Valérie Eberhardt

Saunatour

Finnland mit allen Sinnen erleben

Die Tür geht auf, du läufst zum See, wirfst das Handtuch auf den Steg, nimmst Anlauf und springst ins Wasser. Dann setzt die – wie ich sie immer nenne – Magie ein: Körper und Geist werden mit einer unbeschreiblichen Energie durchströmt, so dass du überall Gänsehaut bekommst. Aus dem Wasser raus spürst deinen Atem, kommst zur Ruhe, bist im wahrsten Sinne des Wortes rein mit dir und der Welt. Sorgen treten in den Hintergrund und ein Kribbeln durchströmt deinen Körper -du fühlst dich unbeschreiblich lebendig. Dabei blickst du auf den See, beobachtest die Vögel, die wie Luftakrobaten ihre Kreise ziehen, Birken zaubern mit den vorbeiziehenden Wolken Schattenspiele auf das Wasser. Nach einer Weile gehst du zurück zur Sauna, öffnest die Tür und das Schwitzen beginnt von neuem. Das ist Sauna in Finnland!

Du bist was zählt, nicht die Uhr

So oder so ähnlich machen das Millionen von Finnen regelmäßig. Um eine solche Entspannung zu erleben, braucht es seit jeher nicht viel, ganz im Gegenteil! Eine einfache Saunahütte am Wasser, Holz und ausreichend Zeit – mehr nicht. In Finnland sind Uhren oder auch diese typischen Sanduhren in der Sauna weitgehend unbekannt und entlocken dem einen oder anderen Finnen sogar ein Lächeln bei dessen Anblick. Niemand lässt sich in Finnland von einem Sandkorn vorschreiben, wie lange man in der Sauna bleibt, schließlich kommt es nur auf das persönliche Wohlbefinden an. Und das ist nun mal nicht immer gleich. Höre daher auf dein inneres Ich, du bist was zählt, nicht die Uhr.

Die Sauna als letzte digitale Freizone

Wer auf die Uhr schauen muss – weil er noch einen wichtigen Termin hat oder auf einen Anruf wartet – ist falsch. Sauna ist im Land der Erfinder des Mobiltelefons und Angry Birds noch eine der letzten digitalen Freizonen. Dort sind der Geschäftsführer, der Vertriebler, aber auch Mamas und Papas offline, selbst Teenager stellen den Gruppenchat ab. Störende Geräusche, wie das Ticken von Uhren, Musik oder gar Klangschalen-Rituale, wirst du in einer Sauna in Finnland vergeblich suchen. Das heißt aber nicht, dass es totenstill ist. Manche schauen zwar am liebsten auf die Steine und hören dem Knacken des Holzes zu, aber viele nutzen auch die Gelegenheit, sich mit Familie, Freunden oder auch Kollegen zu unterhalten. Dabei gilt aber das Motto „Leben und leben lassen“, laute Unterhaltungen, Auseinandersetzungen oder lautstarke Streits sind in einer Sauna nicht anzufinden. Eher löste sich so manches Problem oder Konflikt in der heißen Luft auf. Über die sogenannte finnische „Sauna-Diplomatie“ ranken sich viele Mythen und Geheimnisse, von ungefähr kommen sie bestimmt nicht: Schließlich lässt nach mehreren Aufgüssen jeder seine Maske fallen – garantiert!

Sauna ist auch immer eine Kunst des Weglassens

Ein wichtiges Element während des Saunierens ist für viele der Aufguss. Dieser wird in Finnland am liebsten völlig pur oder mit frischen Birkenzweigen bereitet. Die werden frisch abgeschnitten einfach in den Aufguss hineingelegt und können so etwas von ihren natürlichen ätherischen Ölen abgeben. Mango und Kokos Aromen findet man in der finnischen Sauna daher so vergeblich wie tropische Palmen im finnischen Nadelwald. Sind im Winter keine Blätter auf den Bäumen, geht es genauso gut ohne. An Weihnachten werden gerne Tannenzweige genommen, die einen leichten Duft verströmen.

Gibt es bei klirrender Kälte kein fließendes Wasser, behilft man sich mit Schnee oder lässt den Aufguss kurzerhand auch mal ganz weg. Wenn die ersten Birkenblätter sprießen, bindet man sich ein Bündel und schlägt oder reibt sich während des Schwitzens ab, das riecht dann nicht nur klasse, sondern soll auch den Kreislauf zusätzlich ankurbeln. Wem das zu archaisch vorkommt, lässt es einfach bleiben, schließlich schreibt dir niemand vor, wie du saunieren sollst. So etwas wie Saunaregeln gibt es nicht in Finnland. Auch wird dir kein Hinweisschild erklären, wann mit welchem Geschmack welcher Aufguss vorgenommen wird oder wie lange du in der Hitze ausharren musst. Alles geschieht genauso wie du es willst. Das ist finnisches Wellness par excellence!

Sauna ist Kulturgut

Ursprünglich war die Sauna aus rein praktischen Gründen entstanden. Bei eiskalten Temperaturen war an Waschen nicht zu denken, irgendwann stank das aber jedem und in einer Hütte wurde ein Topf mit Wasser auf heißen Steinen erwärmt. Dampf bildete sich und man begann zu schwitzen – die Sauna war geboren! Diese Art der Reinigung gefiel in Finnland so gut, dass Stück für Stück die moderne Sauna entstand und in den unterschiedlichsten Formen sauniert wird. Bis heute hat beispielsweise das finnische Militär immer ein Saunazelt im Schlepptau. Auch gibt es kaum einen finnischen Sportler, der auf das wohltuende Schwitzen während Wettkampfpausen verzichten will. Selbst in der finnischen Botschaft in Berlin gibt es selbstverständlich eine Sauna, die auch regelmäßig im Gebrauch ist.

Sauna gehört deshalb zu Finnland wie die Weißwurst zu Bayern und der Wein zur Pfalz. Schließlich ist das Wort Sauna das einzige finnische Wort, das nie übersetzt wurde und daher weltweit bekannt ist. Welcher andere Begriff hat es je zu so viel Ruhm gebracht?

Mehr über die Saunakultur findest Du auch noch direkt auf der deutschen Webseite von Visit Finland.

Bilder: Valérie Eberhardt, Emilia Hoisko/Visit Finland und Sportagenten