Ein Sommertag in Porvoo

Udo Haafke

Ein Besuch in der südostfinnischen Sommerstadt

Moi, moi“ Ester Eriksson begrüßt uns mit routinierter Gelassenheit in ihrem Laden. Sie weiß genau, die meisten Besucher kommen nicht, um eines der angebotenen Pretiosen zu erwerben, sondern nur, um das ungewöhnliche Interieur ihres Ladens etwas eingehender zu betrachten. „Dies ist das älteste Schmuckgeschäft Finnlands“, erzählt sie in fließendem Englisch. „Aus den 50er Jahren, und immer noch im Originalzustand. Das Mobiliar, die Vitrinen und Auslagen stehen unter Denkmalschutz und dürfen nicht verändert werden.“

Im geschwungenen Halbrund angeordnet wechseln sich die gläsernen Schaukästen mit den in dunklem Holz eingefassten Rahmen am Verkaufstresen ab. Darin vornehmlich Silberschmuck, der zum größten Teil aus der unmittelbar dahinter liegenden Werkstatt stammt. Die delikat gearbeiteten und zierlichen Ohrringe, Broschen, Kettchen und Anhänger, teils auch fein graviertes Besteck verblassen im Umfeld der beeindruckenden Innenarchitektur, gleichzeitig sind sie Zeugen einer traditionsreichen Silberschmiedekunst für das Porvoo einst berühmt war. Ein lächelndes „Moi, moi“ bekommen wir zum Abschied mit auf den Weg.

„Dieser Gruß ist ziemlich jung, es gibt ihn noch nicht so lange, aber er erfreut sich schon großer Beliebtheit und löst allmählich altbekannte Begrüßungsfloskeln ab.“ Hanne Lassi, Fremdenführerin mit dänischen Wurzeln, erzählt mir beim Spaziergang über das rustikale Kopfsteinpflaster aus der wechselvollen Geschichte der nach Turku zweitältesten Stadt des Landes, die schon 1346 Stadtrechte erhielt, als Siedlung an strategisch günstiger Stelle jedoch bereits wesentlich früher existierte. Mangels fehlender Überlieferungen lässt sich dies allerdings nicht belegen.

Wir durchqueren die alten Gassen und den Marktplatz beim Rathaus, wo gerade Kunsthandwerker ihre Stände aufgebaut haben, und stehen kurz nach vor dem Dom. „Der sieht so noch aus wie vor etwa 500 Jahren. Er ist das älteste Bauwerk in Porvoo. Die Burg auf dem Borgbacken war noch älter, aber aus Holz und überdauerte die Zeiten nicht. Aber die tolle Aussicht über Stadt und Fluss ist zumindest geblieben.“ Im Dom hielt Zar Alexander I. nach dem Schwedisch-Russischen Krieg 1808/1809 die erste Versammlung des finnischen Reichstages ab. Er verkündete das Ende der schwedischen Besatzungszeit und die Übernahme durch eine russische Verwaltung. „Das war der erste Schritt in die Unabhängigkeit Finnlands, die 1917 endlich Realität wurde. Sechs Jahre später erhoben die schwedisch sprachigen Kommunen des Landes Porvoo zum Sitz des Bistums.“ Stolz schwingt in Hannes Stimme mit, obwohl Dänin denkt, fühlt sie finnisch.

Eine vergessene Fischsuppe auf dem Feuer kann schwerwiegende Folgen haben. Im ungewöhnlich trockenen Monat Mai des Jahres 1760 legte ein auf diese Weise entfachter Großbrand mehr als zwei Drittel des Stadtgebietes in Schutt und Asche. Durch das verheerende Feuer wurde beinahe der komplette Neuaufbau Borgås, so heißt Porvoo auf schwedisch, notwendig. Das Angebot die Häuser nun aus Stein statt aus Holz zu bauen, nahmen trotz versprochener Steuervorteile nur wenige Bürger an. „Im Grunde sieht es daher heute fast immer noch so aus wie vor 250 Jahren. Selbst wenn mal was abgerissen werden muss, baut man sehr sensibel neu und ins Gesamtbild passend.“ Das alte Rathaus, das Gasthaus 1763 und Holms Kaufmannshof, der ein kulturhistorisches Museum beherbergt, sind steinerne Zeugen dieser Geschichte.

Während sich in den beiden vom Marktplatz abgehenden und parallel verlaufenden Straßen Ågatan und Mellangatan Läden, Geschäfte und die Mehrzahl der gastronomischen Betriebe konzentrieren, genießt die übrige Altstadt zumeist eine geradezu besinnliche Ruhe. Die rustikal gepflasterten, teils abenteuerlich schmalen Gassen sind mancherorts aus dem nackten Fels gehauen, so auch viele der engen Treppenaufgänge, die bei Nässe eine gewisse Rutschgefahr bergen. Eine davon, Skolagränd, soll, so weiß es die Legende, der Teufel selbst aus dem Gestein geschlagen haben.

Zauberhafte kleine Parkanlagen vermitteln das Gefühl mitten in einem Freilichtmuseum aus pastellfarbigen Holzhäusern zu stehen. Doch dem ist nicht so. Es gibt so gut wie keinen Leerstand, die Häuser sind alle bewohnt und bestens erhalten. Ich nehme den Geruch frischer Farbe wahr, der sich mit der wunderbar klaren, südostfinnischen Luft mischt. Selbst Berg 18, ein Felshügel, auf dem 18 Häuser in kühner Anordnung, gleichwohl mit einem unmittelbar durch die kleinen Gärten führenden Rundweg ausgestattet, platziert wurden, macht da keine Ausnahme.

Wir gehen hinunter zum Flussufer, wo sich geduckte, dunkelrote Lagerhäuser aneinander reihen. „Porvoo war nie Mitglied der Hanse, hatte aber beste wirtschaftliche Beziehungen speziell auch nach Deutschland.“ Hanne führt mich in einen der Innenhöfe der früheren Warenlager. „Heute finden die Häuser eine andere Verwendung. Sie sind begehrte Galerien für Künstler und Kunsthandwerker.“ Das Ambiente verzaubert: typisch skandinavische Kunst unter rustikalen Holzbalken.

Hinter dem sogenannten Schloss an der Ågatan 12, hier residierten einst auf ihren Besuchen der Zar wie auch der Schwedenkönig Gustav III., etablierte sich ein permanenter Floh- und Trödelmarkt. Selbst wer sich für das Angebot – es reicht spielend von gigantischen Ölschinken über Spielzeug und historischen Ansichtskarten bis hin zu altem finnischen Glas und Porzellan – nicht interessiert, der bekommt zumindest einen Eindruck über die clevere Konstruktion der charakteristischen Gebäude.

Porvoo, das nur etwa 50 km von der Hauptstadt Helsinki entfernt liegt, propagiert sich gern als Sommerstadt Finnlands. Entsprechend belebt sind die Terrassen der Cafés und Gasthäuser der Altstadt. „Dann hat unser Hausbier Hochkonjunktur“, erzählt Jörg Neulinger, Niederösterreicher und ambitionierter Küchenchef des Restaurants ZUM BEISPIEL, „aber es wird auch sonst gern getrunken,“ fügt er rasch hinzu. Zum Bier, so der Name des wohlschmeckenden Gerstensaftes mit dem schwarzen Etikett, wird exklusiv für den hiesigen Ausschank von einer kleinen Brauerei in Tampere produziert. Selbst Hanne, sonst grundsätzlich skeptisch gegenüber Bier, lässt es sich genüsslich schmecken und zwinkert mir begeistert zu. Das gut besuchte Lokal mit dem ungewöhnlichen Namen am Anfang der Mellangatan gehört seit 2013 zur etablierten Gastroszene der Stadt. Gegründet von Georg Simojoki, einem Deutschen, der – wie so viele – der Liebe wegen nach Porvoo kam und konsequent das Ziel der Verwendung ökologischer lokaler und unbedingt frischer Produkte verfolgt. „Wir backen täglich frisches Brot!“. Auf der Karte sucht man indes vergeblich nach typisch finnischen Gerichten, kulinarische Kreativität mit internationalem Einschlag dominiert. „Unsere Webseite allerdings gibt es bis jetzt nur auf Finnisch!“ bedauert Jörg, aber das ändert sich wohl auch bald.

Untrennbar ist Porvoo mit dem Nationaldichter Johan Ludvig Runeberg (1804-1877) verbunden, dessen literarisches Werk maßgeblich für das finnische Selbstverständnis war. Ausschließlich in schwedischer Sprache schreibend gilt er als Pendant zu seinem Freund und Mitstreiter Elias Lönnrot, der als Erster vor gerade einmal gut 150 Jahren das Finnische in die Literatur des Landes brachte. Beide Schriftsteller werden heute noch verehrt, die Worte Runebergs (Vårt Land) sind in der Nationalhymne zu finden. Das Runeberg Haus im Empire-Viertel Porvoos, das in der russischen Zeit entstand, atmet den Geist des ausgebildeten Lehrers und Literaten und seiner Familie, die hier mehr als ein Vierteljahrhundert lebte. Beim Rundgang durch die Räume spürt ich auch den bürgerlichen Alltag im Finnland dieser Epoche. Schon 1882 öffnete das Haus als Museum seine Pforten. Noch lange Zeit betreut von der Magd der Runebergs, die sich rührend um den in seinen letzten Lebensjahren bettlägerigen Runeberg und seine Frau Fredrika kümmerte.

Fredrika Runeberg war ebenfalls schriftstellerisch aktiv, schrieb einige Romane und gilt als erste weibliche Journalistin Finnlands überhaupt, die sich auch für die Rechte der Frauen und Mädchen einsetzte und die Bildung förderte. Fredrikas Passion galt zudem dem Garten des Hauses, der sommertags noch heute eine üppige Blütenpracht entwickelt. Einer ihrer Söhne, Walter Runeberg, erlangte internationale Berühmtheit als Bildhauer. Ihm ist ein Museum nur wenige Schritte vom Runeberg-Haus entfernt gewidmet.

Eine liebenswerte Marotte Runebergs war der beinahe tägliche Besuch eines Cafés im Ort. Hier verzehrte er gerne ein später nach ihm benanntes Törtchen mit Marmeladenfüllung und Zuckerguss. Dieses süße kulinarische Kleinod ist eine Sünde wert und so sitzen wir auf der Terrasse des Cafés am Marktplatz, genießen das Runeberg-Backwerk zu einem Glas Mumin-Tee und folgen dem Treiben des Handwerkermarktes.

Sanft, voll beschaulicher Leichtigkeit wiegen die Gefährte der Freizeitkapitäne im Wasser des Hafens von Hamari, knapp drei Kilometer südlich des Zentrums von Porvoo. Die Zeiten der großen Frachtsegler auf dem Haikofjärden sind Vergangenheit, keine Handelsschiffe laden ihre Waren mehr ab. An den Wirtschaftsfaktor und bedeutenden Anlegeplatz für den florierenden Handel der Stadt erinnert lediglich ein imposantes Bild des Malers Albert Edelfelt, das eine Szene vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigt. Frauen und Kinder am Ufer, Boote und Schiffe am Horizont. „Arbeiten des Künstlers Edelfelt findest Du in der Altstadt Porvoos ebenso wie hier draußen und an den hiesigen Wanderwegen. Man hat so einen guten Vergleich zwischen damals und heute.“ Silja Vepsänrepo betreibt mit ihrem Mann Paul einen kleinen B&B-Betrieb am Ortsrand Hamaris. Wenn sie Zeit findet, geht sie mit ihren Gästen auf Fahrradtour und zeigt ihnen die Schönheiten der Umgebung im Porvoo National Urban Park. „Edelfelt gehörte zu den Malern des aufkeimenden Realismus. Er arbeitete viel und gerne in der freien Natur.“

Wir lassen die Räder am Ufer stehen und erklimmen leichtfüßig Heidekraut und Nadelwald den Tornberget am Rande Hamaris. Aus der Höhe bietet sich eine bezaubernde Aussicht über die zahlreichen Inseln und Schären. Einige sind durch Brücken miteinander verbunden, andere nur mit Boot oder Fähre erreichbar. Fels, Wald, Wasser in einer atemberaubenden Komposition, die mit den auf dem Wasser glitzernden und tanzenden Sonnenreflexionen stets neue Bildeindrücke erzeugen. „Von den zahlreichen Werften, in denen früher am anderen Ufer viele, viele Holzbaute gebaut wurden, ist lediglich noch eine vorhanden. Dort repariert man aber heute mehr als dass noch neue Boote gebaut werden,“ sinniert Silja und fokussiert gedankenverloren einen unbestimmten Punkt in der Ferne. „Auf alle Fälle ist das hier ein prima Platz für ein Picknick!“ Die Eiszeit hat den Felsen glattgeschmirgelt über den nun an einigen Stellen wieselflinke Ameisen eilen. In Ritzen und Spalten des Gesteins konnten Pflanzen Fuß fassen, die die Zeit des Sommers für eine kurze, aber heftige Blüteperiode nutzen. Eichhörnchen flitzen behände an den Stämmen der Kiefern und Fichten des lichten Waldes entlang, während Blaubeeren und Preiselbeeren einen höchst verheißungsvollen, frucht- und essbaren Teppich auf dem Boden bilden.

Tipps und Information rund um Porvoo von Deinem Dein Finnland Team:


Anreise

Von den meisten deutschen Städten fliegen die www.finnair.com und der OneWorld Partner Air Berlin in die finnische Hauptstadt Helsinki. Von hier aus dauert die Fahrt mit dem Taxi etwa 40 Minuten. Alternativ stehen auch kostengünstigere Busverbindungen oder Mietwagen zur Verfügung. Natürlich kann man auch mit dem eigenen Auto anreisen und z.B. mit Finnlines ab Travemünde mit der Fähre nach Helsinki übersetzen.

Unterkunft

Sehr gemütlich in einem typisch finnischen Holzhaus stellt Silja Vepsänrepo ein Zimmer in Hamari für einen B&B Aufenthalt zur Verfügung. Zur guten traditionellen Küche gesellt sich echte finnische Gastfreundschaft. Fahrräder und gute Tipps für Ausflüge oder Wanderungen gibt es von Silja und Paul.


Aristokratisches Flair umgibt den Gast im Herrenhaus Haikko Manor etwas außerhalb von Porvoo. Der weitläufige Park vor dem Haus grenzt direkt an den Fjord und besitzt eigene Bootsanleger, die Nutzung der Spa- und Wellnessbereiche ist im Zimmerpreis eingeschlossen. Tipp: Unbedingt ein Zimmer im Herrenhaus buchen.


Essen und Trinken

Das Restaurant im Haikko Manor garantiert hervorragende Gerichte in stilvollem Ambiente, das Personal ist überaus freundlich und hilfsbereit. Das 3-Gänge-Haikko Menü beinhaltet feines Lachs-Tartar, traditionell geräuchertes Rinderfilet mit Kartoffeln und Kräuterbutter sowie Schokoladenkuchen mit Erdbeeren zum Preis von EUR 55. Dazu passt ein dunkles Bier der lokalen Brauerei Malmgård, alkoholische Getränke sind allerdings, wie überall in Skandinavien, recht teuer.


Das Restaurant Zum Beispiel unmittelbar am Altstadtkern offeriert internationale Cuisine von Burger bis Pasta auf der Basis frischer, regionaler Produkte. Als garantiert füllende Nachspeise ein Stück Death by Chocolade-Kuchen mit einer raffinierten Schokoladen-Lakritzmischung. Bestellt wird direkt am Tresen, eine Tischvorbestellung im Sommer ist ratsam.


Aktivitäten und Attraktionen

Sehenswert sind insbesondere das Runeberg Haus, der langjährige Lebensraum des Nationaldichters und seiner Frau Fredrika (Aleksanterinkatu 3), die Skulpturensammlung von Walter Runeberg (Aleksanterinkatu 5), das Holmhaus von 1763 am alten Marktplatz, das Wechselausstellungen zeigt und im ersten Stock Einblick in das Leben eines Kaufmanns Ende des 18. Jahrhunderts gibt (Välikatu 11). Das Spielzeugmuseum präsentiert die Dinge, die über Generationen vor allen Dingen die Kinder begeisterten (Jokikatu 14), und im ältesten Rathaus Finnlands wird die Historie der Stadt dargestellt und einige Räume präsentieren die Werke finnischer Künstler aus der Zeit Edelfelts (Raatihuoneentori). 

Nach einem Spaziergang durch die Altstadt lohnt der Besuch der Kathedrale von Porvoo aus dem 15. Jahrhundert. Jeden Dienstag und Donnerstag wird um 12 Uhr mittags ein kleines Orgelkonzert gegeben. Gottesdienste sind sonntags um 10 Uhr auf Finnisch und um 12 Uhr auf Schwedisch. Auch die kleine finnische Holzkirche kann besichtigt werden.


Neben dem alten Juweliergeschäft Aurum (Välikatu 3) gibt es ein hübsches altes Spielzeuggeschäft (Välikatu 8) und dem Flohmarkt hinter dem Schloss (Jokikatu 14). Ganz spannend das ungewöhnliche Angebot von Outi Karikivi in ihrem Redesign Willatar Laden auf dem Platz hinter der Kirche. Sie arbeitet gebrauchte Stoffe um und auf und gestaltet damit neue Textilien, sogar Hochzeitskleider, und andere Accessoires.
Wer etwas schneller unterwegs sein möchte, mietet sich im Touristenbüro unter der Brücke ein Fahrrad und erkundet auf dem gut beschilderten Wegenetz die Gegend oder probiert sich auf dem Fluss im Stand-Up-Paddling. Bretter verleiht ebenfalls das Touristenbüro und arrangiert auch geführte Steh-Paddel-Touren.


Erlebnisreich gestaltet sich auch eine Bootstour an Bord der MS Fredrika, die sowohl flußaufwärts als auch durch den Fjord bis weit hinter Hamari führt. Der Kapitän Ari Kautto erzählt unterhaltsam, pointenreich und mehrsprachig, auch auf Englisch und Deutsch, was es alles zu sehen gibt. Und er verblüfft seine Gäste mit dem stimmlich beeindruckenden Gesang eines Volksliedes gegen Ende der gut 90-minütigen Fahrt.


Wenn es in die Natur treibt der ist nördlich von Porvoo in der Råmossa Lodge genau richtig aufgehoben. Dort werden Führungen und Aktivitäten in der Natur angeboten. 

Mehr Informationen zu Porvoo findest Du hier: www.visitporvoo.fi