Unterwegs auf dem Pilgerweg St. Olav Waterway in Finnland

Kathrin Deter

Es ist kühl geworden, aber die Sonne scheint, als ich den Zug in Turku verlasse und Richtung Bahnhofsgebäude laufe. Im dortigen Café sehe ich schon Rania sitzen, die ein paar Sachen in ihrem Rucksack umpackt, bis sie mich sieht und wir uns zur Begrüßung um den Hals fallen. Unser Trip ist recht kurzfristig angesetzt und wir sind beide erleichtert, dass alles geklappt hat und wir uns nun hier treffen.

Sie kam von weit her aus Sundsvall angereist, während ich nur schnell in Helsinki in den Zug gesprungen bin. Wir werden die ersten 90 km des St. Olav Waterway wandern – ein Pilgerweg, der von Turku bis hoch nach Norwegen führt. Der finnische Teil des Wegs wurde erst im letzten Mai für die Pilger offiziell eröffnet. Wir haben uns entschieden, den Weg in der Nebensaison und zu Beginn des “Ruska” zu erkunden, und hoffen auf angenehme Temperaturen, tolle Herbstfarben in der Natur und weniger Leute.

Zunächst machen wir uns auf den Weg zur Kathedrale in Turku, hier bekommen wir unsere Pilgerpässe, Informationen und Wanderkarten. Dazu kriegen wir auch gleich den ersten Stempel für unseren Pass – und los geht’s. Heute stehen 18 km an, und eine kurze Busfahrt für das letzte Stück. Ein paar längere Strecken werden wir zwischendurch mit dem Bus überbrücken, wir haben wenig Zeit und wollen dann doch eher vermeiden, für viele Stunden auf Asphalt zu laufen. Der Rucksack sitzt, der Plan ist in der Tasche. Die ersten Kilometer führen uns zunächst durch Turku, am Fluss Aura entlang.

Wir haben Glück mit dem Wetter – die Sonne scheint, der Himmel leuchtet, und es ist überraschend warm für das letzte September-Wochenende. Der Pfad ist mit kleinen weiß-roten Schildern mit dem Wappen von Olav markiert, im Gewusel der Stadt gehen die jedoch fast ein bisschen unter. Doch mit Hilfe der Karten finden wir uns ganz gut zurecht, und der Weg aus der Stadt heraus dauert nicht lange, Turku ist nicht groß, und endlich sind wir im Wald angelangt. Jetzt fühlt es sich nach einer Wanderung an!

Finnische Wälder im Herbst sind einfach der allerbeste Ort. Es riecht würzig, wir finden noch ein paar letzte Blaubeeren, Preiselbeeren und alles ist voller Pilze. Rania kennt sich aus – und philosophiert darüber, was man aus all den Pilzvariationen Schönes kochen könnte. Wir lassen es langsam angehen heute, ich kämpfe noch mit einer Erkältung, und der Weg ist ja bekanntlich das Ziel, wenn man wandert. Außerdem machen wir fleißig Fotos, das braucht ja auch seine Zeit. Und heute ist wirklich ein wunderbarer Tag. Am Waldrand stehen wir vor einer Kreuzung, machen den Anfängerfehler und folgen unserer Intuition, statt nach den kleinen Schildern Ausschau zu halten.

Nach ca. 40 Minuten wundern wir uns dann doch, so lange keinen Wegweiser mehr gesehen zu haben und vergewissern uns mittels Karten und Handy, und stellen fest, das wir einen richtig schönen Umweg gelaufen sind. Macht nix – wir planen um und finden so tatsächlich einen noch schöneren Weg direkt durch den Wald. Wir klettern über bemooste Felsen und dicke Wurzeln, machen eine Pause bei einem alten Haus im Wald und genehmigen uns Schokolade, Birne und Kaffee.

Einige Kilometer später finden wir uns an unserem Ziel, der Bushaltestelle Richtung Parainen. Der Bus ist uns gerade vor der Nase weggefahren, auch das macht nix, wir haben ja noch Schokolade übrig und die Sonne scheint. 6 Stunden nach Beginn unserer Wanderung erreichen wir Parainen. Ich war schon einige Male hier, aber noch nicht im Herbst. Der Ort wirkt verschlafen. Im Sommer wimmelt es hier vor Inseltouristen, neugierige Gäste besuchen das unbestreitbar merkwürdigste Museum der Stadt, ArtBank, hier kann man eine der größten Privatsammlungen von Salvador Dali besichtigen. Nicht unbedingt das, was man hier erwarten würde.

Wir finden unsere Unterkunft schnell, Matmalen @Eva ist ein kleines B&B mit eigenem Restaurant, in dem größtenteils Lebensmittel verwendet werden, die sonst weggeworfen worden wären. Man weiß also nie, was man bekommt, die Speisekarte ist jeden Tag eine Überraschung – je nachdem, was es halt noch so gab. Wir haben Glück: es gibt frischen Zander direkt aus dem Nachbarort, dazu Mangoldsalat und Kartoffeln.

Der St. Olav-Weg ist ideal für diejenigen, die mit leichtem Gepäck reisen und nicht schwer bepackt wandern wollen. Statt Schlafsachen wie Zelt usw. mitzuschleppen, kann man entlang des Pfades bequem in kleinen, gemütlichen Unterkünften die Nacht verbringen, gut und lokal essen, und sich zwischendurch etwas Entspannung gönnen. So gefällt uns das.

Am nächsten Morgen schlafen wir aus. Meine Erkältung hat mich den Großteil der Nacht wachgehalten, und so beschließen wir, erst nach einem gemütlichen Brunch weiterzuziehen. Bis dahin haben sich auch die Wolken verzogen und wir starten gestärkt auf zur nächsten Etappe. Heute beginnen wir mit einer kurzen Busfahrt, inklusive der ersten Fährüberfahrt! Die leuchtend gelben Fähren sind für mich das ultimative Zeichen, endlich im Archipel angekommen zu sein. Der Ausblick raubt mir immer wieder den Atem, und ich kann gar nicht mehr aufhören, mich zu freuen.

Der heutige Tag ist wieder mit 18 km angesetzt und soll der schönste Teil unserer Wanderung sein. Unsere Bushaltestelle ist mitten im Nirgendwo, aber schnell finden wir unseren Weg zum Pilgerweg wieder. Wieder geht es durch den Wald, aber auch endlich richtig am Meer entlang. Über jedes Wegweiserschild freuen wir uns. Wir begegnen einer kleinen Schlange, Schwänen, einer Ameisenkönigin (denken wir) und finden den perfekten Ort für unsere heutige Kaffeepause, mit Blick über einen kleinen See.

Es herrscht eine friedliche Stimmung, die heutige Strecke führt uns an Kamillenfeldern vorbei und durch kleine Ortschaften, doch der letzte Teil des Tages geht an der Straße entlang. Ich bin froh, dass wir uns entschieden haben, die meisten dieser Strecken per Bus zu überbrücken, aber auf dem Weg zu unserer Unterkunft geht es nicht anders. Es wird schon dunkel, als wir in den Waldweg einbiegen, der uns zum Grännäs B&B führt. Der Besitzer erwartet uns schon, und nach einem gemütlichen Abendessen fallen wir erschöpft ins Bett.

Am nächsten Morgen geht es nach dem Frühstück mit dem Boot weiter! Trotz des Nieselregens und des grauen Himmels macht es mich sehr glücklich, wie wir über das Wasser rauschen. Was wäre ein Trip in das Archipel ohne eine kleine Bootsfahrt? Nach 20 Minuten erreichen wir unser Ziel, wir bedanken uns und finden es ein bisschen schade, dass wir von diesem B&B so wenig gesehen haben, aber wir kommen einfach im Sommer wieder.

Der Weg heute ist kürzer als die letzten beiden Tage, mit der hartnäckigen Erkältung und jetzt auch noch mit dem Regen ist das aber in Ordnung. Die Höfe, an denen wir vorbeikommen, lassen mich in Kindheitserinnerungen schwelgen – genauso hab ich mir immer Bullerbü vorgestellt, obwohl wir in Finnland sind. Ich notiere mir, für die Zugfahrt nach Hause das entsprechende Hörbuch herunterzuladen.

Unser Ziel ist das Hotel Nestor – was uns wärmstens empfohlen wurde. Wir kommen um die Kurve und sehen die umgebaute Scheune, in der uns der Besitzer erwarten soll. Wie in den letzten Tagen erwarten wir ältere Leute, wie es in der Gegend bisher so war, jedoch werden wir von einem jungen, dynamischen Schweden empfangen, der etwa in unserem Alter ist. Er hat das Anwesen seiner Großeltern vor 4 Jahren übernommen und gemeinsam mit seinen Eltern zu einem Hotel umfunktioniert. Neben dem Restaurant findet sich auch ein Ausstellungsraum in dem Gebäude, das Ganze hat ein entspanntes, modernes Flair und überrascht uns völlig. Die jungen Leute kommen wieder zurück ins Archipel und bringen frischen Wind und ein stärkeres Naturbewusstsein mit. Die Möglichkeiten, die sich bieten, stellen für viele “Ausgewanderte” einen Anreiz zur Rückkehr dar.

Unser Zimmer ist riesig, minimalistisch eingerichtet. Wir machen einen Spaziergang zum Strand und finden einen wunderbaren Aussichtspunkt, mit tollem Blick über die Inseln. Wenn das Wetter mitspielt, wollen wir zum Sonnenaufgang wieder herkommen. Auf dem Rückweg stibitzen wir uns jede einen kleinen Apfel.

Zum Abendessen gibt es einen herbstlichen Eintopf und marinierten Weißkohl – was zunächst unspektakulär klingt, sich jedoch als absolut fantastisch herausstellt. Der junge Koch lässt sich von der Saison und dem Angebot der Region inspirieren, auch wenn er immer wieder betont, dass die Gerichte “simpel” seien. Geschmack und Präsentation sind alles andere als das – und der Abend wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. Dazu gönnt Rania sich ein Bier einer lokalen Brauerei, ich genehmige mir ein Glas Rotwein – vielleicht hilft’s ja gegen den Husten.

Der nächste Morgen ist grau und regnerisch, dennoch leuchten die bunten Farben der Bäume und der Häuser wunderbar. Leider hat der Rotwein keine Wunderheilung bewirkt und so entscheiden wir uns dafür, die heutige Wanderung sicherheitshalber sein zu lassen. Unser Weg führt uns zurück ins kleine Städtchen Nagu, in dem wir noch ein paar Tage in einem Haus am Wasser verbringen werden.

Die Schären sind immer wieder ein Erlebnis und voller Magie. Die Menschen sind freundlich, bodenständig, hilfsbereit und lieben ihr Zuhause. Die Natur macht es einem einfach, den Alltagsstress zu vergessen, und beim Wandern einfach nur einen Fuß vor den nächsten zu setzen hat etwas Meditatives, was ich sonst nirgends erlebe. Wir machen gleich Pläne, im Frühjahr die Strecke von Korppo bis auf die Åland Inseln weiterzuwandern. Weiter raus auf die Inseln…

Mehr Informationen über den Pilgerweg findet Ihr auch direkt auf der Webseite des Wanderwegs.

Text von Kathrin Deter
Bilder von Kathrin Deter und Rania Rönntoft von Northbound Journeys