Slush

Ansgar Frankenberg

Das Mekka der Tech-Startups

Die Halle 1 der Messe Helsinki ist kaum wiederzuerkennen. Die Wände sind mit schwarzem Stoff ausgekleidet, Traumfänger und Schaukeln hängen von der Decke und unzählige Scheinwerfer tauchen die Halle in ein geradezu mystisch anmutendes Licht. Nichts ist zu sehen von dem sonst so sterilen Weiß der Messe mit seinen eintönigen, schnurgeraden Gängen in denen sich scheinbar identische Ständen aneinanderreihen.

Eine Konferenz der besonderen Art

Nein, zu Slush ist alles etwas anders hier auf der Messe. Und nicht nur hier, sondern in der ganzen Stadt. Über 17.500 Startupenthusiasten sind hierhergekommen, um bei einem der größten Tech-Startup-Events der Welt dabei zu sein. Das Spektakel lockt Entrepreneure, Investoren und Journalisten aus der ganzen Welt an. Teilnehmer aus über 100 Ländern sind auch dieses Mal wieder dabei. Sogar ein Direktflug von San Francisco nach Helsinki wurde organisiert, um das Who-is-who aus Silicon Valley einzufliegen. Und die Anreise lohnt sich.

Von 300 zu 17.500 Teilnehmern in acht Jahren

Die Anfänge der Veranstaltung liegen dabei gar nicht so weit zurück. Im Jahr 2008 fand das erste Slush in Korjaamo, der alten Straßenbahngarage im Herzen der Stadt statt. Organisiert wurde es damals von einigen wenigen Technikbegeisterten um Peter Vesterbacka, später besser bekannt als Mighty Eagle bei der Angry Birds Mutterfirma Rovio. Damals kamen gerade einmal 300 Besucher zu Slush, um über Startups, neue Technologien und nicht zuletzt die wirtschaftliche Zukunft Finnlands zu sprechen. Es war die Zeit, als der Technologiekonzern Nokia durch den Einbruch seines Mobilfunkgeschäfts gewaltig unter Druck geriet.

Nachdem das erste Slush im eher intimen Rahmen stattfand, tat sich Vesterbacka mit einer Gruppe enthusiastischen Studenten der Aalto Universität zusammen, um das Konzept auszubauen. Die Hauptverantwortung legte er in die Hände von Mikki Kuusi. Der schaffte es, in nur wenigen Jahren aus Slush ein Event mit über 15.000 Besuchern zu machen. Mehrfach musste man sich nach neuen Lokalitäten umsehen. Nachdem Slush für einige Jahre in die alte Kabelfabrik in Ruoholahti im Westen der Stadt zog, reichte bald auch da der Platz nicht mehr aus und als einzige Alternative blieben die Messehallen, wo Slush nun bereits im dritten Jahr stattfindet.

Außergewöhnliche Gäste aus der ganzen Welt

Was an Slush besonders fasziniert, ist zum einen das Programm. Slush hat sich über die Jahre zu einem Treffen der Tech-Szene entwickelt. Erfolgreiche Unternehmer wie Daniel Ek, Gründer des Musikstreamingdienstes Spotify, Supercell CEO Ilkka Paananen, Skype Co-Founder Niklas Zennström oder Chris Barton von Shazam drücken sich hier quasi die Klinke in die Hand. Auf sechs verschiedenen Bühnen wird Besuchern parallel ein volles Programm von Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Gesprächen und Präsentationen geboten.

Eine der Bühnen ist dabei ausschließlich den Startups vorbehalten. Aus mehreren hundert Einsendung wählen die Organisatoren vor Beginn des Events die Slush 100 aus. Dabei handelt es sich um erfolgversprechende Startups, die während der zwei Tage die Chance erhalten, ihre Idee und ihr Unternehmen vor einer Jury von erfahrenen Unternehmen in nur wenigen Minuten vorzustellen. Zum Ende des zweiten Tages wird dann aus vier Finalisten der Sieger ermittelt, der mit einem Investment von 500.000 € nach Hause geht.

Eine Chance für Startups, auf sich aufmerksam zu machen

Für den Wettbewerb hat sich dieses Mal auch die Firma Virtual Traveller angemeldet. Sie bieten mit ihrem Service die Möglichkeit, virtuell die ganze Welt zu bereisen. Mit einem Headset, in das man das eigene Handy einhaken kann, wird man virtuell an das andere Ende der Welt versetzt und kann sich zum Beispiel in Australien oder Indien umschauen, ohne dabei das heimische Wohnzimmer zu verlassen. Die Aufnahmen aus der Ferne kommen wiederum von anderen Nutzern, die ihre Urlaubserfahrungen mit einer 360-Grad-Kamera eingefangen haben und auf der Plattform von Virtual Traveller entweder kostenlos oder für kleines Geld zur Verfügung stellen.

Hinter der Firma steckt Jaajo Linnonmaa, in Finnland eigentlich bekannt als Radiomoderator und Moderator der finnischen Version von „Wer wird Millionär?“. Seine Idee wurde durch Slush inspiriert. „Als ich im vergangenen Jahr als Medienvertreter hier war, hat es mich total fasziniert. Ich wollte unbedingt mein eigenes Startup auf die Beine stellen. Und heute sind wir hier.“

Virtual und Augmented Reality sind größter Trend

Und dass es ihn in den Bereich der virtuellen Realität gezogen hat, ist sicher keine große Überraschung. Genau wie im vergangenen Jahr ist es auch dieses Mal wieder das Thema Nummer eins bei Slush. Das erkennt man auch, wenn man sich auf anderen Ständen umschaut. Fast überall scheinen virtuelle Welten und die so genannte Augmented Reality, bei der virtuelle Elemente Teil der realen Welt werden, eine Rolle zu spielen.

Auch der Desinger Pouria Kay ist von Augmented Reality fasziniert. Der gebürtige Iraner lebt seit über sechs Jahren in Helsinki und hat hier vor kurzem das Unternehmen Grib gegründet. Gemeinsam mit seinem Team entwickelt er gerade eine Software, die es jedermann ermöglicht, dreidimensionale Objekte zu kreieren. Und das ohne komplizierte Software und teures Zubehör sondern lediglich mit einer Handyapp. Als Gründer ist Slush ein Muss für ihn. Hier ist es auf der Suche nach möglichen Kunden aber vor allem nach Investoren. Und obwohl er nun schon zum vierten Mal bei Slush ist, ruft die besondere Atmosphäre auch diesmal wieder Gänsehaut bei ihm hervor. „Es ist jedes Mal ein bisschen magisch, hier zu sein. Ich bin gespannt, was für überraschende neue Begegnungen und Erfahrungen ich dieses Mal von den beiden Tagen mitnehmen werde.“

Auch die großen Techfirmen lassen sich Slush nicht entgehen

Slush ist für Startups gemacht. Doch wo die sich tummeln, da wollen auch die Technologiegiganten nicht fernbleiben. Viele große Techfirmen haben in den letzten Jahren festgestellt, dass Innovation meist nicht aus dem eigenen Unternehmen, sondern häufig aus kleinen Startups mit kleinen Teams kommen. Mit denen gilt es jetzt, zusammenzuarbeiten. Und so wollen Branchenriesen wie Microsoft, Nokia, Google und Zalando hier nun clevere Startupgründer kennenlernen. Gemeinsam lassen sich oft sehr erfolgreiche neue Produkte entwickeln. 

Doch auch organisatorisch ist Slush jedes Jahr eine Meisterleistung. Und das liegt vor allem an den unzähligen Freiwilligen, die das Event jedes Jahr unterstützen. Auch in diesem Jahr haben sich wieder über 2.000 ehrenamtliche Mitarbeiter für das einwandfreie Gelingen ins Zeug gelegt. Deren Hilfe war bereits im Sommer gefragt. Da hatte Slush, ganz typisch finnisch, auf Facebook zum Talkot eingeladen. Was sonst traditionell ein Nachbarschaftsprojekt ist, in dem man gemeinsam die Hauswand streicht, einen Steg baut oder eine Gartenhütte repariert, nahm im Juli und August ganz andere Dimensionen an. An mehreren Wochenenden im Juli und August werkelten hunderte Freiwillige in einem Industriegebiet im Osten Helsinkis, um die einzigartige Deko für die Startupkonferenz frühzeitig fertigzustellen.

Ohne die Freiwilligen wäre Slush nicht das Gleiche

Und auch während des Events helfen die Freiwilligen, oft Studenten an finnischen Universitäten und Fachhochschulen, tatkräftig mit. Sie weisen die Besucher am Einlass ein, helfen bei Fragen der Gäste aus, weisen den Weg und teilen über den Tag hinweg regelmäßig kleine Snacks wie Äpfel, Müsliriegel oder traditionelle Karelische Piroggen aus. Zu jeder Zeit können sich die Besucher außerdem kostenlos mit Kaffee und Wasser versorgen. Dafür sind Stände überall in der Halle verteilt.

Auf Flaschen, Teller und Becher aus Plastik müssen die Teilnehmer allerdings seit diesem Jahr verzichten. Denn den Slushorganisatoren geht es nicht nur um den Erfolg der teilnehmenden Unternehmen, sondern auch um die Umwelt. Alle Speisen und Getränke werden deshalb nur in biologisch abbaubaren Verpackungen ausgegeben. Das gilt selbst für die kleinen Schokoladenbonons, die der finnische Süßigkeitenhersteller Fazer für die Konferenz bereitstellt. Und dass Müll bei Slush getrennt wird, steht natürlich sowieso außer Frage.

Fulminantes Ende am Donnerstagabend

Und genauso atemberaubend wie die gesamte Veranstaltung ist auch ihr Ende. Nach einem dreistündigen Umbau verwandelt sich die Messehallte für die letzten Stunden von Slush in eine riesige Party mit Livemusik auf verschiedenen Bühnen. Mehrere finnische Künstler geben sich dort die Ehre. Unter anderem der finnische Superstar Antti Tuisku und der legendäre DJ Darude, der zum Ende von Slush noch einmal seinen Klassiker Sandstorm auflegt.

Slush, das ist ein Feuerwerk aus Erfinder- und Unternehmergeist gepaart mit außergewöhnlicher Organisation und Auge fürs Detail; ein Muss für jeden Technik- und Startupbegeisterten. Wer selbst einmal dabei sein möchte, sollte seien Besuch rechtzeitig planen. Der Termin für das kommende Jahr steht auch schon fest. Slush findet auch dann wieder am 30. November und 1. Dezember statt. Also nichts wie hin!

Mehr Informationen über Slush findet Ihr hier.

Fotos: Ansgar Frankenberg, Petri Anttila, Sami Välikangas, Kai Kuusisto, Sami Välikangas, Jussi Hellsten, Esa Pekka Mattila, Jussi Ratilainen