Tango in Turnschuhen

Monika Hippe

Oder wo der Topf seinen Deckel sucht

Was haben Argentinien und Finnland gemeinsam? Die meisten werden es kaum glauben: Es ist der Tango! Gemeinsam mit Buenos Aires gehört Seinäjoki zu den führenden Tangostädten der Welt. Während des jährlichen Tangofestivals im Juli wird die Kleinstadt im Südwesten für fünf Tage zum Herzschlag Finnlands.

Es ist erst drei Uhr am Nachmittag und die Kirchenstraße hat sich bereits in eine Tanzfläche verwandelt. Aus den Lautsprechern federt eine Bassstimme – so tief und weich wie der Wanderschuh in einem finnischen Mooskissen. Ich stehe am Rand und schaue zu, wie die Herren die Damen im Wiegeschritt über den Asphalt schieben.

Die Sonne brennt mir im Nacken, in den Kniekehlen sammelt sich Schweiß. Dabei bewege ich mich doch noch gar nicht! Ein Brillenträger lässt seine Partnerin kurz los und spannt seinen Kopf-Regenschirm auf, damit er ihm Schatten spendet. Andere haben vorsorglich Strohhüte aufgesetzt. Bei vielen Tänzern entspricht das Aussehen ganz und gar nicht dem Klischee vom Tango-Outfit: Manche Pärchen wirbeln in Jogginghose und Turnschuhen über die Straße. Einige Männer schwofen unter Cowboyhüten und in Sporenstiefeln. Ich frage mich, ob sie ihre Bräute nach dem letzten Tanz wohl über die Schulter legen, sie zu ihren Pferden schleppen und zurück ins Marlboro-Land reiten. Ein anderer hat offenbar seine Karnevalsperücke aus dem Keller hervorgekramt. Seine Partnerin zupft vorsichtig an den blonden Zotteln, die ihm bis auf die Schultern fallen.

„Wichtig ist nicht das Aussehen, sondern das Gefühl für die Musik“, sagt Tanzlehrer Tomi, der meine verwunderten Blicke bemerkt hat. „Hier trägt jeder was er mag, und bei Regen tanzt man eben in Gummistiefeln.“ In der nächsten Stunde zeigt er mir die Grundschritte: Rück-Rück-Wiegeschritt-Rück-Seit-Schließen. Dabei lächelt er die ganze Zeit – selbst wenn ich ihm auf die Füße trete. Mit seiner Freundin Arja klappt das natürlich um einiges besser. Beiden hat das Leben eine athletische Figur geschenkt. Sie trainieren viel und haben schon an einigen Wettbewerben teilgenommen. Jedes Jahr kommen sie zum Tangofestival nach Seinäjoki, zwei Autostunden von Tampere entfernt. Zu dieser größten Kulturveranstaltung Finnlands erwacht die 60.000-Einwohner-Stadt aus einer Art Dornröschenschlaf. Mehr als 100.000 Besucher reisen an. Die Hotels sind lange im voraus ausgebucht, weshalb auch ich mich außerhalb einquartieren musste. Die Kirchenstraße wird für Autos gesperrt und heißt vorübergehend ‚Tangostraße’. Drei Tage und Nächte frönen Hobbytänzer wie Profis ihrer Leidenschaft – größtenteils unter freiem Himmel. Es gibt mehrere Bühnen mit unterschiedlichen Musikstilen, Konzerte, Tanz- und Gesangswettbewerbe.

Tomi erklärt mir, dass der finnische Tango etwas langsamer ist – praktisch eine Art „Gehtango“, bei dem man mehr Körperkontakt hat, als bei der argentinischen Variante. Schon 1913 kam der Tango nach Finnland und entwickelte hier während des zweiten Weltkriegs seine melancholische Takt,- und Tonfolge. Neben der Melodie sind auch die Texte wichtig. Häufig in Moll handeln sie von Mutter Natur, von Nostalgie, Weltschmerz und unglücklicher Liebe. Eine Redenswendung sagt: Je trauriger die Musik, desto glücklicher der Finne.

Bevor auf der Tangostraße alle richtig glücklich werden, veranstaltet die Moderatorin erst noch einen Cha-cha-cha mit der Polizei. Zwei Männer in Uniform und zwei Frauen in Sträflings-T-shirts (alle natürlich nur verkleidet) tanzen in der ersten Reihe nach ihren Anweisungen vor. Ich stehe dahinter mitten in der Menge. Wir ahmen die Schrittfolge nach – und kommen dabei richtig ins Schwitzen. In einer Pause kühle ich meine Sinne bei einem Cidre. In der Luft liegt der würzige Duft von Rentiergeschnetzeltem und Mustamakkara (gegrillter Blutwurst). Obendrein verkaufen die Budenbesitzer auch T-shirts mit Elch-Motiven. Aber die Souvenirs müssen warten. Denn gleich starten die Tanzwettbewerbe in der Halle, einige Cha-cha-chas von der Tangostraße entfernt.

Drinnen ist die Luft ziemlich stickig, aber jede Menge los. Männer in eng anliegenden schwarzen Anzügen mit Nummern auf dem Rücken wirbeln Frauen in Prinzessinnen-Kleider mit Schwung übers Parkett. Dabei werden sie von Fernsehteams gefilmt. Wir Zuschauer sitzen auf Bänken wie in einer Arena. Ich kann gar nicht so schnell schauen, wie die Paare durch die Halle fliegen. Aber kaum jemand lächelt dabei. Stattdessen steht in den Gesichtern höchste Konzentration. Tanzwettbewerbe sind eben echter Sport, manchmal auch pure Akrobatik, wie bei Nummer 224: Er beugt seine Partnerin tief über den Rücken hinunter, dass ihre Haare den Boden berühren. Fast so als wäre sie eine Schlangenfrau. Dafür müssen sie jahrelang geübt haben.

Später schlendere ich zurück zur Tangostraße. Die Mitternachtssonne scheint noch immer taghell. Trotzdem tanzen die Paare nun enger, manche Wangen berühren sich. Die eine oder andere Hand rutscht unter die Bluse der Liebsten. Wer seine Traumfrau noch nicht gefunden hat, hofft, sie hier zu treffen. Denn im dünn besiedelten Finnland liegen oft endlose Wälder zwischen dem Topf und seinem Deckel, so dass es lange dauern kann, die Richtige zu entdecken. Deshalb gilt das Tangofestival auch als Heiratsmarkt. Hier ist die Auswahl groß und die Kontaktaufnahme einfach.

Bei der Frage „Saanko luvan?“ (darf ich bitten?), gilt ablehnen als unhöflich. Und so muss auch ich bald zuvor Gelerntes anwenden. Ein ganz passabel aussehender Mann mittleren Alters (ohne Cowboyhut oder Rastalocken) fordert mich auf. Statt Saanko luvan sagt er „Luvaton Lempi“ und zeigt in den Himmel. Erst viel später, als ich seine Worte im Web übersetze, verstehe ich was er meinte: Das gespielte Lied heißt Luvaton Lempi – heimliche Liebe. Ob er mir damit sagen wollte, dass er verheiratet ist? Schließlich wird auf dem Fest auch manche Affäre begonnen oder gepflegt. Beim Tanzen drückt er mich fest an sich. Das irritiert mich so, dass ich mehr stolpere als dem Schritt folgen kann und ihm dabei ein paarmal auf die Füße trete. Netterweise bleibt er höflich und lächelt. Mit dem nächsten Tanzpartner klappt es schon ein bisschen besser. Danach bin ich ziemlich erschöpft von den vielen Eindrücken und fahre zurück in mein Hotel.

Am nächsten Tag steigt die Spannung. Der Höhepunkt des Festivals ist die Krönung des neuen Tangokönigspaares aus dem Gesangswettbewerb. Bei der Auswahl zählt nicht nur eine gute Stimme, sondern der Gesamteindruck. Aber vorher singen die Gewinner vom Vorjahr noch ein letztes Lied. Die Zuschauer jubeln und wiegen bei den ersten Klängen ihre Hüften im Takt. Paare lächeln und schmiegen sich glücklich aneinander. Weibliche Singles in der zweiten Lebenshälfte schmachten Richtung Bühne, als würden sie nichts mehr herbeisehnen, als in den Armen des smarten, aber scheidenden Tangokönigs im Tanzrausch zu versinken.

Als das neue „Königspaar“ angekündigt wird, fiebern die Bewerber – junge Karel Gotts und Marianne Rosenbergs – dem Ergebnis entgegen. Kein Wunder, denn auf die Gewinner wartet eine Karriere als nationaler Schlagerstar. Die Klatschspalten werden sich um Informationen aus ihrem Berufs- und Privatleben reißen. Dann ist es soweit: Die Moderatorin setzt dem neuen König und der Königin je eine goldene Krone auf den Kopf. Damit sind für sie sogar schon die Plattenverträge abgeschlossen. Auch wenn die beiden in Zukunft eher Pop und Schlager singen werden und im nächsten Jahr ihre Kronen schon wieder an die Nachfolger abgeben – dem finnischen Tango werden sie immer verbunden bleiben. Genauso wie die Tangofans um mich herum, denke ich. Bei ihnen spürt man, dass sich dieser Rhythmus tief in ihre Seele gegraben hat. Der Tango gehört einfach zur einheimischen Lebensart, wie der Saunabesuch mit anschließendem Sprung in den See. 

Wo kann ich tanzen

Das Tangofestival findet in diesem Jahr vom 6. – 10.7. statt. Zu den Veranstaltungen gehören ein Eröffnungszug, Straßentänze, Tanzwettbewerbe, Gesangswettbewerbe, Tanzschulveranstaltungen, Parade der Tangostars etc. Für die verschiedenen Veranstaltungen gelten unterschiedliche Eintrittspreise. Der Tangopass gilt für alle fünf Tage und kostet ca. 125 €.

Bilder von Thomas Krämer und Monika Hippe