geht es weiter gen Süden. Der Pfad schlängelt sich am Ufer des Tervajärvi Sees entlang und am südlichsten Zipfel des See steht tatsächlich ein Auto auf dem Tervajärvi Parkplatz. Ich sehe aber niemand und so verweile ich nicht lange und wandere weiter gen Osten. Am Määkijä Campingplatz, der an einer kleinen Landzunge liegt und schön in den See hinausragt, überlege ich kurz ob ich hier meine zweite Nacht verbringen soll.

Aber ich will gerne noch die Ketunlossi Seilfähre heute sehen und so wandere ich weiter. Das kreuzen des Sees mit der Seilfähre ist ein wahres Abenteuer und ich kann mir gut vorstellen wie Kinder die Fähre lieben würden. Am anderen Ufer wandere ich wieder weiter zum Parkplatz von Lapinsalmi, der heute Nachmittag immer noch so leer war wie gestern morgen. Ich überquere wieder alleine die Hängebrücke und schlage dann etwas weiter östlich mein Camp am Kapiavesi Campingplatz auf. Hier habe ich mehr Abendsonne und auch am nächsten Morgen nur einen kurzen Weg zurück in die Zivilisationen und den Bus zurück nach Hause.

Die Wettervorhersage ist so gut das ich das Tarp eingepackt lasse und die Isomatte und den Quilt unter freiem Himmel ausrolle. Cowboy Camping nennt man sowas in Ultraleicht Wanderer Kreisen und was gibt es besseres als unter einem Millionen Sternen Himmel einzuschlafen? Nach einem üppigen Mahl sitze ich noch lange mit meiner Kuksa am Lagerfeuer und schaue wie sich der Himmel langsam von Orange nach Pink nach grau und dann blau verfärbt.

Die ersten Sterne kommen zum Vorschein, eine Fledermaus fliegt über den See und ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch im Repovesi Nationalpark.

Mehr zum Repovesi Nationalpark erfährst Du hier. Über Outdoor In Finnland kannst Du auch in der Outdoor Broschüre von Visit Finland nachlesen.