Hip Hip Helsinki!

Anu Koski

Unterwegs in Helsinkis hippen Vierteln

Helsinki hat weit mehr zu bieten als „nur“ den berühmten Blick vom Meer auf den großen weißen Dom. Der ist zugegebenermaßen wirklich wunderschön und auch ich will ihn bei meinem Städtetrip in die finnische Hauptstadt nicht missen, doch interessiert mich viel mehr das Helsinki hinter dieser strahlenden Fassade. Das junge, kreative Helsinki. Das Helsinki seiner Einwohner.

In Helsinki treffen rund eine halbe Million Menschen auf 98 Kilometer Küstenlinie, 315 Inseln und 164 heimische Vogelarten. Wie in kaum einer anderen europäischen Hauptstadt trifft hier Urbanität auf Natur. Das verspricht einen spannenden, kreativen Mix. Ich mache mich also auf, Helsinkis Szeneviertel zu erkunden. Dort, wo kleine Boutiquen auf noch kleinere Cafés treffen und dort, wo ich auf Einheimische treffe.

Kallio: Vom Arbeiter- zum Szeneviertel

Kallio ist meine erste Anlaufstation. Ich befinde mich etwa einen Kilometer nordöstlich der Innenstadt. Das heißt aber noch lange nicht, dass es hier nichts mehr zu sehen gibt. Im Gegenteil: In Kallio, so sagt man, pulsiert Helsinki am stärksten. Kunst, Shopping, Essen, Bars, Events – das ehemalige Arbeiterviertel bietet alles, was das Herz begehrt und reiht sich in Sachen „Coolness“ mühelos neben Vierteln wie Kreuzberg in Berlin, Södermalm in Stockholm oder Shoreditch in London ein.

Etwa 18.000 Einwohner leben in Kallio. Es sind vor allem Studenten, Künstler und junge Paare, die sich hier niederlassen und kreativ austoben. Kein Wunder also, dass die Atmosphäre in Kallio ganz anders ist, als in der schicken und cleanen Innenstadt. Hier ist das Leben locker, ein wenig eigenwillig, vor allem aber temperamentvoll.

Charakterstärke

Ich beginne meine kleine aber feine Kallio-Entdeckungsreise an der Hakaniemi Markthalle, über die ich an anderer Stelle ausführlich berichte. Von dort aus schlendere ich in Richtung der großen Jugendstilkirche, neben der Markthalle vielleicht die einzige Sehenswürdigkeit im klassischen Sinn. Ich persönlich finde oft, das eine Kirche der anderen gleicht. Nicht aber diese hier! Die Art-Nouveau-Einflüsse verleihen der im Jahr 1912 fertiggestellten Kirche ein ziemlich einzigartiges Aussehen. Und damit passt sie perfekt nach Kallio!

Je weiter ich ins Innere Kallios vordringe, desto mehr spüre ich den außergewöhnlichen Charakter dieses Viertels. Ich genieße einen Kaffee in einem kleinen Straßencafé (natürlich Bio und Fair-Trade!), freue mich über die Herzlichkeit der Besitzerin und beobachte vom Bürgersteig aus die Menschen, die an mir vorbeiziehen. Viele sind mit dem Fahrrad unterwegs, andere tragen Tüten mir unbekannter Marken. Kein Wunder! Die meisten Läden auf der großen Fleminginkatu Straße, die sich durch ganz Kallio zieht, sind kleine, individuelle und inhabergeführte Boutiquen oder Second-Hand-Läden. Die großen Modelabels findet man zwar auch in Helsinki, aber nicht in Kallio.

Von Bären und Blumen

Dafür gibt es hier Bären… Na gut, vielleicht keine echten Bären. Und auch nur einen Bären, Singular, der ist aber ziemlich niedlich! Eine Bärenstatue inmitten einer Grünanlage gibt dem Bärenpark Karhupuisto seinen Namen. Der Bär passt auf den großen bunten Blumengarten im Park auf. Eine Bürgerinitiative kümmert sich rund ums Jahr um die Pflanzenpracht und macht sich selbst und allen Parkbesuchern eine Freude. Urban Gardening ist nur eines der vielen Gemeinschaftsprojekte hier in Kallio. Gemeinschaftssinn, Aktivismus und Nachhaltigkeit werden hier großgeschrieben!

Jetzt im Sommer ist der Park ein beliebtes Ausflugsziel. Ob mit Freunden, dem Partner oder allein mit Buch – hier findet jeder ein lauschiges Plätzchen zum Entspannen im Grünen. Kleine Kioske bieten Kaffee, Eis oder Korvapuusti, leckere finnische Zimtschnecken, an. Die probiere ich natürlich gerne, bevor ich Kallio verlasse und das nächste Szeneviertel erkunde. Doch ich verspreche wiederzukommen! Vielleicht schon heute Abend, denn die Bars und Clubs wollen ebenfalls erkundet werden.

Der Design District: Ein Viertel nach Maß

Ich liebe minimalistisches, skandinavisches Design. Das fängt bei meinem Kleidungsstil an und zieht sich konsequent auch durch meine gesamte Wohnung. Kein Wunder also, dass ich mich in Helsinki pudelwohl fühle. Und am allerpudelwohlsten fühle ich mich in Helsinkis „Design District“.

Der „Design District“ ist eigentlich kein richtiges Viertel. Also keines, welches man in den geographischen Stadtplänen Helsinkis findet. Der „Design District“ sind 25 Straßen und 200 Shops in den Stadtteilen Punavuori, Kaartinkaupunki, Kamppi and Ullanlinna, die sich in einer privaten Initiative zusammengeschlossen haben. Der Gemeinschaftssinn zieht sich tatsächlich wie ein roter Faden durch ganz Helsinki. Im „Design District“ findet man allerhand tolle Shops aber auch diverse Galerien und Museen. Sie alle zeigen und verkaufen finnisches Design.

Designwelt Finnland

Was aber ist eigentlich finnisches Design und was macht es so besonders? Finnisches Design ist klassisch, zeitlos und von der Natur inspiriert. Es ist aber mehr als nur ein Objekt, eine Farbe oder eine Linienführung. Finnisches Design ist eine Lebensart. Genau wie ihre Mode oder ihre Einrichtung, konzentrieren sich auch die Finnen selbst auf das Wesentliche. Das machen sie aber mit großer Sorgfalt und mit viel Liebe zum Detail.

Fast synonym mit finnischen Design wird auch immer wieder die Marke Marimekko genannt. Das Textilunternehmen, 1951 in Helsinki gegründet, wurde durch wunderschöne Kleidungstücke mit innovativen Schnitten und kräftigen Farben berühmt und auch über die Grenzen Finnlands hinaus bekannt. Wörtlich übersetzt bedeutet der Name soviel wie „Maris Kleid“. Inzwischen bietet Marimekko auch ein breites Sortiment an tollen Wohnprodukten. Natürlich ist der Besuch eines dieser Geschäfte für mich Pflicht und, soviel stand eigentlich schon vor Betreten des Ladens fest, meine Einkaufstasche bleibt nicht leer.

Mehr Design als Wodka

Ich schlendere durch die Straßen des „Design District“, lasse mich treiben und fühle mich durch die Schaufensterauslagen der Geschäfte und Galerien irgendwie inspiriert, selbst Nadel und Faden oder Pinsel in die Hand zu nehmen. Ich glaube, Helsinki färbt ab!

Punavuori, der „rote Hügel“, liegt nur ein paar Straßenzüge von der Innenstadt Helsinkis entfernt. Hier reihen sich Jugendstil- an Art-Decó-Häuser. Eines schöner als das andere! Anfang des 20. Jahrhunderts lebten hier noch Arbeiter, die zum Beispiel in der Kabelfabrik von Nokia schufteten. Heute ist diese ehemalige Fabrik das größte Kulturzentrum Finnlands mit acht Galerien, drei Museen, diversen Kunstschulen, Bühnen und Cafés. Der Betreiber des Kaapeli vergleicht die Fabrik gern mit einem großen Schnapsglas. Würde man das Gemäuer mit finnischem Wodka füllen, so sagt er hätte jeder Finne 1.560 Drinks. Aber das ist wohl selbst für den durchaus trinkfesten und trinkfreudigen Finnen etwas zu viel des Guten… Wie gut, dass es stattdessen randvoll mit finnischen Design ist.

Ein Blick hinter die Kulissen

Das Thema Design zieht sich weiter durch meinen Nachmittag. Als ich mir einen Kaffee in einem ganz zauberhaften Café bestelle, möchte ich nicht nur die gesamte Inneneinrichtung in meiner Wohnung duplizieren, auch der Schaum meines Cappuccinos ist aufwendig „designt“. Bevor ich den Tag mit einem leckeren Burger in der Hietalahti-Markthalle ausklingen lasse, genieße ein paar Sonnenstrahlen am alten Hietalathi-Hafen. Kaum zu glauben, dass dies bis ins frühe 20. Jahrhundert der äußerste Rand Helsinkis war, liegt der Hafen heutzutage doch gefühlt mitten in der Stadt.

Mein Streifzug durch Kallio und Punavuori hat viele wunderbare Eindrücke und auch einige wunderschöne Andenken hinterlassen. Wer in den Genuss des „echten“ Helsinkis kommen will, sollte hinter die touristische Fassade Helsinkis blicken. Hier mag zwar alles etwas weniger perfekt sein, dafür wird man mit Kreativität, Energie und Herzlichkeit belohnt. Ich komme wieder!

Mehr zu Helsinki findest Du hier.