Unentdecktes Juwel

Tarja Prüss

Åland ist anders

Wenn man nach Åland kommt, ist das, als ob man eine andere Welt betritt.
Åland, das ist Meer, klare Luft, Felsen, Natur.
Åland, das ist eine Inselgruppe in der Ostsee, bei der sich die Inseln aneinanderreihen wie Perlen auf einer Kette.
Åland, das ist Langsamkeit und Entschleunigen.
Åland ist finnisch und doch nicht finnisch.
Åland… Åland ist einfach anders.

Der Schärengarten vor Turkus und Helsinkis Küste ist einzigartig. Eine Art unentdecktes Juwel. 6.700 Inseln tummeln sich da in der Ostsee. Mal so groß, dass ganze Städte drauf passen, mal so winzig, dass nur eine Holzhütte Platz hat. Ein Inselreich, vom Meer abgeschottet, lange Zeit abgeriegelt von Einflüssen von außen. Mit durchschnittlich 1.900 Sonnenstunden pro Jahr ist es zudem die sonnenverwöhnteste Region innerhalb der nordischen Länder.

Ein Schatzkästchen

Schon der Name ist Programm. Eine Provinz, die mit dem schwedischen å beginnt. Auf finnisch: Ahvenanmaa. Åland ist ein Kleinod, ein Schatzkästchen, das die Piraten der Weltmeere vergessen haben mitzunehmen, einzunehmen, auszurauben. Gut so!

Åland hat eine eigene Fahne, eigene Nummernschilder, eigene Briefmarken, eigene Rechte, eigene Banken, eine eigene Verwaltung. Ein eigener kleiner Staat im Staat.
Åland genießt weitreichende Eigenständigkeitsrechte. So etwa das Heimatrecht, wonach nur echte Ålander Land erwerben dürfen.

Und auch die Ålander selbst sind anders: eigen, manchmal eigensinnig, unabhängig, stolz auf ihre Sonderposition. Sie sind seit jeher eng mit dem Meer verbunden. Fast jeder lebt hier vom Meer, mit dem Meer, auf dem Meer oder gegen das Meer. Was anderes bleibt einem auch nicht übrig, wenn alle paar Meter das Wasser das Land unterbricht. Man kann ihm schlicht nicht ausweichen. Und für mich ist es großartig, weil man überall am Wasser sitzen kann, einfach den Blick schweifen lassen kann und er bricht sich nicht dauernd an von Menschen gemachte Wirklichkeit.

Åland: immer am Meer entlang

Kommt man mit der Fähre von Turku, Helsinki oder Stockholm nach Mariehamn, der Hauptstadt, fallen sofort die roten Straßen, roten Gehwege und roten Häuser auf. Die Farbe stammt von den roten Granitfelsen der Insel. Die moderneren Häuser sind natürlich mittlerweile auch gelb oder blau, aber die Bootshäuser an der Küste sind nach wie vor alle rot, mit Ausnahme derer, die lange nicht gestrichen wurden. Das zweite, was sofort auffällt: alle Straßenschilder sind ausnahmslos auf schwedisch. Zweisprachigkeit wie sonst in Finnland üblich: Fehlanzeige. Die Ålander sind zwar vom Pass her Finnen, sprechen aber schwedisch und sind in der schwedischen Kultur stärker verwurzelt.

Auf Åland muss man immer nur wenige Schritte gehen, egal in welche Himmelsrichtung, und man ist gleich am Meer. Alte stolze Segelschiffe im Hafen von Mariehamn zeugen von einer langen Seemannsgeschichte. Man meint die knorrigen alten Planken der uralten Segelschiffe leise knarren zu hören. Wie beim Museumsschiff „Pommern“ mit ihren Masten und Takelagen, das zu den Top-Sehenswürdigkeiten zählt und insbesondere zur Sonnenuntergangsstimmung ein Bilderbuchmotiv für alle Fotografen darstellt. Die maritime Atmosphäre ist überall spürbar. Sei es beim Denkmal für die Seemänner, die nicht mehr von hoher See zurückkehrten, beim Schifffahrtsmuseum mit dem großen Anker davor oder die Galionsfiguren als stumme Zeugen der langen Seefahrer- und Bootsbauergeschichte.

Als wäre man in ein Kinderbuch gepurzelt

Beim Spazierengehen durch Mariehamn fühle ich mich hinein katapultiert in eine andere Welt.
Als wäre man in ein Kinderbuch gepurzelt, in dem es bunte Holzhäuser und nette Menschen gibt und alles Böse fern.
Prachtvolle Villen, malerische Alleen, romantische Ufer. Kompass und Schiffslaternen, Poller und Planken, Bullaugen und Bojen. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass es mich nicht wundern würde, wenn gleich ein Seebär um die Ecke käme, mit Holzbein, einem schelmischen Lächeln und gewandet wie vor 100 Jahren.

Ich schlendere am Ufer entlang und bin geblendet von den abertausenden Glitzersternchen, die die Sonne auf dem Wasser zaubert. Irgendetwas zieht mich ans Ufer – ich setze mich auf einen der zahllosen Felsen, von der letzten Eiszeit und vom Wasser glattgeschliffen, und lasse die Augen über das Wasser wandern.  Das Wasser ist so klar, als würde man durch einen Spiegel schauen.  Zwei Miniquallen lassen sich von den Wellen hin und herschaukeln – treiben um die kleinen Steine herum und lassen sich fast ans Ufer spülen. Ihre Zeichnung ähnelt einem Gesicht – sie lächeln mich an.

Nur gut 26.000 Menschen leben auf den Inseln, 11.000 davon in der Hauptstadt Mariehamn. 700 Jahre standen sie unter schwedischer Herrschaft. Historisches Zeugnis ist das Schloss Kastelholm aus dem 14. Jahrhundert, das früher dem schwedischen Königshaus unter anderem als Jagdschloss diente. Gleich in der Nähe befindet sich übrigens ein schönes Open Air Museum mit alten Holzhäusern.
Doch auch wenn sie unter schwedischer und später russischer Herrschaft gelebt haben, nichts hat sie so sehr geprägt wie die Nähe zum Meer – eine maritime Gesellschaft. „Das Meer gibt und das Meer nimmt und nichts ist umsonst“, sagt Hanna Hagmark-Cooper, Chefin des Seefahrtsmuseum von Åland, und trifft damit die ålandische Einstellung zum Meer.

Sonderstatus

Eine weitere Besonderheit: Åland ist demilitarisierte Zone. Es ist neutral, darf nicht militärisch befestigt werden, Soldaten werden nicht geduldet. Die Grundlage dafür wurde schon während des Krimkrieges 1856 gelegt, als das russische Zarenreich eine große Festung auf Åland baute, die schließlich von englischen und französischen Truppen angegriffen und eingenommen wurde. Im Pariser Frieden wurde Åland dann demilitarisiert und der Völkerbund hat das 1921 nochmal bestätigt. Somit entfällt auch der Wehrdienst. Stattdessen können junge Ålander Lotsen-, Leuchtfeuer- oder Zivildienst machen.

Viele der Sonderrechte, die der finnische Staat den Ålandern zugesprochen hat, widersprechen eigentlich europäischem Recht, doch auch hier hat man durch geschicktes Verhandeln Sonderverträge erreicht, sodass Åland innerhalb der Europäischen Union seine Sonderrolle, seine Eigenständigkeit leben darf.

Apfelland

Schon nach nur einem Tag habe ich mich dem gemächlicheren Rhythmus der Ålander angepasst. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie sich hier in der Hauptstadt das Leben so angenehm wie möglich machen möchten. Läden öffnen erst um 10 Uhr morgens, manche schließen aber bereits um 16 Uhr wieder. Es gibt Hotels, die nur am Wochenende offen haben, dafür schließen aber viele Restaurants bereits um 21 Uhr. Das gilt jedoch nur für die Nachsaison, wie man mir versichert.

Der Busfahrplan dagegen kommt einem Geheimcode gleich. Den zu entschlüsseln, braucht es schon ein paar James-Bond-Filme. Belohnt wird man dafür mit Musik und gratis W-Lan im Bus. Und der transportiert einen durch die malerische Landschaft, vorbei an lieblichen Apfelplantagen und rotgestrichene Holzhäuser, als wären sie gedankenversunken in der Landschaft verstreut worden. Kleine Höfe wie aus einem Astrid-Lindgren-Buch entstiegen mit kleiner Veranda und weißgetünchten Fenstern.

Auf 270 Hektar werden hier Äpfel angebaut. 3 Millionen Kilogramm werden jedes Jahr vor allem in Geta, Finnström und Vårdö geerntet. Das wird im Herbst mit einem großen Erntefest gefeiert, das sich über zahlreiche Inseln zieht. Die Höfe öffnen dann ihre Pforten, Kinder können die Schafe streicheln und die regionalen Produkte können gleich vor Ort besichtigt und gekostet werden. Ergänzt wird das Erntefest durch einen Markt in der Hauptstadt Mariehamn – und gleich neben dem Rathaus gibt es Aerobic zum Mitmachen. Erntedank auf allen Ebenen.

Doch ich gehe lieber die Spezialität probieren: Ålands Pannkaka: ein mehrere Zentimeter dicker Eierpfannkuchen mit Kardamom, viel Beerensoße dazu und noch viel mehr Sahne.

Entschleunigen und Entspannen

Die Inseln laden zum Wandern und Verweilen ein. Man kann sie zu Fuß, mit dem Auto, dem Fahrrad oder außen entlang auf Schiffen, Kajaks und Ruderbooten erkunden. Übernachten kann man auch sehr kurzfristig in den vielen Bed- & Breakfast-Pensionen, die es auf jeder Insel gibt. Egal, welches Transportmittel man auch wählt, man wird betört von dieser unglaublich schönen, faszinierenden, atemberaubenden Landschaft in Südfinnland. Mir geht bei diesem Anblick das Herz ganz weit auf und die Seele atmet durch und die frische Meeresbrise ein.

Rote Felsen, die sich in sanften Erhebungen bis zur Küste ziehen – knorrige Fichten, die seit vielen vielen Jahren Wind und Wetter trotzen – kleine Flechten und Moose, die tapfer zwischen und auf den Felsen wachsen – und überall dazwischen große Felssteine, die keinem Muster folgend durcheinander gewürfelt da liegen und einem wieder und wieder das Laufen erschweren, weil man um sie herum oder über sie drüber steigen muss. Dafür wird man jedoch mit einem ständig wechselnden Ausblick belohnt.  

Das Meer ein ständiger Begleiter mit seinem Rauschen, die Wellen sanft ans Ufer schlagend und sich dort brechend – die Zweige, die unter den Füßen leise knacken – der ultraweiche Waldboden, in den man zentimetertief einsinkt.  Und häufig keine Menschenseele weit und breit.

Da man sich hier manchmal vorkommt, als wäre man zwischen die Seiten eines Märchenbuches gepurzelt, würde es mich nicht wundern, wenn in den kleinen Wäldchen zwischen den Ufern auch kleine Kobolde wohnen, die natürlich nicht gesehen werden wollen. Oder Schiffsgnome, Wassergeister oder Meerestrolle.

Bei meinem nächsten Besuch werde ich die Einheimischen danach fragen. Denn ich werde wiederkommen. Sehr bald schon, denke ich, als ich wieder die Fähre nach Helsinki besteige.

Mehr zu Åland erfahren Sie hier.

Text und Bilder von Tarja Prüss