Metropolen der Ostsee

Anu Koski

Ein verlängertes Wochenende in Helsinki und Tallinn

So ein verlängertes Wochenende reicht meiner Erfahrung nach im Regelfall aus, um eine europäische Hauptstadt zu besuchen und neben den berühmten Sehenswürdigkeiten auch das Flair der Stadt, abseits der Touristenstraßen kennen- und lieben zu lernen.

Reist man nach Helsinki, hat man aber die einmalige Gelegenheit nicht nur eine, sondern gleich zwei europäische Hauptstädte zu erkunden, denn die finnische Metropole liegt nur einen Steinwurf von Tallinn entfernt. Na gut, der Steinwurf dauert zwei Stunden Fährfahrt auf der Ostsee – aber ist nicht allein das schon ein Erlebnis für sich?

Ich habe zusammen mit ein paar Freunden also ausprobiert, ob der Besuch zweier Hauptstädte in nur einem verlängerten Wochenende möglich ist. Und auch wenn ich das Ende jetzt vorwegnehme: Ja das ist es, sogar sehr gut!

Helsinki: Die Stadt des Kaffees und Designs

Helsinki ist unsere erste Station und nachdem wir frühmorgens auf dem Flughafen Vantaa gelandet sind und in unserem Hotel eingecheckt haben, machen wir uns erst einmal auf die Suche nach einem reichhaltigen Frühstück. Das gestaltet sich gar nicht so einfach, nicht etwa weil es keine Auswahl gäbe, sondern weil es schlicht und ergreifend zu viel Auswahl gibt. An wirklich jeder Ecke lacht uns ein anderes todschickes Café an, aber das ist kein Wunder, die Finnen haben schließlich eine Vorliebe für starken Kaffee und tolles Design.

Letztendlich entscheidet unser Bauchgefühl – im wahrsten Sinne, denn unser Hunger duldet kein langes Überlegen. Und wir könnten es nicht besser getroffen haben. Das SIS. DELI+CAFÉ (Kalevankatu 4) in unmittelbarer Nähe des Esplanadenparks bietet eine tolle Auswahl an frischen Säften, leckeren Müslis und finnischen Spezialitäten – alles natürlich ökologisch und regional. SIS. steht sowohl für „siskokset“ („Schwestern“) – das Café wurde 2008 von zwei Schwestern gegründet — als auch für „sisältö“ („Zutaten“). Mittlerweile gibt es fünf SIS. in ganz Helsinki, eines schöner als das andere.

Von Meerjungfrauen und Marktschreiern

Da wir uns bereits in der Nähe des Esplanadenparks befinden, beginnen wir hier, frisch gestärkt, unseren Stadtbummel. An warmen Tage dient der längliche Park als Oase der Entspannung für Einheimische und Besucher. Außerdem finden hier jeden Sommer zahlreiche Events statt wie etwa die Modeschau des finnischen Labels schlechthin – Marimekko. Aber auch im Herbst und Winter kann man hier herrlich spazieren gehen und ein bisschen Ruhe inmitten der Stadt genießen.

Am östlichen Ende des Parks empfängt uns eine schöne Holde, die berühmte Bronzestatue Havis Amanda. Sie stellt eine ehemalige Meerjungfrau dar, die ihr Leben Unterwasser aufgab, um das Glück auf Erden zu finden. Havis Amanda gilt als Verkörperung Helsinkis, als Tochter der Ostsee und ich frage mich unweigerlich, ob ihr Spitzname rein zufällig Ariel ist. Jeden 1. Mai steht sie im Mittelpunkt der studentischen Feierlichkeit Vappu. Sie bekommt eine traditionelle Studentenmütze verpasst und besonders männliche Studenten steigen liebend gerne in den Brunnen, der sie umgibt, um sie zu küssen.

Amanda wirft einen letzten Blick in Richtung Meer, in Richtung Südhafen und genau diesem Blick folgen wir jetzt. Er führt uns mitten in das quirlige Markttreiben auf dem Marktplatz am Wasser. Hier schlendern wir entlang der vielen bunten Stände, die traditionelle Produkte wie frischen Fisch, regionale Backwaren oder saisonales Gemüse, aber auch Kunsthandwerk und Souvenirs verkaufen.

Im Einklang mit der Marktatmosphäre steht die Hafenatmosphäre. Wir beobachten die zahlreichen Ausflugsschiffe zu den vorgelagerten Inseln und die großen Fähren, die gen Estland in See stechen. In 24 Stunden werden auch wir dort an Bord sein.

Außergewöhnliche Kirche, außergewöhnlicher Kaffee

Nur wenige Meter nördlich des Südhafens, im Herzen der Stadt, befindet sich der Senatsplatz, ein wunderschönes Beispiel neoklassizistischer Architektur und ein Muss für jeden Helsinki-Besucher. An diesem einen Platz versammeln sich Regierungspalast, Nationalbibliothek, Universität und der berühmte Dom, der für viele das Wahrzeichen Helsinkis ist.

Die weiße Pracht der Außenfassade, mit der das Gotteshaus seine Besucher anzieht, lässt mich eine noch größere Pracht im Inneren vermuten, aber ich bin überrascht. Die Ausstattung ist relativ schlicht und auf das Wesentliche beschränkt. Typisch finnisch eben!

Und wenn wir schon von typisch finnisch und von Überraschungen sprechen: Ich hätte nicht erwartet, dass sich in der Krypta der Kirche im Sommer ein kleines Café befindet. Doch die Finnen lieben ihren Kaffee und brauchen ihre „Kaffepaussi“ anscheinend wirklich überall und so genießen auch wir den wohl außergewöhnlichsten Kaffee unseres Lebens – mitten im Steingewölbe einer Kirche!

Den restlichen Tag schlendern wir durch die Altstadt Helsinkis, stöbern durch kleine Geschäfte, große Markthallen und wuselige Flohmärkte. Und wir merken immer wieder: die Finnen sind kein Volk großer Worte, aber schenkt man uns ein Lächeln, dann kommt es von Herzen. Und das spürt man!

Tallinn: Historisch und hipp

Gut 80 Kilometer von Helsinki entfernt, auf der anderen Seite der Ostsee, liegt die estnische Hauptstadt Tallinn. Nach einem wunderschönen ersten Tag in Helsinki machen wir uns am zweiten Tag auf, die estnische Hauptstadt anzulaufen und zu erkunden. Wie wunderbar, dass Tallinn von Helsinki aus in nur zwei Stunden Fährfahrt erreichbar ist. Ein perfekter Tagesausflug!

Schon auf dem kurzen Weg vom Fähranleger in die Innenstadt wird uns klar, dass Tallinn so ganz anders ist als Helsinki und auch als andere europäische Hauptstädte. Hier mischt sich Kleinstadtatmosphäre mit Kulturerbe und Kulturszene. In den historischen Gebäuden der Altstadt siedeln sich immer mehr kleine Cafés, liebevoll bestückte Boutiquen und eine bunte Auswahl an kreativen Läden an, die die klassische estnische Tradition pflegen und wertschätzen, sich aber keineswegs hinter den hippen Adressen Helsinkis verstecken müssen. Allen Liebhabern von Design, Musik, starkem Kaffee und Craft Bier geht also auch hier in Tallinn das Herz auf.

Eine Altstadt wie im Märchen

Wir schlendern durch die Altstadt und lassen das mittelalterliche Stadtbild auf uns wirken, das so wunderbar erhalten geblieben ist und sich zurecht Weltkulturerbe nennen darf. Rund zwei Kilometer der mittelalterlichen Stadtmauer sind heute noch intakt, ein Spitzenwert in Europa und der Grund, weshalb uns Tallinns Altstadt mit all seinen Mauern und Türmchen so märchenhaft erscheint. Wir träumen während unseres Spaziergangs von heldenhaften Rittern und holden Maiden, die ein halbes Jahrtausend zuvor durch ebendiese Gassen schritten.

Der Höhepunkt unserer Erkundung ist die Aussichtsplattform Patkuli auf der Nordseite des Dombergs. Der Panoramablick über ganz Tallinn und auf die roten Ziegeldächer der Altstadt ist sagenhaft! Hier oben werfen wie gleich noch einen kurzen Blick in die wunderschöne Alexander-Newski-Kathedrale, die der russisch-orthodoxen Kirchenarchitektur alle Ehre macht und betrachten das estnische Parlamentsgebäude, das einem wahrgewordenen, Mädchentraum in Altrosa gleicht. Kein Wunder, war es doch einst ein Barockschloss, das Katharina die Große höchstpersönlich in Auftrag gab.

Tallinns wachsende Kulturszene

Bevor es für uns wieder auf die Fähre, die Ostsee und damit zurück nach Helsinki geht, stöbern wie noch ein wenig durch die vielen kleinen Läden rund um den Marktplatz mit dem gotischen Rathaus. Besondere Cafés und Restaurants, spannende neue Labels, hochwertige Vintage-Läden – Tallinns Design- und Kultur-Szene ist verglichen mit der Helsinkis noch sehr jung, doch sie entwickelt sich unheimlich schnell und versprüht, besonders vor ihrer großartigen historischen Kulisse, einen besondere Stimmung, die wir an Bord und zurück nach Helsinki nehmen.

Saunieren mit Design und Ostseeblick

Nach doch eher sightseeing-intensiven zwei Tagen, nutzen wir unsere restliche Zeit in Helsinki, um uns ganz dem zu widmen, was die Finnen, neben Kaffee, besonders lieben: saunieren. Ein Besuch der Designsauna „Löyly“ ist genau das Richtige für unsere müden Knochen und strapazierten Füße. Als „löyly“ bezeichnen die Finnen den Vorgang des Aufgusses in der Sauna. Wörtlich übersetzt bedeutet „löyly“ nämlich „Dampf“.

Die frisch eröffnete Designsauna liegt am südlichsten Punkt der Halbinsel Helsinki im Stadtteil Hernesaari, direkt am Meer. Der moderne Komplex versetzt uns schon von außen ins Schwärmen. Das 1.800 Quadratmeter große Gebäude ist ein Augenschmaus für alle Liebhaber moderner Holzarchitektur. Im Inneren erwarten uns verschiedene Saunen, die allesamt mit Holz beheizt werden. Wir probieren die klassische Sauna und die Rauchsauna aus und genießen hier im „Löyly“ den einen oder anderen „löyly“.

Zum Abkühlen nach dem Aufguss springen wir übrigens direkt in die Ostsee. Doch ich muss zugeben: das Bad im kühlen Nass ist selbst nach der Sauna-Hitze nichts für schwache Gemüter!

Wir krönen unseren Saunabesuch mit einer Stärkung im hauseigenen Restaurant. Die hochwertige finnische Küche konkurriert stark mit dem traumhaften Ausblick, den wir von der neun Meter hohen Restaurantterrasse genießen dürfen und ich kann mich nicht entscheiden, was ich besser finde. Aber vielleicht muss ich das gar nicht. Vielleicht macht einfach beides zusammen diesen Moment perfekt.

Fotos Tallinn: Kadi-Liis Koppel, Quelle: Tallinn City Tourist Office & Convention Bureau