Helsinki im Dampf

Simo Vassinen

Die Saunakultur moderner Finnen

Ich erinnere mich noch ganz genau an einen besonderen Saunamoment, den ich in meiner Heimatstadt Helsinki erlebte. Es war Winteranfang, kurz bevor der erste Schnee fiel, das Wetter aber bereits nasskalt und grau war. So fühlte ich mich auch. Damals lebte ich in Kallio, einem der vielfältigsten Viertel Helsinkis: Second-Hand Buchhandlungen, asiatische Supermärkte, günstiges Bier, preiswerte Pizza, kleine Lampengeschäfte, noch kleinere Sandwich-Geschäfte, fragwürdige Geschäftsabschlüsse und alles umrahmt von einem Hauch 30er-Jahre-Arbeiterklasse und 70er-Jahre-Theaterkultur. Ein aufstrebendes Viertel für Manche, ein nostalgisches Viertel für Andere. Niemals langweilig. Aber manchmal sehr, sehr grau.

Von Kallio aus fuhr ich mit der Tram ins Zentrum und schlenderte gedankenverloren die Kluuvikatu in Richtung Kino Maxim entlang, um mir dort den neuen Film von Aki Kaurismäki anzusehen. „Le Havre“ passt – wie so viele Filme des berühmten finnischen Regisseurs – wunderbar zum Gefühl eines grauen Wochentags in Helsinki, an dem man sich nach den ersten Frühlingstagen sehnt. Und wenn man Wetter und Stimmung schon nicht ändern kann, kann man wenigstens darin eintauchen.

Im Kinosaal folgte ich einer finnischen Frau, die wenig sprach und noch weniger lächelte, nach Frankreich und wieder zurück. Als ich das Kino verließ hing ich in Gedanken noch etwas dem inzwischen dämmrig-dunklen Himmel und der bescheidenen Schweigsamkeit der finnischen Frau auf der silbernen Leinwand nach. Es waren einsame Gedanken, bei denen Jeder um mich herum für einen kurzen Moment verschwand. Ich kehrte nach Kallio zurück und besuchte eine einfache Sauna ohne viel Schnickschnack, um mich ganz meiner genügsamen, stillen finnischen Art hinzugeben.

Der bescheidene Zauber öffentlicher Saunen

Viele Wohngebäude in Helsinki haben eine Gemeinschaftssauna im Keller. So auch meines. In den 30er Jahren gab es rund 200 öffentliche Saunen in der Stadt. Nach und nach wurden sie in den 60er und 70er Jahren durch die Gemeinschaftssaunen der Wohnhäuser ersetzt. Immer noch gemeinschaftlich, ja, aber doch nur gemeinschaftlich für die Bewohner eines Hauses. Man meldet sich an und zahlt ungefähr 10 € pro Monat und Wohneinheit, um einmal in der Woche Zutritt für eine Stunde zu haben. Meine Stunde fiel immer auf einen Donnerstag, so entschied ich mich also an jenem Tag (kein Donnerstag) zu einer der wenigen verbliebenen öffentlichen Nachbarschaftssaunen zu gehen.

Bis vor wenigen Jahren noch machten die Arla-Sauna in Kallio und die Kotiharju-Sauna in Kallio zusammen zwei Drittel aller öffentlichen Saunen in Helsinki aus – der wahrscheinlich niedrigste Wert in der Geschichte der Stadt.

Die dritte öffentliche Sauna, eine Sauna in Hermanni, wurde in den 50er Jahren gebaut. Kallios öffentliche Saunen wurden in den aufeinanderfolgenden Jahren 1928 und 1929 erbaut und haben dementsprechend viele Gemeinsamkeiten. Seit gut 90 Jahren lassen sie im Erdgeschoss ihrer pastellfarbenen Häuserblocks Dampf ab. Jeden Tag das gleiche Spiel – und das in einer Stadt, die sich jeden Tag verändert. Ich entscheide mich (willkürlich) für die Arla-Sauna und treffe dort auf lockeren Komfort. Eine Handvoll Männer mittleren Alters sind in angeregte Gespräche vertieft, kühlen sich zwischendurch mit einer Dusche ab und treten dann in den Innenhof, um eine Zigarette zu rauchen oder ein Bier zu trinken während der Dampf von ihren Bäuchen in den diesigen Abendhimmel aufsteigt.

Kein Schnickschnack, keine Regeln

Es ist befreiend, einen Ort in der Heimatstadt zu finden, an dem die Zeit irgendwie stillsteht, an dem die Kacheln ausgeblichen sind (einige auch gesprungen), an dem sich Körper jedweder Form über lokale Nachrichten austauschen während sie an der Wand gelehnt den heißen Dampf einatmen. Schweigsame Menschen, die still die Hitze miteinander teilen, sind genauso willkommen wie gesprächige Menschen. Es ist wie eine Szene aus einem Kaurismäki Film. Oder vielleicht einfach nur eine Szene aus Helsinki, so wie es schon vor 90 Jahren war und so wie es noch immer ist.

Die öffentlichen Saunen Helsinkis haben nichts mit Spas gemein. Man bekommt den Rücken geschrubbt (und das nicht gerade sanft!) oder auch eine dieser uralten Schröpf-Behandlungen, bei denen spezielle Vakkum-Behälter den Rücken „absaugen“, um „schlechtes Blut“ mit Druck herauszuziehen und einen Endorphin-Schub sowie körperlich-geistige Gelassenheit auszulösen. Aber das war es auch schon! Das sind die Saunen von Kallio; eine beruhigende Mischung aus vergangenen Momenten und fortwährendem Kulturgut. Ein Ort, um sauber zu werden, an dem sich Land und Stadt trifft, an dem man nicht behandelt wird sondern sich selbst behandelt.

Ein Aufguss, so wie er in Deutschland zelebriert wird, ist hier gänzlich unbekannt. Eine nach Minze duftende Gruppenmeditation oder frisch aufgeschnittene Orangen haben hier nichts verloren. Hier gibt es keine Regeln, wie man Wasser auf heiße Steine zu geben hat. Jeder kann den Eimer mit Wasser greifen und so viel zischenden Dampf erzeugen wie er möchte. Die einzige Hierarchie in dieser Sauna bedingt das stille Machtspiel, möglichst viele Runden Wasser auf den obersten Sitzen zu überstehen. Ich ging mit dem guten Gefühl nach Hause, dass plötzlich alles einen Sinn machte – selbst der leise Hauch von Melancholie, den ich immer noch spürte.

Die Sauna-Renaissance

Spulen wir nun ein halbes Jahrzehnt zum Helsinki der Gegenwart vor. Die alten Saunen Arla, Kotiharju und Hermanni wurden inzwischen durch eine neue Generation öffentlicher Saunen ergänzt. Das erste Anzeichen der Helsinkier Sauna-Renaissance trat 2013 in Form der Kulttuurisauna in Erscheinung, die in Merihaka, dem Hafenbezirk in unmittelbarer Nachbarschaft zu Kallio, an einer stillen Ecke am Meer errichtet wurde.

Mit einer Mischung aus finnischem und japanischem Minimalismus ist die Sauna eine Ode an Architektur und Einfachheit. Der direkte Zugang zum Meer ermöglicht je nach Jahreszeit eine erfrischende oder erfrierende Abkühlung. Die Dekoration der Sauna beschränkt sich auf einzelne Kerzen, einfache Holztische mit kargen Sofas und Wasserbehältern aus Emaille. Wenn man im Innenhof des wunderschönen geweißten Gebäudes steht, blickt man rechterhand auf die Art-Nouveau-Gebäude in Kruununhaka und linkerhand auf die Kohleberge des Kraftwerkes sowie hier und da auf vereinzelte Schiffe. Und wenn man den Blick intensiv über das Wasser streifen lässt, dann erkennt man aufsteigenden Dampf.

Urbane Saunakultur

Der stillgelegte Hafenbereich Kalasatama (Fischhafen) besitzt trotz viel Beton viel versteckte Lebendigkeit. Um diese zu finden, schwingt man sich am besten aufs Fahrrad und fährt entlang des Wassers bis zum Ende der zementierten Straße. Auf dem Weg begegnet man einem kleinen Café in einem ehemaligen Seefahrt-Container, einer langen Graffitiwand und einem üppigen, farbenfrohen Stadtgarten. Im Sommer ist es hier zudem nicht ungewöhnlich, Techno-Beats zu vernehmen, Open-Air-Filme zu sehen, die auf alle erdenklichen Hintergründe projiziert werden, oder einer Karaoke-Party zu lauschen, die irgendwo im Betondschungel veranstaltet wird.

Der Hafenbezirk hier ist seit ungefähr fünf Jahren ein Spielplatz für experimentelle urbane Kultur, die trotzig darauf wartet von neuen Wohnkomplexen verdrängt zu werden. Eines der Pionierprojekte dieser Kulturbewegung ist die Sompasauna: eine einfache Hüttensauna, die mit Sammelholz und einem auf der Straße gefundenen Ofen heizt. Während der ersten drei Jahre wurde die Sauna immer und immer wieder von der Stadt Helsinki abgerissen, nur damit sie immer und immer wieder von einer beherzten Gruppe urbaner Saunagänger an anderer Stelle wiederaufgebaut wurde. Nach und nach eroberte diese kultige Sauna die Herzen vieler Menschen und wird nun offiziell geduldet. 2015 gewann sie sogar den Preis „Helsinki’s Cultural Act of the Year“ und immer mehr Menschen machen sich rund um die Uhr mit mitgebrachtem Holz auf den Weg, um dort zu schwitzen. Praktischerweise verkauft die nahegelegene Tankstelle Feuerholz.

Saunen, so schien es, waren wieder in aller Munde. Jedes Mal, wenn ich aus Berlin, meinem Zuhause der letzten vier Jahre, zurück in meine Heimat Finnland reiste, hatte ich zwei Prioritäten: Freunde und Sauna.

An einem Sonntag Ende April, an dem ich die Sompasauna besuchte, blies ein kalter regennasser Wind. Sich bei diesem Wetter vor der Hütte auszuziehen ist schwierig, nach ein paar Runden Hitze und Abkühlung im Meer kann man aber durchaus mit ihm Frieden schließen. Wenn man dann nackt vor der Sauna steht und die Regentropfen auf den ganzen Körper fallen, fühlt man sich, als verschmelze man mit seiner Umgebung. Die Stadt wird „Du“ und du wirst die Stadt. Und nur zwei Schwimmzüge im eiskalten Wasser reichen aus, um sich wie einer der Löwen zu fühlen, die im nahegelegenen Helsinkier Zoo residieren. Natürlich brüllt man als stiller Finne niemals laut, und doch brüllt man innerlich.

Ein neues Gemeinschaftsgefühl

Etwa einen Monat später, wieder in Helsinki, trat der Sommer unerwartet früh in Erscheinung. Und wenn die Sonne hier erst einmal scheint, verwandelt sich die Stadt über Nacht in einen tropischen Strand. Eine Straßenparty hier, ein Flohmarkt dort, Samba-Paraden, fröhliches Gelächter in den Straßencafés, Erfrischung in der Ostsee, Outdoor-Aerobics und im Grunde jede Form menschlicher Aktivität auf den Straßen oder im Park. Die Bevölkerung Helsinkis scheint sich zu verdoppeln, wenn T-Shirt-Wetter herrscht.

In den letzten Jahren gab es ein sichtbares gemeinschaftliches Ziel, die Grenzen von Helsinkis Lebensraum zu vergrößern. Nach und nach – auch während der anderen drei Jahreszeiten. Ein Beispiel dieses neu-definierten urbanen Lebens ist der Erfolg des „Restaurant Day“ – ein kleiner Versuch einer Gruppe von Freunden, der ein nationales (und sogar internationales) Phänomen wurde und bei dem es schlichtweg darum geht, Menschen zu ermutigen, ein „Restaurant für einen Tag“ auf den Straßen Helsinkis zu eröffnen.

Dieser Tag steht für eine grundlegende Veränderung in den Köpfen der Menschen: der öffentliche Raum in Helsinki ist tatsächlich für die Öffentlichkeit da – um ihn auszuweiten, zu genießen, und um Träume darin zu verwirklichen. Die Sompasauna zählt sich stolz zu diesem Kultur-Revival Helsinkis. Dazu, die Regeln ein wenig zu verbiegen, etwas Farbe in das Grau zu bringen und miteinander zu teilen. Der „Restaurant Day“ inspirierte den „Sauna Day“, der jedes Jahr die Türen geschlossener Saunen für Jedermann öffnet: was mir gehört, gehört auch dir. Und es gibt doch wahrlich keine bessere Möglichkeit, seine Nachbarn kennen zu lernen oder einen fremden Stadtteil zu entdecken, als in der Sauna.

Entspannt versus luxuriös

Bei meinem letzten Heimatbesuch fiel es mir sehr leicht, mich für eine Sauna zu entscheiden, denn es gibt einen neuen Stern am Sauna-Himmel. Löyly ist ein Mega-Projekt, das gerade pünktlich zum frühen Sommeranfang in diesem Jahr fertiggestellt wurde. Der Saunakomplex am Ufer ist das neue Wahrzeichen, wenn man sich der Stadt von der Ostsee her nähert, und ein kühnes Statement in Sachen Holzarchitektur. Das Millionen-Projekt wurde mit jedem Planungsschritt immer größer, denn die Gründer achteten penibel darauf, dass auch jedes noch so kleine Detail perfekt war.

Das Resultat kann sich sehen lassen: ein wunderschönes Gebäude aus Holz, das in seiner Form an das Hochland von Lappland erinnert. Im Inneren verstecken sich drei Saunen: eine traditionelle Rauch-Sauna, eine große Holz-Sauna und eine etwas kleinere Holz-Sauna, die von geschlossenen Gruppen genutzt werden kann.

Der klare Himmel erhellt die geräumige Hauptsauna sowie den Waschbereich durch die durchbrochene Holzvertäfelung hindurch und andersherum kann man so von Innen heraus das Meer glitzern sehen. Die Rauchsauna hingegen ist so dunkel wie eine finnische Winternacht. Anders als in Kallio oder in der Sompasauna ist Badebekleidung hier verpflichtend. Der Anblick nackter Hintern wäre vielleicht ein allzu großer Kontrast zu den stylischen Weintrinkern und Dinnergästen auf der riesigen Terrasse.

Hier in Löyly trifft Tradition auf verschiedene Formen von Luxus. Hier gibt es einen Aperol Spritz und feinstes Essen auf der schönsten Terrasse der Stadt. Hier gibt es aber auch Luxus in der Form, dass man aus der Sauna kommend nur 20 Stufen nach unten steigen muss und sich sofort in der Ostsee abkühlen kann während Seemöwen im Himmel ihre Kreise ziehen und man ganz mit seiner Umgebung verschmilzt.

An einem tropischen Tag wie dem, den ich während meines letzten Besuchs erlebte, zeigt Helsinki ein Gesicht, das nicht mehr viel dem Kaurismäki-Ambiente gemein hat. Aber eine moderne Stadt hat ja bekanntlich viele Gesichter. Die 150€-do-it-yourself-Sompasauna ist eines davon. Die millionenschwere Löyly-Sauna ein anderes. Findet Helsinki an Orten, die die Nostalgie vergangener Zeiten in Ehren halten, zu seiner neuen Identität? Oder doch eher an Orten großer Design-Statements? Vielleicht ja an beiden – solange es dort Saunen gibt.

Tipps und Informationen zur Saunakultur in Finnland von Deinem Dein Finnland Team:

Es gibt so viele verschiedene Arten von Saunen in Finnland, wie es im Finnischen Wörter für Schnee gibt. Also: viele! Von traditionellen Rauchsaunen bis hin zu den exotischen Eis-Saunen. Die Top 5 Sauna Varianten findest Du hier.

In Helsinki findest Du überall Saunen – in Wohnungen, Sommerhütten, Hotels. Es gibt einige öffentliche Saunen, wo auch Touristen einmal die magische Atmosphäre einer authentischen finnischen Sauna erleben können. Wo Du die Saunen in Helsinki findest, erfährst Du hier.

Fotos: Simo Vassinen, Visit Finland, Visit Helsinki, Pekka Keränen, Jaakko Koskentola, Eetu Ahanen, Jussi Hellsten