Kalter Entzug

Dietmar Denger

Lappland offline erleben

Finnischer Winter nördlich vom Polarkreis: Skifahren mit Tundrablick, jede Menge flauschiger Fortbewegungsmittel und Nordlichter als Betthupferl. Wer meint da noch Internet zu brauchen, kann sich beim Programm „Lappland offline“ zwangsberuhigen lassen.

In der neuen Bergstation der Seilbahn von Levi hat man ein hübsches Museum zur Kultur der Samen eingerichtet. Mit der Eintrittskarte kann man auch gleich eine Tüte Snacks für die lebenden Exponate erwerben: lecker Baumflechten für die Rentiere. „Aber schön an alle verteilen, das junge Männchen ist total verfressen“, mahnt der Kassierer. Bei 22 Grad unter Null am Morgen hätte ich allerdings auch ständig Hunger. Draußen im lichten Bergwald, wo noch jeder dürre Zweig einen dicken Pelz aus Schnee trägt, stehen die Fellnasen gelangweilt am Holzzaun und glotzen die wenigen Besucher an, die sich in der Eiseskälte zur Rentier-Beschau eingefunden haben. Und schlecken gierig jeden Krümmel der trockenen Büschel auf, die ich ihnen auf den kalten Schnee werfe. Die Leibspeise der Rentiere, die auf Bäumen wächst, sie sieht aus wie der Bart vom Weihnachtsmann.

Rentiere sind halbwilde Haustiere. Streicheln lassen sie sich nur in Ausnahmefällen. Meine Flechten-Fütterung ist aber eine gute Gelegenheit. Tief versinkt die Hand im dicken Pelz, ohne den ein Überleben in diesen Breiten wohl gar nicht möglich wär. Auch Pferde tragen in Lappland einen derart dicken Flokati, ohne den manche wohl ganz schön schmächtig aussehen würden.

Erst jetzt, um 10 Uhr, geht die Sonne auf. Bevor ich mich zur ersten Abfahrt des Tages einmummle wie ein Polarforscher, gönne ich mir noch einen Kaffee im hübschen Restaurant der Station, dessen große Fenster den Blick loslassen in die fast endlose Ebene. Birken- und Kiefern-Wälder im verschneiten Winterschlaf bis zum Horizont, wo sich das Land aufzulösen scheint im Morgendunst. Das Skigebiet von Levi hat gerade einmal 39 Pistenkilometer, wirkt aber gewaltig, denn überall fühlt es sich an, als würde man geradewegs ist die gigantische Landschaft vor einem abheben. Eine Rundum-Aussicht, als würde man einen Riesenvulkan befahren. Oben auf dem Gipfel haben der Nordwind und der Schnee die Hütten mit einer dicken Kruste überzogen, was sie längst wie Iglus aussehen lässt.

Lange Skitage sind das gerade nicht jetzt im Februar. Nachmittags um zwei dämmert es bereits und die Scheinwerfer der wenigen beleuchteten Pisten tauchen die Umgebung zum Sonnenuntergang in ein seltsames Zwielicht. Unter Flutlicht könnte ich jetzt noch zwei Stunden weiterfahren, allerdings spüre ich trotz Sturmhaube aus dickem Fleece meine Nase seit längerem schon nicht mehr. Für heute ist Schluss.

Lappland offline

„Im Mai kannst Du da oben im T-Shirt fahren“, erzählt Jarno Hietela, der mich am Nachmittag in meinem Hotel in Levi abholt und sich in der gemütlichen Lobby sichtlich unwohl fühlt. Zwei Japaner, die zum Nordlicht-Gucken nach Finnland gekommen sind, haben es sich neben uns auf den Sofas bequem gemacht und tuscheln. „Lass uns losfahren, mir ist das zu hektisch hier.“ Hektisch? Ich habe das Gefühl, in diesem Nest gerade am schlafenden Ende der Welt gelandet zu sein.

Doch mein Guide für die nächsten Tage denkt und fühlt auf einem anderen Entschleunigungs-Level. Zweihundert Kilometer weiter nördlich, wo der Wald längst vor den noch raueren Bedingungen kapituliert hat, wohnt Jarno den Sommer über in der Tundra, wo seine niederländische Frau jetzt im Winter über geblieben ist und auf die Schlittenhunde aufpasst. Verglichen mit unserem Zuhause ist Levi Großstadt, lange kann ich das hier nie aushalten. Im Winter verdient Jarno das Geld, damit die beiden ihren Traum leben können: „Natur und Weite und Ruhe und ein paar Tiere!“ Als Schneeschuh-, Hunde- und Rentierschlitten-Guide arbeitet er in unserem gemeinsamen Ziel „Torassieppi“, einer ehemaligen Rentier-Farm eine halbe Stunde entfernt von Levi, wo statt Paarhufern jetzt Gäste mit Lust auf Natur untergebracht sind. Und statt Flechten beste Biokost von regionalen Produkten serviert bekommen.

Zum Aufgabenbereich Jarnos in Torassieppi gehört es auch, den Besuchern ihr Handy wegzunehmen. „Es tut auch nicht weh, höchstens am ersten Tag“, lacht er und lässt mein Telefon und Tablet unter seinem weiten Filzumhang verschwinden wie ein Zauberer. „Lappland offline“, der Name ist Programm, buchstäblich. Finger weg von Telefon und Internet, statt Worldwide Web Huskywelpen und Urnatur in einer einzigartigen Landschaft. Nach ein paar Minuten spüre ich die ersten Symptome des kalten Entzugs, zurück in meiner Hütte bin ich froh, zumindest meine Kamera umklammern zu können. Ganz neu ist die Offline-Idee ja nicht. Fernsehgeräte wurden ja längst schon aus den Zimmern vor allem vieler hochpreisiger Hotels verbannt. TV gibt es in Torassieppi eh keins. Hier geht man aber noch weiter. „Digitale Entgiftung“, nennen sie das hier.

Jarno ist zwar kein Same – er stammt aus dem Süden Finnlands – trägt die traditionelle Kleidung der Ureinwohner aber aus Überzeugung, „sogar in meiner Freizeit“, wie er stolz sagt. Wohl auch deshalb wirkt er so entschlossen. „Die Leute wollen im Urlaub abschalten, was aber niemals möglich ist, wenn sie ständig erreichbar bleiben. Jetzt hast Du die einmalige Gelegenheit, Dich mit Deiner direkten Umgebung zu verbinden.“ Er breitet die Arme weit unter seinem Wollüberwurf aus und wirkt wie ein Prophet: „Willkommen in Lappland!“

Flauschangriff

Am Abend verbinde ich mich gleich mal mit den jüngsten der 140 Hunde auf der Torassieppi-eigenen Schlittenhundefarm. „Umarmen Sie einen Husky!“ Dieser Aufforderung am Eingang komme ich gern nach. Ein paar Wochen alte Welpen hüpfen mir aufgeregt gegen die Drahtgitter der Freigehege entgegen, schlecken mir die Finger ab, springen wie Ziegenböcke wild durcheinander und versuchen sich in einem Bellen, das eher nach dem unbeholfenen Heulen von Robbenbabys klingt.

Wenn Besucher nahen, ist das ist für die älteren Hunde das Signal, dass es bald mit dem Schlitten losgeht. Wie beim abendlichen angeregten Plausch zwischen Wolfsrudeln stimmen bald alle in ein lautes Heulen ein. Patricia Grassegger heult nicht, sie ist seit einigen Monaten aber eines der Alpha-Tiere im Rudel. Die 33-jährige Österreicherin wollte nach dem Biochemie-Studium eigentlich auf Weltreise gehen, blieb aber gleich an einem der ersten Stopps in Finnlands Wäldern hängen. Nach einer Station in einer anderen Huskyfarm arbeitet sie in Torassieppi jetzt den ganzen Winter über als Musherin bei den Ausfahrten mit Gästen. „Dabei dachte ich früher eigentlich, dass ich eher Katzenfan und der Warmer-Sommer-Typ bin.“ Sie lacht und schiebt sich die Hornbrille zurück ins Gesicht, die unter dem grauen Plüschfell ihrer Mütze und inmitten der all der tobenden und kläffenden Vierbeiner eher kurios, weil so intellektuell wirkt.

Patricia fährt an diesem Abend voraus, um unseren kleinen Tross von drei Schlitten unter Kontrolle zu halten. Einen darf auch ich steuern. Das Kommando „Mennä!“ für „los!“ ist eigentlich überflüssig, denn die sechs Hunde pro Schlitten ziehen sowieso, als sei der fieseste Hundefänger hinter ihnen her. Der Schnee spritzt auf, als wir erst durch den Wald der Farm und dann über den großen zugefrorenen See von Torassieppie zischen. Wunderbar fühlt sich das an, ich muss aber aufpassen, das wichtigste Bauteil am Schlitten im Auge zu behalten: Mit der Fußbremse drückt man eine Stahlkralle in den Schnee, die einzige Möglichkeit, die Meute vor sich zu stoppen. „Sonst sind die über alle Berge, so eine Lust haben die zu laufen“, ruft die Ober-Musherin aus der Steiermark von vorn.

Stille hören, Farben sehen

Am nächsten Morgen lausche ich meinem schnellen Herzschlag und zwischendurch der Stille beim Schneeschuhwandern. Wie ein Schwamm saugt der Schnee im Pallas-Ylläs-Nationalpark jedes Geräusch auf. Irgendwann hört man das Blut im Ohr pulsieren. Derart fluffig, weich wie bauschige Wolken, deckt der Schnee meterhoch die kahlen Hügel und Weiten des mehr als 1000 Quadtratkilometer großen Schutzgebiets zu, dass man der Gegend im Winter nur mit den breitesten Pfoten beikommt. Wenn man kein Schneehase ist, deren Spuren an mehreren Stellen unseren Weg kreuzen, helfen Schneeschuhe.

Mit dem VW-Bus geht es auf der einzigen geräumten Straße durch den Park hinein bis zur Herberge, die jetzt im Winter wirkt wie ein Geisterhaus, danach stapfen wir auf unseren XXL-Füßen weiter. 1000 Quadratkilometer ist der Nationalpark groß, der neben Weite, Elchen, Füchsen und Hasen auch viele Farben hervorbringt.

Die Morgensonne hat das Land in ein warmes Gelb getaucht. Unsere langen Schatten schleichen über den Schnee und verbinden sich hin und wieder mit den starren Umrissen, die die eisgepanzerten Bäume auf die weiße Fläche werfen. Je nach Lichtverhältnissen scheint es Grau und Weiß im finnischen Winter in mindestens fünfzig Schattierungen zu geben. Aber die Luft kann im polaren Winter auch grün, blau, gelb und orange sein. Besonders die Abende (am frühen Nachmittag) sind spektakulär.

Und am Abend irrt das Nordlicht über den Himmel, „meist grün manchmal aber rot“, hatte Jarno erzählt. Die meisten Besucher in Torrassieppi – darunter Koreaner, Südafrikaner, Franzosen und ein deutsches Paar auf Hochzeitsreise – sind wegen dem Nordlicht da. Um das buchstäbliche Highlight Lapplands nicht zu verpassen, macht man auch eine Ausnahme vom strikten Offline-Dasein. Vor dem Schlafengehen bekommt jeder Gast ein altes Nokia-Handy, das sich mit einer SMS meldet, wenn das meteorologische Institut Finnlands erhöhte Sonnenaktivität vermeldet. Wenn der Sonnenwind die Pole der Erde erreicht, fangen dessen elektrische geladenen Teilchen an zu leuchten. Das wussten die Ureinwohner noch nicht, zum Glück, denn so entstanden wunderbare Legenden rund um das Phänomen. Die verbreitetste ist die vom großen Himmels-Fuchs, dem Vuurvos, dessen riesiger buschiger Schwanz als Nordlicht aufgeregt über den Himmel wedelt.

Heute Abend wird der Fuchs aktiv sein, denn die Sonnenaktivität ist hoch. Um zehn Uhr abends bimmelt das Handy und übermittelt die spannende SMS. Über dem See von Torassieppie ist der Himmel klar bei -18 Grad. Aufgeregt, eher wegen der Kälte, springe ich durch den Schnee. Nur Minuten nach dem Sonnenalarm zeigt sich ein schwacher grüner Rand über dem Wald. Als würde sich ein plattes Raumschiff nähern, steigt der Lichtstreifen höher in den Himmel und wird intensiver. Dann teilt er sich und die Enden fangen sich langsam an einzurollen in einer Art gigantischer Spirale. Erstaunlich, auch mit all den nüchternen Erklärungen von Sonnenwinden im Kopf, schaue ich wie angewurzelt im Schnee nach oben und kann es gar nicht fassen.

Die letzte Nacht schlafe ich, eingepackt im dicken Schlafsack, im Eishotel von Torassieppie und träume – kein Witz – von einem großen Fuchs am Himmel. Am Morgen sind es draußen -12 Grad, was mir schon wie Frühling vorkommt. Ich gehe zum feisten Koch, der am Eisloch im See dem Dinner auflauert. In der Nähe dient ein anderes Loch unter einem Tippi über dem See der Erfrischung nach der kochend heißen finnischen Sauna.

Bald werden die Tage wieder lang sein und meinen Guide Jarno wird es dann so schnell wie möglich in seinen geliebten Norden ziehen. Auch Patricia hat ihr Sommerdomizil schon ausgewählt und wird, weiterhin hoch überm Polarkreis, auf einer Hundeschlittenfarm auf Spitzbergen arbeiten. Meine kleine Flucht ist da bescheidener: Mein Handy, das mir Jorna eben feierlich überreicht hat, werde ich noch eine Weile auslassen. Obwohl das Torassieppi-Restaurant ja W-Lan hat. Das hat mir der Koch eben gesteckt. Als wäre es das bestgehütete Geheimnis von Torassieppie.

Info

Anreise

Der nächstgelegene Flughafen ist Kittilä. Finnair fliegt von allen großen deutschen Flughäfen über Helsinki ab 330 Euro.

Skifahren in Levi

Die 43 Liftanlagen im größte Skigebiet Finnlands (1000 Kilometer nördlich von Helsinki und 170 Kilometer nördlich vom Polarkreis) verteilen sich über einen einzelnen 531 Meter hohen Bergrücken, der einsam in der weiten Tundra steht. Der moderne kleine Skiort Levi ist eher ruhig und verzichtet auf Aprés-Ski-Rummel. Die diesjährige Saison startet am 17.12. und dauert bis zum 8. Mai 2016. Tipp: Während im Winter die Sonne lange Zeit gar nicht aufgeht, kann man zu Ende der Saison schon 16 Sonnenstunden am Tag genießen und das zum Teil bei T-Shirt-Temperaturen. Zudem bekommt man in den letzten beiden Saisonwochen die Skipässe zum halben Preis.

Lappland offline

Die ehemalige Rentier-Farm „Torassieppi“ liegt an einem schönen See am Rande des Pallas-Ylläs-Nationalparks, eine halbe Stunde von Levi entfernt und 45 Minuten von Kittilä entfernt. Gäste wohnen in gemütlichen kleinen Cottages. Angeboten werden Hundeschlitten-Touren, Fahrten im Rentierschlitten, Eisfischen und Schneeschuhwandern. Die ehemaligen Farm-Gebäude sind heute Museum, das besichtigt werden kann.

Beim Paket „Lappland Offline“ ist der Name Programm. Bei Ankunft gibt man das Handy und Tablet ab. Statt Worldwide-Web wird dann vier Tagen lang die umliegende Gegend auf Schneeschuhen, im Hunde- und Rentierschlitten erkundet. 890 Euro bei VP/im DZ. Normale Übernachtung ab 90 Euro DZ/F. Die Aktivitäten können natürlich auch einzeln gebucht werden. Tel. 00358/40/032 66 37, torassieppi.fi

Web

Levis informative Website: levi.fi

Willst Du auch einmal nach Lappland? Nordic Holidays nimmt Dich mit auf diese atemberaubende Reise.