Tarja Prüss

Die Spinnen die Finnen

Was hat es mit diesen Klischees auf sich?

Finnland? Da ist es doch so kalt und dunkel“ – das höre ich immer wieder, wenn ich von meinen Reisen in den Norden erzähle. Oder: „Uuuh, da gibts doch so furchtbar viele Mücken, oder?“ 

Finnland scheint für viele Menschen noch ein weißer Fleck auf der Landkarte zu sein. Nur so lässt sich erklären, warum manche Ansichten über Finnland trotz Globalisierung und gemeinsames Europa wie zäher Honig am Löffel sind – irgendwas bleibt immer hängen. Passend zum hundertjährigen Unabhängigkeitsjubiläum könnte sich das ändern. Lonely Planet, GEO und andere Reisespezialisten haben Finnland zu eine der Top-Destinationen 2017 gewählt. Damit Sie gut vorbereitet sind, krempeln wir schon mal die Ärmel hoch und räumen auf mit den hartnäckigsten Klischees, die sich über die Jahrzehnte in den Hirnwindungen festgesetzt haben.

Das erste, was man beim Stichwort Finnland häufig zu hören bekommt, ist: 

IN FINNLAND IST ES DOCH IMMER KALT UND DUNKEL

Ja, die Winter können kalt sein. Sehr kalt. Aber es fühlt sich anders an. Und man kann sich sehr gut dagegen anziehen. Denn es ist keine so feuchte Kälte wie bei uns. Die Lagen-Technik funktioniert perfekt. Warme Thermounterwäsche, Schihose drüber, zwei Paar Socken, Pulli und Fleecejacke. Darüber eine dicke Winterjacke. Schon ist der finnische Winterlook perfekt.

Und die Finnen scheinen schon länger begriffen zu haben, dass man die meiste Wärme über den Kopf verliert. So ist es nicht weiter verwunderlich, an einem windigen Sommertag Menschen mit Sommermützen anzutreffen. Auch bieten die Läden in Finnland zu allen Jahreszeiten Kopfbedeckungen für jeden Anlass und jede Witterung an. 

Und wer immer schon mal von Polarlichtern geträumt hat, aber die Kälte fürchtet, für den ist auch gesorgt. Bei allen wichtigen Safari-Anbietern in Lappland bekommt man Thermoanzüge. Schuhe, Mützen und Handschuhe bei Bedarf ebenfalls.

Da friert man selbst auf dem Motorschlitten nicht mehr, wenn man Polarlichtern hinterher jagt oder mit einem Husky-Schlitten über zugefrorene Seen düst.

Aber dann bleibt ja noch die Dunkelheit. Klar ist es dunkel – manchmal sogar verflucht dunkel. Aber eben auch eine Frage der Einstellung. Ein gefrorenes Paradies. Dunkelheit und Kälte mögen die Tage bestimmen, doch sind sie auch voller Poesie und Mystik. Die Sonne zeigt sich – gerade um den Polarkreis herum – tatsächlich nur wenig bis gar nicht. Aber nur wenige Tage bis Wochen. Und das bedeutet auch nicht automatisch, dass es durchgehend finster ist wie in einem stockfinsteren Verliess. Über Stunden des Tages gibt es eine Art blaue Stunde. Seltsam faszinierendes, sanftes weiches Licht, das nicht nur Fotografen begeistert. Außerdem verstehen es die Finnen, es sich zu dieser Jahreszeit – kaamos genannt – kuschelig zu machen. Vor vielen Häusern brennen dann Laternen und die Regale mit Kerzen in den Supermärkten bieten jede erdenkliche Größe und Farbe.

Und sobald Schnee liegt, sieht sowieso wieder alles anders aus. Denn jeder Schneekristall reflektiert und multipliziert so das wenige Licht. Dann ist es selbst in der Nacht gar nicht mehr wirklich finster. Aber dunkel genug für Polarlichter, denn die sieht man am besten, je weniger Umgebungslicht es gibt. 

Wenn das noch nicht reicht, veranstalten sie Licht-Festivals, so wie das Lux-Festival im Januar in Helsinki oder Valoa Oulu in der gleichnamigen Stadt weiter im Norden. Dann erstrahlen Denkmäler, Häuserfassaden und Kirchen kunstvoll erhellt in allen erdenklichen Farben.Im übrigen ein Paradies für Langschläger und Sonnenaufgangs-Liebhaber. Denn man kann den Wecker getrost aus lassen, den Sonnenaufgang verpasst man sicher nicht. 

Hat man also mit diesen Vorstellungen aufgeräumt, wird noch mal nachgelegt:

ABER FINNLAND IST DOCH SO TEUER

Was genau soll teuer sein? Hin- und Rückflug von Deutschland bekommt man schon für ab 100 Euro, wenn man Glück hat. Und nicht über Amsterdam oder Kopenhagen, sondern als Direktflug.

Lebensmittel sind ein bisschen teurer als bei uns. Ein Liter frische finnische Erbsen auf dem Markt kostet vier Euro. Schmeckt aber auch sensationell. Und Übernachtungen im Hotel sind nicht wirklich teurer oder billiger als anderswo. Weltweit betrachtet ist New York mit 240 Euro wesentlich teurer als Helsinki. Selbst wenn man nur die europäischen Hauptstädte miteinander vergleicht, muss man in Zürich im Schnitt mit 174 Euro pro Zimmer und Nacht oder Oslo (170 Euro) noch enorm viel mehr Scheine hinblättern als in der finnischen Hauptstadt. Finnland liegt da im Schnitt bei 130 Euro, aber es gibt auch Ferienwohnungen schon für 50 Euro die Nacht. (Auswertung von HRS für 2016)

Außerdem ist bei finnischen Hotels fast immer schon das Frühstück inbegriffen. Ein gratis Internetzugang ist zudem selbstverständlich und eine Sauna auch meistens dabei. Darüber hinaus gibt es alle Arten von Übernachtungsmöglichkeiten für jedes Budget: von Ferienhaus am See, über die Ferienwohnung, bis hin zu Airbnb, Hostels, Jugendherbergen und Campingplätzen. Da hat man eher die Qual der Wahl.  

Apropos Internet: in den meisten Städten gibt es gratis open W-Lan. Selbst Kirchen bieten Online-Zugang, ohne einen Cent dafür zu verlangen. Manche Hotels bieten als besonderen Service sogar den Zugang zu 5.000 Zeitungen und Magazinen in 60 verschiedenen Sprachen, zu denen man online Zugang hat. Schon fast eine ganze Bibliothek. Einfach so – im Hotelpreis schon inbegriffen. 

Mit diesen Erklärungen ist man aber noch nicht raus aus der Diskussion, denn dann kommt dieses Argument:

ALKOHOL IST UNBEZAHLBAR

Bier und Cidre gibt es mittlerweile selbst im Supermarkt zu kaufen. Stärkere Alkoholika gibt es in den staatlichen Alkoläden.  Und da kann eine Flasche Sekt schon mal 9 Euro kosten oder ein Wein 15 Euro. Aber ich finde, es gibt schlimmeres. Für einen Strafzettel habe ich in Tampere 60 Euro gezahlt. Weil der Parkschein 15 Minuten abgelaufen war. Dagegen ist ein großes Bier in der Kneipe für 6,80 Euro doch ein Klacks, oder?

Und wer ein gutes Zeitgefühl hat, erwischt noch die Happy hour. Dann kostet ein Drink plötzlich weniger als bei uns. Und gibt einem gleichzeitig so ein bisschen das Gefühl, man hätte den Jackpot gewonnen.   Beim Essen dagegen hat man die Wahl: Hauptspeisen am Abend sind ein bisschen teurer als bei uns, aber wahlweise gibt es Buffets. Gerade mittags bieten viele Restaurants Selbstbedienungs-Buffets an. Da kann man sich so oft nehmen, wie es der Bauch aushält. Auch ist man nicht gezwungen, ein Getränk zum Essen zu bestellen. Wasser gibt es überall gratis dazu und häufig ist auch der Kaffee danach schon im Preis mit inbegriffen. Dann gleicht sich der auf den ersten Blick teurere Preis ganz schnell wieder aus.        

Kritiker geben sich selbst dann noch nicht zufrieden und halten einem dann das vor:  

UND IM SOMMER: DIE VIELEN MÜCKEN

Wo viel Wasser ist, da sind auch Mücken. Ist ja hierzulande auch nicht anders. Und jedes Jahr ist es sowieso ein bisschen anders. Mal gibt es viele, mal wenige, mal kaum welche. In Helsinki habe ich bisher kaum Mücken erlebt. Wahrscheinlich leben die auch lieber am See. Autan kann man getrost zuhause lassen, die Finnen haben eigene Mittel entwickelt und die wirken erstaunlich gut. Selbst in Lappland, wo sich die Mücken zahlreicher zuhause fühlen. Außerdem gibt es Kerzen und Räucherringe, die die Mücken gut abhalten. Aber angesichts der überwältigenden Natur vergisst man sie ohnehin ganz schnell.

Mein Eindruck ist ohnehin, sie fliegen nicht so schnell wie in Deutschland, sodass man sie auch mit einer Hand gut erwischt. Man kann es aber auch lassen, denn spätestens nach dem nächsten Saunagang ist alles Schnee von gestern. Meine Erfahrung ist: die Proteine, die die Mücken unter der Haut hinterlassen und den Juckreiz verursachen, werden durch die Hitze in der Sauna zerstört. Und zurück bleibt höchstens ein rotes Pünktchen, das aber nicht mehr juckt. Und vor ganzen Mückenschwärmen muss man sich ohnehin nicht fürchten: das sind meistens männliche Tiere, die ohnehin nicht stechen. Durch ihr Tanzen und Summen wollen sie nur die Weibchen für die Paarung anlocken.

In anderen Situationen erlebe ich immer wieder so ein skeptisches, leichtes Ziehen der Mundwinkel im Gesicht des anderen, wenn die bekannteste Erfindung der Finnen zur Sprache kommt: 

DIE SAUNA-FETISCHISTEN

„90 Grad? Und alle nackt? Ohne mich.“ Sauna hat in manchen Ohren immer noch etwas anzügliches. „Und dann hauen sie sich auch noch gegenseitig mit Zweigen auf die nackte Haut!“ Nee nee, so schlimm ist es nicht. Sauna ist kein Sado-Maso-Club. Und schon gar nicht das, was manche hierzulande unter Sauna-Club verstehen. 

Öffentliche Saunen sind in Finnland immer nach Geschlechtern getrennt. Nur im privaten Kreis geht man gemeinsam in die Sauna. Sauna ist so selbstverständlich wie duschen oder frühstücken. Es gehört einfach zur Lebensart. Hat viel mit Reinigung von außen und innen zu tun, Reinigen von Körper und Geist, Entschleunigen und Abschalten vom Alltag. Büschel aus Birkenzweigen sanft auf die Haut zu klopfen, fördert die Durchblutung und ist gut für die Haut. Nicht mehr und nicht weniger. Tut auch nicht weh – im Gegenteil: ist eine Wohltat und riecht außerdem toll, wenn die jungen Birkenblätter ihre ätherischen Öle abgeben.  

Ist man bis hier hin gekommen, dann geht es oft noch tief hinein in die Psychologie. Die Mentalität der Finnen. 

DIE DEPRESSIVEN FINNEN

Finnen, wie man sie aus einem Aki Kaurismäki Film kennt: wortkarg und melancholisch, vor einem Glas Bier sitzend. Stundenlang. Ohne ein Wort zu sagen. Zur Depression neigend. Schon wegen der langen kalten Winter. Und weil Alkohol so teuer ist. Und man im Sommer wegen der Mücken gar nicht nach draußen kann. Kennen wir ja alles schon. Das Bild, das die Finnen ja auch selbst gern und augenzwinkernd verbreiten. Zumindest nicht zurechtrücken. Denn die Finnen haben einen schrägen Humor. So schräg, dass sie Weltmeisterschaften im Frauentragen oder Mückenerschlagen erfinden. Und den jährlichen Meister im Handy-Weitwurf ermitteln und tausende Luftgitarren-Fans jedes Jahr nach Oulu zur Weltmeisterschaft locken.

Wer schon mal Mittsommer in Finnland gefeiert hat, weiß, dass die Finnen gerne lachen, singen und feiern. Und zwar ohne schlechtes Gewissen. Und wer schon mal mit einer Finnin eine Nacht lang durch gequatscht hat, weiß auch, dass das mit der Schweigsamkeit nicht weit her ist. 

Mehr über Finnland erfährst Du auch direkt auf der Webseite von Visit Finland.

Text und Fotos: Tarja Prüss