Ein Spaziergang durch Helsinki

Kathrin Deter

Der Kultur auf den Fersen

„Was ist das Besondere an Helsinki, was macht es für dich aus, dass du hier schon so lange lebst?“ – das ist vermutlich die Frage, die ich am allermeisten höre. Es ist die Nähe zur Natur, sage ich, das für mich ideale Klima, die zurückhaltende Mentalität, das entspannte Leben. Aber ebenso besticht Helsinki nicht nur durch moderne Architektur und die klaren Linien, die für finnisches Design bekannt sind, sondern auch durch das gesamte Stadtbild.

Ein Spaziergang durch Helsinki erzählt die Geschichte des Landes symbolisch und lebendig. Er lädt ein, Fragen zu stellen und zu entdecken. Die Mischung aus zeitgenössischer und klassischer Architektur bietet einen Anblick, der sowohl modern als auch elegant und alt-ehrwürdig ist, für mich eines der Attribute, die Helsinki so einzigartig machen. Architektonische Meisterwerke aus der Mitte des 19. Jahrhunderts präsentieren sich stolz und gebieterisch neben den Vorzeigebeispielen moderner finnischer Designkunst. Heute zeige ich dir meine liebsten Ecken der Stadt.

Helsinki ist bekannt als Treffpunkt von Ost und West, und beide Einflüsse vereinen sich auf eine einzigartige Art und Weise. Finnlands lange Verbindung zu Schweden mag auf den ersten Blick noch immer auffälliger sein, allein durch die Sprache, die mit Schwedisch als zweiter Amtssprache ständig präsent ist, auf fast jedem Schild, an jeder Ecke. Dennoch haben die Russen es erfolgreich geschafft, mit Helsinki als neuer Hauptstadt ab 1812 die Aufmerksamkeit stärker auf ihren Einfluss zu lenken. Mit dem historischen Zentrum als „kleines St. Petersburg“, bis zur majestätischen Uspenski Kathedrale, die wie ein Wachturm über den Rest der Stadt ragt, erinnert in Helsinki vieles an die Zeit der Herrschaft der russischen Zaren. Zwar im heutigen Leben in Helsinki nur noch vage präsent, dennoch auffällig reflektiert im architektonischen Stadtbild.

Wir starten unseren gemeinsamen Ausflug am unumstrittenen Hauptwahrzeichen der Stadt, der majestätischen weißen Kathedrale – Tuomiokirkko. Auch wenn diese sicherlich jedem Besucher ein Begriff sein wird und sie vielleicht nicht gerade der absolute Geheimtipp ist, kommt man daran nicht vorbei. Selbst nach nunmehr fast sechs Jahren in Helsinki halte ich jedes Mal noch den Atem an, wenn sich die Tram dem Senatsplatz nähert oder ich aus Richtung Unioninkatu um die Ecke komme. Der deutsche Architekt Carl Ludwig Engel baute den Großteil seines Lebenswerks zwischen 1830 und 1840, bis nach seinem Tod der ebenfalls deutsche Ernst Lohrmann letztendlich die Arbeit bis 1852 beendete. Die Kathedrale, die als Symbol und Tribut an St. Petersburg entworfen wurde, sticht durch ihren neoklassizistischen Stil dennoch hervor. Umrahmt ist sie von den ältesten Gebäuden der Stadt, die fast ausschließlich im empirischen Stil entworfen wurden. Ungewöhnlich für eine evangelische Kirche, da diese sich oft eher mit subtiler Eleganz im Hintergrund halten: der Dom von Helsinki ragt majestätisch über die ganze Stadt.

Aber es sind nicht nur die bekannten Wahrzeichen, die sowohl Einwohner als auch Besucher jedes Mal aufs Neue staunen lassen. Wir spazieren um den Dom herum, in Richtung der Finnischen Nationalbank, und blicken von hieraus auf ein Gebäude, welches mich jedes Mal ein wenig schmunzeln lässt – weil es schlicht und einfach aussieht, als wäre es mit „Photoshop“ ans Ende der Straße gepackt worden. Am Ende der Unioninkatu ragt die Kirche von Kallio über das ehemalige Arbeiterviertel der Stadt. Fast wie aus einem Film, irgendwie unwirklich, durch die Position auf dem Hügel wirkt sie wie in ein anderes Licht getaucht. Besonders auffällig dadurch, dass sie nicht dem typischen Bild einer Kirche entspricht, komplett aus grauem Granit gebaut ist und harte Kanten, grün-kupferne Kuppeln und Spitzen aufweist, ein einzigartiges Beispiel für die Neoromantik und Art Deco Einflüsse in Helsinki.

Weiter geht es um die Ecke, und wir stehen vor dem ehemaligen Ständehaus aus dem Jahr 1891. Letzteres fällt besonders auf: als einziges Gebäude der ganzen Stadt ist es im auffälligen Neorenaissance Stil gebaut und besonders einzigartig durch den russisch-byzantinischen Einfluss. Bis zur parlamentarischen Reform trafen sich hier das Volk, die Vertreter der Kirche und der Handelsmänner, bis es 1906 zu einem Museum umfunktioniert wurde. Heutzutage fast ausschließlich für Regierungstreffen vorbehalten, ist es leider der Öffentlichkeit nicht mehr zugängig. Auch hier findet sich ein Element aus der russischen Vergangenheit wieder: stolz steht Zar Alexander I. über dem Gebäude, damals als Zeichen seiner Bekräftigung der damaligen Legislatur in Finnland.

Weiter geht es die Kirkkokatu herunter, bis an den alten Handelshafen. Von hier aus sehen wir die die russische Uspenski Kathedrale, wie sie auf fast gleicher Höhe mit dem Dom über Helsinki wacht. Beinahe schon symbolisch für die Macht aus dem Osten der Vergangenheit wurde die noch heute größte russisch-finnisch orthodoxe Kirche der nordischen Länder hier 1868 fertiggestellt. Ebenso symbolträchtig ist ihre Platzierung auf der ehemaligen Halbinsel von Katajanokka. Ursprünglich Teil des Festlandes, wurde der Stadtteil durch einen kleinen Kanal von dem Rest der Stadt abgetrennt, um den damaligen Handelshafen und den Markthafen zu verbinden. Also irgendwie immer präsent, aber dennoch nicht eins mit der Stadt.

Wir spazieren gemeinsam weiter in Richtung der alten Markthalle, immer weiter am Wasser entlang. Gemeinsam bestaunen wir den Blick aufs offene Meer, Inseln, die einladend wirken, bis wir vor Kaivopuisto rechts abbiegen. Keine fünfzehn Minuten von unserem Startpunkt liegt die Deutsche Kirche Helsinki. Im Stadtteil Kaartin Kaupunki liegt die Kirche, die seit 1864 das Herzstück der deutschen Gemeinde ist, die klein, aber sehr aktiv ist. Wunderschön gelegen nahe dem größten Park in der Innenstadtregion und somit nur ein paar Minuten vom Wasser, der Südküste Helsinkis, entfernt. Diesen Ausblick können wir uns nicht entgehen lassen, deshalb spazieren wir die Ehrenströmintie entlang, und nehmen dann in der Laivurinkatu den Bus, mit dem wir einmal bis ans andere Ende der Stadt fahren, zum Sibeliuspark.

Der Nationalkomponist Finnlands, Sibelius, ist einer der Helden des Landes. Der 1857 geborene Finnschwede schrieb unter anderem die berühmte Finlandia Hymne. Er lebte während seiner Zeit in der Musikschule in Helsinki, und noch heute ist seine Präsenz allgegenwärtig. 2015 wurde der 150. Geburtstag von Sibelius gefeiert, und die Stadt stand völlig im Zeichen seiner Musik und der Erinnerung an diesen großen Komponisten. Im Sibeliuspark finden wir das Monument, das 1967 zum Gedenken an ihn errichtet wurde. Es ist schon ein wenig später am Abend, als wir hier ankommen, wir haben Glück und es sind nicht zuviele Besucher vor Ort und die Sonne lässt den Stahl warm leuchten. Die Röhren sollten einen Wald und die Dichte seiner Kunst darstellen, jedoch war die Ähnlichkeit zu einer Orgel lange recht umstritten, da Sibelius wenig relevante Stücke für die Orgel geschrieben hatte. Um die Wogen zu glätten, fügte die Künstlerin noch ein Ebenbild seines Gesichts hinzu. Mittlerweile ist das gewaltige Kunstwerk jedoch eine der beliebtesten Attraktionen der Stadt.

Gegenstück zu diesem traditionellen Werk ist das neue Musikhaus, Musiikkitalo, welches erst 2011 seine Türen öffnete, eines meiner persönlichen Lieblingsbauwerke in Helsinki. Hier befindet sich der größte Teil der Sibeliusakademie, eine der renommiertesten Musikakademien der Welt, die nach jahrelanger Planung endlich ihr eigenes, hochmodernes Konzerthaus bekam. Oft finde ich, dass moderne Architektur eher weniger zu den traditionellen Bauten passt, doch dank des kupfergrünen Farbtons fügt sich das Gebäude harmonisch ins Stadtbild neben dem Nationalmuseum ein. Das Innenleben des Hauses ist schlichtweg imposant: klare Linien, dunkle Farben, schlichte Eleganz – jeder Besuch beeindruckt mich wieder. Neben kleineren Konzertsälen ist das Herzstück der große Saal, der mit der hohen Decke, den dunklen Farben und den unregelmäßig angeordneten Sitzreihen jedem Besucher in Erinnerung bleibt. Nicht zu vergessen natürlich die unvergleichbare Akkustik. 

Je weiter wir uns vom historischen Zentrum entfernen, desto klassisch finnischer wirkt das Stadtbild. Während der russisch inspirierte Empirestil das alte Zentrum dominiert, finden wir mehr Elemente aus Jugendstil, Romantik und der funktionalen, aber dennoch schlicht-eleganten nordischen Klassik. Russische Opulenz und finnische Einfachheit machen Helsinki zu einer Stadt, die ihre Vergangenheit und ihren Nationalstolz auf unangestrengte Weise vereint. Die Geschichte ist präsent, aber nicht überladend. Die Einflüsse sind klar und deutlich, aber dennoch irgendwie subtil.

Helsinki und Finnland sind bescheiden und uneitel, sowohl in dem, was wir sehen, als auch im Lebensgefühl.

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