Mökki-Hopping

Alva Gehrmann

Winterliche Hütten im Norden

Stille. Absolute Stille. Außer meinem Atem ist nichts zu hören. Das Thermometer am Eingang der Holzhütte zeigt: minus 31 Grad Celsius. Eiskristalle haben am Fenster zackige Kunstwerke gebildet. Ich stehe auf der Terrasse, die Lungen gefüllt mit frischer Luft. Hier in Lappland, rund 400 Kilometer oberhalb des Polarkreises, scheint die finnische Wildnis im Winterschlaf zu liegen. Ganz in Weiß gehüllt, lassen die lichten Wälder tief blicken, der Schnee liegt zentimeterdick auf den Kiefern und drückt die Zweige herunter.

Ich bin mitten im Lemmenjoki Nationalpark auf dem Ferienhof von Margetta Jompan-Tiainen und ihrer Familie, zu dem auch einige Holzhütten gehören. Das Mökki, so der finnische Name, ist genauso Teil der finnischen Kultur wie die Sauna. Und natürlich beherbergt auch mein Mökki eine eigene Schwitzhütte.

Die Einsamkeit, die Stadtmenschen sich so oft herbeisehnen, ist für die Menschen in Lappland Alltag. Wirtin Margetta geht zur Entspannung auf dem Fluss Eisfischen oder mit ihrem Hund im Wald spazieren. „Da die Bären im Winterschlaf sind, kann einem auch nichts passieren“, sagte sie zur Begrüßung. „Deine Hütte ist übrigens zwei Kilometer entfernt im dunklen Wald. Das ist kein Problem für dich, oder?“ Sie schaute mich dabei ernst an. Dann lächelte sie. Tatsächlich sind es gerade mal 300 Meter bis zum Quartier.

Das beleuchtete Haupthaus und Café „Ahkun Tupa“ ist nun eingehüllt in die bläuliche Dämmerung. Der Name spiegelt die beiden Kulturen von Margettas Familie wieder. Ahkun bedeutet auf Nordsamisch „Großmutter“, und tupa auf Finnisch „Stube“. Bereits 1955 gründete ihr Vater dort als erster Sámi ein Gasthaus. Ihre Mutter stammte aus dem Süden, aus Helsinki. Wie ihre Vorfahren trifft man sich in der warmen Stube, an den Wänden hängen Tierfelle und historische Fotos. Eines zeigt den Vater mit dem damaligen finnischen Präsidenten Urho Kekkonen. Die beiden Männer fuhren sogar gemeinsam in den Urlaub, am liebsten gingen sie Fischen.

Margetta serviert zum Aufwärmen eine cremige Lachssuppe. Dazu gibt es Blaubeersaft und jede Menge Geschichten von ihrem Sohn und Ehemann über die Region. Im Sommer bietet die Familie zum Beispiel Kanufahrten an. Momentan kann der Besucher in Lemmenjoki gut Langlauf fahren. Vom Café aus sieht man das nahegelegen Flussufer und die täglich frisch präparierte Loipe, die über den zugefrorenen See führt. Die Sonne wird sich erst im Januar wieder zeigen, vorher schafft sie es nicht über den Horizont. Durch die Reflexionen wird es aber trotzdem vier Stunden hell – ab halb elf. Nun, am Abend, ziehe ich mich in mein Mökki zurück.

Die rustikale Hütte ist ausgestattet mit zwei Doppelbetten, einer Küchenecke samt bunt gestreiften Teppichen auf dem Holzboden, einem Bad inklusive Sauna. Bei Kerzenschein sitze ich auf der Couch und widerstehe fast der Versuchung, die Weltnachrichten im Internet zu lesen. Irgendwann schalte ich die moderne Technologie ab. Die Sauna lockt. Bei rund 70 Grad in der Schwitzhütte bleibt einem ohnehin nichts anderes übrig, als entspannt zu sein. Zum Abkühlen geht es vor das Haus; barfuß spaziere ich in einem Handtuch gewickelt durch den Schnee und zeichne Muster mit meine Schritten. Ist ja eh keiner in Sichtweite. Plötzlich höre ich ein leichtes Knacksen, als sei ein Ast gebrochen. Dann wieder. Ein Bär? Tatsächlich tapst ein Rentier aus der Dunkelheit in meine Richtung. Es schaut mich an und dreht sich irgendwann wieder um. So spannend bin ich doch nicht.

Offensichtlich gehören zu den Bewohnern des Ferienhofes noch einige Rentiere. Wie viele besitzt ihr? „Das darf man nicht fragen“, erklärt Gastwirtin Margetta am nächsten Morgen beim Frühstück. „Das wäre in etwa so, als würde ich dich fragen, wie viel du monatlich verdienst.“ Früher waren die Rentiere eine wichtige Einkommensquelle in der Region, heute sind die wenigen Exemplare von Ahkun Tupa eher wie Haustiere.

Die Besucher aus Spanien, China, Japan und Brasilien locken im Winter vor allem die Polarlichter an. Und die Ruhe. Dennoch wundert es die Nordfinnen, dass viele ständig auf ihre Smartphones schauen. In den nächsten Tagen tauche ich immer weiter in das Hüttenleben ab – ins Internet gehe ich kaum noch. Stattdessen schaue ich lieber gen Himmel. Wie bestellt tauchen abends gegen 23 Uhr die Nordlichter auf. Erstaunlich schnell fließen die grünlich schimmernden Bögen über den sternenklaren Himmel, sie formen ständig neue, elegante Muster.

Von der Stille im Lemmenjoki-Nationalpark aus geht es rund 130 Kilometer weiter gen Osten nach Kiilopää. Das Urlaubszentrum mit seinen 25 Hütten und einem kleinen Hotel ist nach dem gleichnamigen Berg benannt. Die Anlage wird vom Verein Suomen Latu, was so viel wie „Loipe von Finnland“ bedeutet, betrieben. Anders als in klassischen Skizentren setzt der Verein auf das bewusste Erleben der einheimischen Natur. Mit einem Schlitten schiebt jeder Gast sein Gepäck zur Holzhütte. Mein Mökki für die nächsten Tage ist ein großes Haus samt Kamin, einer einladender Couch-Garnitur und natürlich einer Sauna. Da es um 15 Uhr schon dunkel wird, mache ich es mir vor dem knisternden Lagerfeuer gemütlich. Heute lege ich das Smartphone zur Seite und tauche ab ins Hüttenleben. Die Wärme macht müde.

Auch wenn man den ganzen Tag in der Hütte verbringen könnte, am nächsten Morgen locken dann doch die verschneiten Landschaften. Ich nehme an einer geführten Schneeschuhwanderung teil. Wie Pioniere bahnen wir uns den eigenen Weg den Berg hinauf. Es scheint, als sei vor uns noch keiner hier entlanggelaufen. Durch die Schneeschuhe taucht man nur zehn bis zwanzig Zentimeter ein, ohne sie würden wir bis zur Hüfte im pulverigen Weiß versinken. Je höher wir stapfen, desto kleiner werden die Bäume. Die Kiefern weichen vereinzelten Birken, unter dem Schnee verstecken sich Zwergbirken. Das flirrende Blau mischt sich mit Orange- und rötlichen Tönen.

Am folgenden Tag widme ich mich einem anderen Heiligtum der Finnen: dem Skilanglauf. Die Anzeige heute Morgen: minus 40 Grad. Ab einem bestimmten Punkt sind solche Temperaturangaben nur noch wirre Zahlen. Kalt ist es sowieso. Dick eingehüllt geht es zum Anfängerkurs. Selbst wer viele Jahre nicht mehr auf Skiern gestanden hat, findet erstaunlich schnell rein. Sobald man in der Loipe steht, gleitet man entspannt durch die ansonsten unberührte Natur. Die Lungen füllen sich wieder mit frischer, kalter Luft. Die Haare frieren ein und werden weiß, es bilden sich kleine Eisperlen auf den Wimpern. Gelassen gebe ich mich dem eisigen Lebensgefühl hin, wärme mich beim Essen und abends in der Sauna auf – und mache es mir in meinem Mökki gemütlich. Es ist der winterliche Rhythmus Lapplands.

Weitere Info für Kiilopää: Auch den ehemaligen Präsidenten zog es hierher. Der Urho-Kekkonen-Nationalpark ist nach dem Lemmenjoki-Nationalpark der zweigrößte Finnlands.

Weitere Informationen

Kiilopää

Ahkun Tupa im Lemmenjoki Nationalpark  

Informationen zu weiteren Orten in der Region findet Ihr auf der Seite von Inari-Saariselkä.
Informationen über Nationalparks