Küstenleben – Küstenliebe

Hendrik Morkel

Vierzehn Jahre lebe ich nun in Finnland und bin von Jyväskylä in Mittelfinnland über Tampere im Süden nach Vaasa in Pohjanmaa gezogen. Gefunden habe ich hier an der Küste alles was das Leben eines Outdoor Enthusiasten erfreut – und vor allem Sonne.

Was treibt jemanden dazu nach Finnland zu ziehen? Als ich Anfang 2002 entschied in den Norden zu ziehen gab es eigentlich nur zwei Gründe warum jemand nach Finnland zieht: Ein Job bei Nokia oder die Liebe. Für mich war es zweitens, eine Entscheidung die ich nie bereut habe. Viel Natur, ein toller Chef – einen Job als Gärtner hatte ich nämlich Dank meiner damaligen Freundin schon vor dem Umzug klar gemacht – und das Leben in einer attraktiven Studentenstadt machten den Umzug nach Jyväskylä eine Kleinigkeit.

Natürlich gab es einige Stolpersteine am Anfang: Die Finnisch Sprache habe ich erst nach zwei intensiven Jahren an der Universität gemeistert, es gab damals in Mittelfinnland noch richtige Winter wo es schon mal –35°C draußen wurde und die Bürokratie auf einigen Ämtern hat mich auch manchmal in den Wahnsinn getrieben. Diese Kleinigkeiten hielten mich allerdings nie davon ab in Finnland zu bleiben, selbst als die Beziehung, für die ich nach Finnland kam, zu Ende ging.

Denn es gab ja zum Glück endlose Outdoor Möglichkeiten die zur Ablenkung dienten: Paddeln und schwimmen in einem der 180.000 Seen, Trailrunning auf endlosen Pfaden im Wald, Snowboarden & Langlaufen im Winterlichen Lappland und so viele Wanderwege und National Parks das man jedes Wochenende woanders unterwegs sein konnten. Mit den vielen Freunde von der Universität & meiner Arbeit im Lutakko Rock Club war ich immer unterwegs und es war nie langweilig oder einsam.

Das ich aber jedes Jahr wieder unter eine saisonal-affektiven Störung litt war mir unbewusst. Sobald es November wurde reduzierte sich mein Energieniveau, ich schlief gerne länger und hatte verstärkten Appetit auf Süßigkeiten. Ich tat dies mit dem Winter und den kurzen Tagen ab, und tatsächlich: Sobald es dann sonniger und die Tage länger wurden verschwand die Winterdepression wieder.

Das alles wurde mir erst im Nachhinein bewusst. Als ich vor vier Jahren nach Vaasa zog war es Frühling, wir hatten gerade ein Haus gekauft und meine Frau erwartete unser erstes Kind. Das Haus wurde langsam & liebevoll renoviert, unser Sohn wurde geboren und dann war es schon wieder Herbst. Zwischen Windeln wechseln, streichen und kochen fand ich trotzdem immer noch Zeit etwas draußen zu machen, vom Bouldern auf den fantastischen Felsblöcken die die letzte Eiszeit hier in Vaasa so viele hinterlassen hat zum Packraften im Kvarken Archipelago und dem Radfahren entlang der endlosen Getreidefelder in Pohjanmaa.

Denn hier an der Küste schien die Sonne fast jeden Herbsttag und Vaasa wurde seinem Titel als sonnigste Stadt Finnland’s jeden Morgen aufs Neue gerecht. Sogar an den kurzen Wintertagen, wo die Sonne erst nach 10 Uhr aufgeht und schon vor 15 Uhr am Horizont verschwunden ist, war der gelbe Planet sehr oft am Himmel zu sehen und schickte seine warmen und gesunden Strahlen herab. Irgendwann um den Jahreswechsel bemerkte ich es dann: Ich war garnicht so müde wie ich es in den vielen Jahren zuvor immer um diese Jahreszeit war – und das trotz eines Babys! Ich hatte auch kein Verlangen nach übermässig viel Schokolade und sehnte mich nicht mehr nach dem Frühling in Deutschland, der schon im Februar los geht.

Stattdessen genoss ich alles was die sonnigen Wintertage in Vaasa mir boten: Mit dem Fatbike den Wald erkunden, Langlauf Ski-fahren auf der Loipe hinterm Haus, Nordic Touring Schlittschuhlaufen auf der gefrorenen Ostsee, Eisklettern im lokalen Steinbruch und natürlich Schlittenfahren mit meinem kleinen Sohn. Dazu kamen Übernachtungen im Zelt in Lappland wenn wir mit Freunden aus dem Kletterverein nach Korouoma zum Eisklettern fuhren, die Nordlichter die bei starken Solarstürmen sogar vor meinem Haus in Vaasa zu sehen waren, und natürlich Avanto – das schwimmen im Eisloch nach der Sauna.

Der Frühling an der Küste ist auch besonders: Wenn die Ostsee langsam Ihr Winterkleid verliert und wieder grau-blau in der Sonne schimmert, die Bauern fleissig die Felder pflügen und bestellen, tausende von Kranichen auf den Feldern im Meteoria Söderfjärden Rast auf dem Weg in den Norden machen und die Birken in wenigen Wochen ihre kahlen Äste in grüne Blättern hüllen hat man das Gefühl alles erneuert sich. Winterjacken wandern in den hinteren Teil der Kleiderschränke und sommerliche Outfits prägen das Stadtbild während die Eisdielen mit neuen Geschmacksrichtungen um die Gunst der Kunden buhlen. Im Wald sind die Ameisen fleissig dabei Ihre Hügel mit Tannennadel des letzten Herbst zu verbessern, Heidelbeerbüsche treiben lieblichen kleinen Blüten hervor die von Bienen bestäubt werden und uns nach einem sonnigen Sommer im Herbst als Blaubeeren schmecken werden.

Der Winter in Finnland ist lang. Aber hier an der Küste in Vaasa, wo die Sonne so viel wie nirgendwo sonst in Finnland scheint, macht er mir so viel Spaß das ich mich jedes Jahr aufs Neue auf Ihn freue, und die Möglichkeiten die er mir bietet. Nun wird es schon wieder langsam Frühling, mit längeren Tagen, Vogelgezwitscher, schmelzendem Schnee und natürlich den ganzen Outdooraktivitäten, die an einem sonnigen Tag an der Küste besonders viel Spaß machen: Wandern auf einem der vielen Naturpfaden, Picknicks mit der Familie und die ersten langen Radtouren entlang der Küste!

Mehr über die Küstenregion Finnlands findest Du hier. Über Outdoor Aktivitäten informiert auch die Outdoor Broschüre von Visit Finland.