Simo Vassinen

Ein Haus im Wald

In Punkaharju ganz im Einklang mit der Natur

Mitten auf einem Hügel über einem See liegt ein rosafarbenes Holzhaus. Um von Helsinki aus dorthin zu gelangen, kann man entweder vier Stunden mit dem Auto fahren oder den komfortablen IC-Zug ostwärts nehmen. Ich schlage letzteres vor, denn so lehnt man sich entspannt zurück und genießt die vorbeifliegende Landschaft. An einem frühen Septembermorgen ist der Ausblick vorwiegend nebelig und weitläufig. Nur vereinzelt erblickt man bewohnte Flächen, hier und da im Augenwinkel eine Ansammlung von Häusern, die im nächsten Moment schon wieder verschwinden und erneut nur Wälder und Felder den Blick dominieren.

Wenn man das Dorf Parikkala erreicht, kann man sich kurz strecken und die eine oder andere Holzlieferung mit sorgfältig aufgetürmten, gestutzten Bäumen bewundern. Anschließend geht es mit dem Regionalzug, der aus nur aus einem einzelnen Wagon besteht, einige Haltestellen weiter und tiefer in den Wald hinein – bis nach Punkaharju. Das rosafarbene Holzhaus ist eigentlich nur einen Katzensprung vom ruhigen Bahnhof entfernt. Meine unterbewussten Instinkte schicken mich aber auf einen kleinen Umweg, vorbei an saftigen Preiselbeersträuchern, die die letzten Früchte des Jahres tragen, und entlang eines grün-gelben Weges, der schließlich auch am Gipfel endet.

Ein Land und sein Wald

Finnland besitzt pro Kopf zehn Mal so viel Waldfläche wie ganz Europa und mit fast 75% Bewaldung fällt die Vorstellung leicht, dass hier so viele Fabeln und Mythen entstehen. Die bewaldete Berglandschaft von Punkaharju ist symbolisch für die Landschaft des ganzen Landes. Nationale, literarische Romantiker des 19. Jahrhunderts wie J. L. Runeberg und Zachris Topelius kamen hierher, um sich von der Natur inspirieren zu lassen und stolze Stoffe einer unabhängigen Nation in spe zu kreieren. Fredrika Runeberg, die Frau des Nationaldichters, sagte 1838: „Es gibt wahrscheinlich keinen Ort auf dieser Erde, der Punkaharju konkurrieren kann. Kein Stift kann seine Pracht und seine Schönheit wiedergeben. Der Ausblick hier ist der allerschönste, den ich in meinen Leben gesehen habe.“

Als ich das rosafarbene Haus betrete, ist gerade Mittagszeit. Der Sommertrubel ist vorbei, aber ich bin nicht allein. Genau wie die Bäume wirken auch die anderen Septembergäste freundlich. Ich setzte mich an einen Tisch neben dem Fenster in dem lichtdurchfluteten, glasvertäfelten Bereich des Restaurants, der wie der perfekte Ort zum Gedichte verfassen mit Blick über den See schweifen lassen anmutet. Das Essen vor mir nimmt komplementär zur Außenfarbe des Hauses Gestalt an. Zum Brot wird ein rosafarbener Aufstrich aus Mandeln, Sauerkraut, Rote Beete und Cranberries gereicht. Außerdem genieße ich eine wolkengleiche, kräftig pinke Rote-Beete-Suppe. Im Anschluss serviert man mir eine Mischung aus moosfarben und glänzend gelb: Ein Pilz-Risotto das mit getrocknetem, pulverisiertem Kohl übersäht ist und das so unglaublich intensiv schmeckt, dass es sowohl die Geschmacksnerven als auch den Geist mit der umliegenden Natur in Einklang bringt.

Ein Hotel in der Natur und Natur im Hotel

Das Hotel Punkaharju hat zu Sommerbeginn dieses Jahres nach umfassenden Renovierungen wiedereröffnet. Der älteste Teil des Gebäudes ist eine ehemalige Försterhütte, die unter dem Russischen Zar und Großherzog von Finnland, Nicholas I., 1845 erbaut wurde. Nachdem das Gebäude später zu einem staatlichen Hotel ausgebaut und mit den Jahren immer verschlafener wurde, haben Saimi Hoyer und ihr Ehemann Thomas dem Gebäude neues Leben eingehaucht. Die Hoyers zogen nach gut einem Jahrzehnt im Ausland zurück nach Punkaharju, in Saimis Heimat aus Kindertagen, und nutzten die Chance, das alte Hotel neu zu erfinden. Warum? Um endgültig ganz nah bei den Pilzen, den Seen und den Bäumen zu sein, zu denen es Saimi immer wieder zurückzog.

Bevor ich in die Natur hinausgehe, und um mein Mittagessen zu verdauen, mache ich einen kleinen Spaziergang durch das Hotel. Ich bewundere einen Tisch, der aus knorrigen Bäumen gefertigt wurde, die vielen warmen Decken auf einem gemütlichen Schaukelstuhl, eine kleine Bibliothek mit Pilz-Büchern sowie die üppige Glaswarensammlung, die über die verschiedenen Räume, Flure und Regale verteilt ist. Im Essensraum ist ein Winkel ganz der Eierbecherkollektion der Großmutter von Saimis Freundin gewidmet. Am nächsten Morgen werde ich mein Ei aus einem alten, griechischen Souvenir löffeln und anschließend gestärkt die umliegenden Naturpfade mit dem Mountain Bike erkunden. Aber zuvor erkunde ich an diesem Nachmittag die größten Attraktion Punkaharjus per pedes: Der Nationalpark.

Zum Wohle des Waldes

Der russische Zar Alexander I. wies die Landschaft hier schon 1803 zum Naturschutzgebiet aus. Straßenschutz könnte einer der praktischen Gründe für diese Handlung gewesen sein, denn die Bergstraße ist seit dem 18 Jahrhundert eine nützliche Verbindung zwischen Städten wie Savonlinna und Vyborg (seit den Kriegen ein Teil von Russland). Die schützenswerten Tannen am Straßenrand machten den Verkehr sicherer, da sie Kutschen ein natürliches Hindernis vor den rutschigen Abhängen boten. 200 Jahre später nun ist die Straße zwar geteert, aber immer noch mit vielen Bäumen gesäumt, durch die man auf die in der Eiszeit entstanden Gewässer zu beiden Seiten blicken kann.

Seit zwei Jahrhunderten ist der durch die Russen ausgelöste Naturschutz in der Region Teil der Geschichte Punkaharjus. Das staatliche Waldforschungszentrum, eine Baumschule und das Naturmuseum Lutso bilden ein Dreieck nahe des Bahnhofs und unterstreichen das generelle Gefühl, dass die Natur hier über alles geht. Nach nur fünf Minuten Fußweg vom Hotel habe ich einen Pfad durch den urzeitlichen Wald Kokonharju erreicht. Man überquert zwischendurch zwar eine große Straße, doch hat man fast den Eindruck, dass diese Straße nur eine Illusion ist. Eine Handvoll Autos brausen vorbei und hinterlassen das eintönige Geräusch unseres Jahrhunderts. Die Bäume aber blenden dieses Geräusch nahezu vollständig aus, und nach nur ein paar Momenten ist das Brausen so schnell verschwunden wie es kam.

Der Kreislauf des Lebens

Ein urzeitlicher Wald ist in seiner Natürlichkeit belassen und bildet ein wichtiges, diversifiziertes Ökosystem. Bäume ragen wie Mikado-Stäbe in die Höhe und werden 100, 120 oder gar 170 Jahre alt bevor sie langsam wieder Teil des Waldbodens werden, umgeknickt durch Altersschwäche, einer Krankheit oder einem Sturm. Ihre Wurzeln formen unregelmäßige Muster auf meinem Waldrundweg und erinnern an Venen, die aus dem kalten Boden hervortreten. Ich laufe entlang des Pfades, lausche den Liedern der letzten verbliebenen Vögel, die sich auf ihre Reise gen Süden vorbereiten, und denke über all das nach, das im Untergrund noch nicht bekannt und nicht erforscht ist. Mehr als die Hälfte der Biomasse, des Lebens hier, ist unter der Erde vergraben. Wir wissen mehr über die Beschaffung der Mondoberfläche als über das Leben in unseren Wäldern. Der urzeitliche Wald symbolisiert den Kreislauf des Lebens. Alte Bäume sterben, neue Bäume entstehen an selbiger Stelle. Die fauligen Überreste spielen noch jahrzehntelang eine wichtige Rolle im Ökosystem Wald. Ein familiäres Erbe sozusagen.

Pilze, Pilze, Pilze

Gelb-, Grün- und Braunnuancen wechseln sich auf meinem Weg ab, ebenso die Landschaft. Das Gefühl wandelbarer Natur ist stark, denn sie scheint sich tatsächlich mit jedem meiner Schritte zu verändern. Nachdem ich nach ein paar Stunden wieder am Anfang des Weges angelangt bin, bin ich fast schon enttäuscht. Ist es schon vorbei? Ich kehre zurück ins Hotel, wo man sich schon voll und ganz auf das Abendessen vorbereitet. Um zu duschen und mich kurz auszuruhen, ziehe ich mich in mein Zimmer zurück, sitze aber bald schon im Lesezimmer mit einem pilzigen Aperitif in der Hand, der wunderbar zur Stimmung des Tages passt. Das ganze Hotel scheint mir hauptberuflicher Botschafter der Pilze zu sein. Hoteldirektorin Saimi erzählt mir, dass sie in diesem Sommer mindestens 25 verschiedene Arten von Pilzen in der Küche verwendet haben. Und die Pilzsaison ist noch lange nicht vorbei. Man kann das ganze Jahr über im Wald Pilze finden – man muss nur wissen, wo man suchen muss. (Saimi versichert mir, dass das selbst an Heilig Abend unter einer dicken Schneeschicht möglich ist.)

Der liebenswerte Charakter dieses Hauses mitten im Wald gemischt mit dem eher ungewöhnlichen Sinn für Dekoration erinnert mich an den Film „Grand Budapest Hotel“. Saimi selbst, Sanni von der Rezeption, Butler Paul, Küchenchef Jaakko, Ausflugsverantwortlicher Tero… sie alle sind eine bezaubernde Gruppe von Freunden, die ihre Geschichten gerne mit ihren Gästen teilen. Das Abendessen ist eine Ode an den See und den Wald mit einer feinen Prise kontinentalem Geschmack – stets in dezenter Art und Weise qualitativ hochwertig. Oliven gemixt mit Süßholwurzel, eine einfache Gänsebrühe mit gewürfelten Karotten und Bries, Pilze, Pilze, Pilze und Wurzelgemüse jeglicher Form und Farbe. Dazu Äpfel in fünf verschiedenen Variationen und im Hintergrund nostalgischer, finnischer Schlager.

Ein Bad in der Dunkelheit

Ich habe den ganzen Tag von der Sauna geträumt und nehme dankend die zwanglose Einladung an, mit Koch und Kellner den Abend in wohliger Hitze ausklingen zu lassen. Der See ist noch stiller als tagsüber, jetzt da eine tiefschwarze Decke über der Landschaft zu liegen scheint. Nachdem wir einig Male in der Sauna waren und gemeinsam um das Feuer gesessen haben, gehen wir fast andächtig zum See. Der kalte Boden kribbelt an meinen Füßen und ich gehe ins Wasser, um in der Dunkelheit ein eiskaltes Bad zu nehmen. Mein Blick schweift hinauf zum Haus und auch dort ist inzwischen alles dunkel und still. Man erzählte mir am Feuer Geschichten von plötzlich aufflackernden Lichtern, unbekannten Stimmen in der Nacht und von leisen Schritten auf dem Dachboden. Mit dem Gedanken an diese schaurig-schöne Vergangenheit des Hauses schlafe ich später am Abend ein. In den frühen Morgenstunden weckt mich ein sanftes Klopfen auf meiner Fensterbank. Ein Specht.