Unberührte Natur Kareliens

Udo Haafke

Auf  Fotosafari in Finnland

Lassi Rautiainen schläft den Schlaf des Gerechten, während ich durch die schmalen Fenster hinaus auf die tundraähnliche Landschaft schaue. Leise und gleichmäßig schnarcht er vor sich hin. Gemütlich ist seine Lagerstätte auf dem Fußboden unseres Beobachtungsstandes nicht, auch nicht wirklich bequem, eher zweckmäßig. Die kleine, kaum mannshohe und dunkle Hütte, in der wir die Nacht verbringen, ist mit zwei Monobloc-Stühlen aus anspruchslosem Kunststoff ausgestattet, ein paar schmale Regale an der Rückwand. Den Komfort könnte man allenfalls als spartanisch bezeichnen. Unsere Ausrüstung, Tasche und Verpflegung, Tee und Brote, haben wir ebenfalls irgendwo auf dem Boden, dort wo sich Platz fand, deponiert.

Allerdings hat diese Hütte ihren besonderen Sinn fernab von Freuden gepflegter Sommerfrische: sie dient zur Naturbeobachtung und Naturfotografie. Letztere wird ermöglicht durch sorgfältig angelegte und nach Außen getarnte Gucklöcher. Lange Teleobjektive passen hier genau hinein. Die dazugehörigen Kameragehäuse lassen sich mit entsprechenden Stativköpfen auf genau angepasste Halterungen fixieren und ermöglichen somit eine professionelle Handhabung. Mehrere dieser Öffnungen erlauben auch den Einsatz verschiedener Kamera/Objektiv-Kombinationen. Schmale, längliche Fenster gewährleisten die Sicht nach draußen, es besteht also keine Notwendigkeit permanent durch den Sucher zu blicken.

Es ist bald Mitternacht, die Sonne gerade hinter dem Horizont verschwunden. Einige Watvögel tummeln sich noch auf dem sumpfigen Untergrund, sind durch das Objektiv kaum auszumachen, müssen daher ständig verfolgt werden, um sie nicht aus dem Fokus zu verlieren. Im Zentrum des Blickfeldes steht ein knorriges graues Baumgerippe, dessen Silhouette durchaus in texanische Wüstenpanoramen einschlägiger Wildwestfilme passen würde. Mal bevölkern Möwen die kargen, blattlosen Äste, mal Schwalben, selbst ein Buntspecht macht hier Rast. Doch jetzt als die kurze Dämmerung hereinbricht, ohne dass sich eine Art von richtiger Dunkelheit einstellen will, herrscht eine beinahe unwirkliche Ruhe, eine fühlbare intensive Nähe zur Natur. Lassis Schnarchen überhöre ich da gerne.

Mein Blick schweift permanent von rechts nach links und wieder zurück. Der Müdigkeit versuche ich bisher erfolgreich zu widerstehen. Und dann, plötzlich, bewegt sich ein dunkler Schatten am Rande des kleinen Wäldchens. Rasch, hektisch, offensichtlich aufgeregt. Ein Bär. Unsanft reiße ich Lassi aus dem Schlaf. „Lassi, da kommt einer! Ein Bär.“ Schlaftrunken erhebt er sich, blinzelt hinaus und ist sofort hellwach. Aktiviert seine bereits präparierten Kameras und ein wildes Klicken beginnt. Gespannt verfolgen wir durch den Sucher die Bewegungen und den Lauf des mächtigen Tieres, das unsere Anwesenheit trotz der Distanz möglicherweise irgendwie bemerkt. Unruhig geht der Bär auf und ab, hält inne, um gleich darauf weiter zu eilen. Nach wenigen Minuten bereits ist er wieder aus der Reichweite unserer Optiken im nächsten Waldstück verschwunden. Dann heißt es erneut geduldig warten. Es könnte noch ein weiteres Tier kommen, doch Lassi winkt ab. „Bis gegen drei Uhr können wir nicht so viel machen. Dann aber kommt die Sonne zurück.“ Sprach´s mit all seiner Routine und kuschelt sich auf dem Boden zusammen, um bald darauf sein sonores Schnarchen verlauten zu lassen.

Erfreut über das Ereignis, über die erste, wenn auch entfernte Begegnung mit einem Bären in freier Wildbahn, versuche ich mich ebenfalls in der Augenpflege, schaffe es jedoch lediglich bis in eine Art Halbschlaf, ungeschickt verkeilt zwischen Stuhlbeinen, Rucksack und Fototasche. Prompt bin ich dann auch mit den ersten Sonnenstrahlen wieder auf Posten. Großer Brachvogel und Grünschenkel kommen während ihres Frühstücks unserer Hütte ausgesprochen nah und erweisen sich als dankbare Fotomotive. Bären allerdings tauchen nicht mehr auf.

„Morgen Abend hast Du im Wald eine neue Chance. Dort kommen vielleicht auch die Wölfe vorbei, mit etwas Glück sogar ein Vielfraß.“ Lassi macht mir Mut, während wir zurück zum Auto stapfen, dabei die niederländischen und finnischen Kollegen einsammeln, die in zwei weiteren Hütten auf Fotopirsch ansaßen. Seine Erfahrung und sein Wissen aus 30 Jahren Arbeit in und mit der Natur und den Raubtieren stimmen mich zuversichtlich. Fasziniert blättere ich dann später im sogenannten Basislager, der Kuikka-Lodge, einem idyllischen Feriendomizil inmitten der Wildnis, in Lassi Rautiainens Büchern und Bildbänden. Es reift die Erkenntnis heran, dass nur eine ständige Präsenz am Ort und sehr, sehr viel Geduld wirklich gute Bildergebnisse liefern. Bei einem Aufenthalt von gerade einmal ein oder zwei Nächten regiert das Prinzip Zufall.

Geschlafen wird tagsüber bevor es dann am frühen Abend hinausgeht zum Beobachtungsstand im Wald. Hier bin ich allein, eine zweite Person hätte in diesem Verschlag eh keinen Platz mehr. Die Ausstattung ist auch hier eindeutig zweckbestimmt. Hier dominieren noch mehr die unterschiedlichen, sehr gut getarnten Öffnungen für die Objektive, die in diversen Richtungen angebracht wurden. Doch das Glück ist mir in dieser Nacht nicht hold. Die Bären und Wölfe, die sich hier üblicherweise, natürlich nicht gleichzeitig, einfinden, und auf nur wenige Meter Entfernung heran kommen würden, lassen mich im Stich. Der Einzige, der mir die Nacht verkürzt ist ein Kuckuck, der mal weit weg, mal aber auch ganz nah seinen markanten Ruf erschallen lässt. Einmal scheint er sogar direkt auf oder über meinem Übergangsdomizil Platz genommen zu haben. Derart geräuschvoll dringt sein Ruf in meine Ohren, dass diese beinahe zu klingeln anfangen. „Ja, das kommt vor“, kommentiert Lassi tags darauf bedauernd meine nächtlichen Erlebnisse, „dafür werden wir heute Abend ein kleines Alternativprogramm haben: es geht um Eulen.“

Lassi war wohl mehr oder weniger der Erste, der in den 70er Jahren damit begann, die scheinbar noch intakte und unberührte Natur zu beobachten und, wichtiger, der sie auch fotografisch abbildete. Da sein Beobachtungsgebiet jedoch unmittelbar an der finnisch-russischen Grenze im grenzüberschreitenden Karelien lag und liegt, mussten zunächst einmal komplizierte bürokratische Hürden umschifft werden. Schließlich jedoch konnte er sogar damit beginnen, kleinen Gruppen von Kollegen aus dem Bereich Naturfotografie und -film einzuladen, um ihnen auch diese Möglichkeiten einzuräumen. Damals entstanden die ersten Hides (Verstecke) in Kuhmo, die kleinen und bescheidenen, aber sehr effektiven Beobachtungsstände, in nur geringem Abstand zum Grenzverlauf.

Im Rahmen des Wild Taiga Projektes hat nun jedermann Gelegenheit solch faszinierende nächtliche Abenteuer zu erleben und auf fotografische Jagd nach den letzten Raubtieren des Nordens zu gehen. Für mehr ornithologisch Interessierte gibt es spezielle Unterstände an besonderen Plätzen, die in erster Linie als Aufenthaltsgebiet für Wat- und Stelzvögel bekannt sind. Doch für uns geht es nun zunächst mit dem Auto und dann per Pedes auf Eulenpirsch. In Begleitung eines Wildhüters erforschen wir drei Nisthöhlen dreier unterschiedlicher Eulenarten. Durch das Unterholz pirschend mahnt unser Guide nochmals, dass die Eltern der Kleinen durchaus zu Aggressivität neigen können, wenn ihr Nachwuchs einer Gefahr ausgesetzt ist, und Angriffe fliegen, die sehr schmerzhafte Verletzungen hervorrufen können. Dies gilt vor allem für den Habichtskauz, der zweitgrößten europäischen Eulenart.

Eine kurze Kontrolle der Höhle bringt das ernüchternde Ergebnis: die drei Jungen sind nicht mehr da. Aufmerksam spähen wir in der näheren Umgebung umher und tatsächlich, völlig unbeweglich, ja fast apathisch, hockt ein wuscheliger, grau-schwarzer Jungvogel auf einem dünnen Ast nicht weit von seiner Geburtsstätte entfernt. Er starrt die menschlichen Besucher mit großen Augen an. Trotzdem wirkt er eher verschlafen und zwinkert gegen das Licht der Abendsonne. Jetzt ist größte Vorsicht geboten, denn die Mutter wird nicht sehr weit sein und auf alle Fälle bereit ihre Kinder zu verteidigen. Doch nichts passiert, auch nicht als der Wildhüter die obligatorische Beringung und Vermessung des Tieres vornimmt. Dabei bieten sich natürlich Gelegenheiten für ein paar gelungene Fotos. Nicht weit entfernt entdeckt er dann auch einen zweiten jungen Habichtskauz.

Aufgeschreckt durch flatternde Geräusche aus den Baumwipfeln über uns, blicken wir nach oben und entdecken das Muttertier, welches das Geschehen um ihren Nachwuchs bemerkt hat und nun argwöhnisch beobachtet. Mehrmals wechselt sie ihren Standort, doch ein beherzter Angriff findet nicht statt. Sie lässt uns gewähren und ist vermutlich mehr als froh und beruhigt, als die merkwürdig gekleideten Zweibeiner mit den noch merkwürdigen fototechnischen Gerätschaften sich wieder zurückziehen.

Die Mutter der winzigen Sperlingskäuze bleibt unerkannt und ungesehen, während das gleiche Prozedere ornithologischer Forschungsnotwendigkeiten mit ihren beiden Jungen durchgeführt wird. Die zwei können nur mit einem einzigen Attribut umschrieben werden: süß! Flauschige, braune Wollknäuel mit großen, gelben Augen, deren Kuschelfaktor gen 100 Prozent tendiert und die fraglos der Hit in jeder Stofftier-Sammlung wären. Mit stoischer Gelassenheit ertragen sie alle Umstände inklusive der nervenden Mückenschwärme, die das Fotografieren erheblich beeinträchtigen. Der Eulenzwerg macht indes seinem Namen alle Ehre. Kaum größer als ein Haussperling wirken die Jungen fast zerbrechlich. Selbst von den nun doch leider scharenweise auftretenden Mückenschwärme, die uns erheblich zusetzen, scheinen sie überhaupt keine Notiz zu nehmen.

Gegen Mitternacht, es dämmert unmerklich, erreichen wir im dichten Kiefern- und Birkenwald die letzte Bruthöhle. Hier erwarten uns drei junge Bartkäuze, ebenfalls im grauen Flauschepelz. Beide Elterntiere entdecken wir im Dämmerlicht in der Nähe, doch auch diese bleiben auf ihrem Posten ohne einzugreifen. Selbst das kleine Blitzlichtgewitter, welchem ihr Nachwuchs ausgesetzt sind, ändert ihr Verhalten nicht. Und den Kleinen scheint das alles sowieso ziemlich egal zu sein. Kopfüber an der Federwaage zu hängen, das gehört für sie wohl zum Erwachsen werden dazu. Das Leben kann so wunderlich sein.

Im finnisch-russischen Grenzgebiet wirkt die Landschaft ursprünglich, aber irgendwie auch sehr monoton. Jedenfalls aus der Entfernung betrachtet. Endlose Birkenwälder durchzogen von kleinen Bachläufen, unterbrochen von Seenflächen unterschiedlichster Größe, und immer wieder Birken und Fichten. Nicht so eng gewachsen wie in heimischen Monokulturen, eher etwas weitläufiger in den Abständen untereinander, aber auf den ersten Blick und beim Vorbeifahren eigentlich recht langweilig. Doch dieser Eindruck täuscht gewaltig, wie ich beim sommerlichen Huskytrekking mit Routa Travel in Kuhmo erstaunt feststelle.

Huskys verbindet man ja zunächst mit Winter, tiefem Schnee und rasanten Hundeschlittentouren, aber zur Sommerzeit sind die Tiere mit den hellen klaren Augen auch ideale Begleiter zum Huskywandern oder Huskytrekking. Beim Trekking erhält jeder Teilnehmer einen Hund, welcher quasi als Zugmaschine fungiert und ihn mittels spezieller Leine und Geschirr hinter sich herzieht. Sie marschieren gehörig, suchen immer wieder einmal eine Wasserstelle und schlabbern mit ihrer langen Zunge das erfrischende Nass, ohne allerdings wirklich zum Stehen zu kommen. Es bleibt letztlich kaum Zeit zum Verschnaufen, so sehr freuen sich die Tiere laufen zu können.

Die Wege, auf denen wir unterwegs sind, führen oft über schmale, hölzerne Bohlen, manchmal auch über ausgetretene Waldpfade durch die flache Landschaft. Bei genauerer Betrachtung fallen hier dann tatsächlich größere Unterschiede auf. Zunächst ist der Boden fast überall feucht und moorig. Ein versehentliches Verfehlen einer Bohle hätte unweigerlich nasse Füße zur Folge, daher muss man gut aufpassen und darf nicht zu schnell mit seinem Hund werden. Quietschen und Knirschen von Wasser, Erde und Gras mischt sich mit dem aufgeregten übermütigen Japsen der Hunde. Die Bäume in den moorigen Bereichen sind oft abgestorben und ragen waidwunden Riesen gleich in die Höhe, während sich hellgrüne Flechten ihrer bemächtigen. Tundra und Taiga und deren verschiedene Vegetationsformen treffen hier aufeinander und bilden ein Gemenge aus Espen und Birken, Lärchen, Kiefern und Fichten, aus niederen Gräsern und Gebüsch.

Auch hier in Karelien soll es zuweilen vorkommen, dass es ein klein wenig regnet. Dann macht die Naturbeobachtung in der freien Wildbahn naturgemäß nicht mehr ganz so viel Freude. In Kuhmo hat man daher das Petola Visitor Centre eingerichtet, in welchem alle Sehenswürdigkeiten der Wildnis in dieser Region zusammengetragen wurden und sehr anschaulich zur Präsentation kommen. Dazu gehört einerseits hervorragendes Filmmaterial renommierter skandinavischer Naturfilmer, das auf einer Großbildwand im Auditorium gezeigt wird, andererseits die sehr anschauliche, multimediale und haptische Darstellung der Lebensräume der Tierwelt von Wolf, Vielfrass, Bär und Luchs.

Tipp von Deinem Dein Finnland Team

Wenn Du auch einmal das Abenteuer erleben möchtest, einen Bären in freier Wildbahn zu sehen, dann nimmt Dich Troll Tours mit auf diese Reise.

Mit skandinavientrips erwarten Dich neben Bären sogar noch Luchse und Wölfe.

Von Mai bis August nimmt Dich TUJA Reisen in die Region Kainuu ins Wildmarkzentrum Martinselkosen Eräkeskus mit und zeigt Dir die atemberaubende Welt der Bären.

Bilder von Udo Haafke und Wild Taiga