Maria Windschüttel

Die Entdeckung

Funkelnde Eiskristalle stürmten durch die -20°C kalte Luft. Unter mir und neben mir, vor mir, hinter mir türmten sich Berge an Schnee. Die ruhten an und auf den Straßen wie schlafende Riesen, die friedlich die Stadt eingenommen hatten und es sich nun erst mal gemütlich machen wollten. Das war ein echter Winter. Und es waren meine ersten Tage in Helsinki, im frühen Januar 2011.

Die schönste Melancholie, eine traumhafte Stille, hatte mich unmittelbar gepackt. Ich fühlte mich auf eine seltsame Weise geborgen, obgleich ich völlig verloren und ziellos durch die mir unbekannte Eisstadt streunte. Es war ein prächtiger Anfang einer fortdauernden Leidenschaft und einer wichtigen Entwicklung meiner Arbeit als bildende Künstlerin.

Das Kulturzentrum 



Mit seinen bedeutenden Kunstsammlungen, zahlreichen Galerien und nicht zuletzt dem Design-District kann sich Helsinki ohne Weiteres als kulturelles Zentrum Finnlands verstehen. 
Ein Gang durch die Dauerausstellung des Ateneum, dem finnischen Nationalmuseum, offenbart einen wichtigen Entwicklungsstrang der finnischen Kultur. Hier finden sich unter anderem berühmte Werke wie „Der verwunderte Engel“ von Hugo Simberg sowie das „Aino-Tryptichon“ und „Die Verteidigung des Sampoo“ von von Akseli Gallen-Kallela. 
In üppigen Sonderausstellungen präsentiert das Ateneum zudem umfangreiche Überblicke, meist mit Blick auf die Kunst des 20sten Jahrhunderts. Die Werkschauen von Tove Jansson und Helene Schjerfbeck gehören zu den Ausstellungs-Highlights der letzten Jahre.

Ein weiteres wichtiges Museum, quasi direkt ums Eck und gelegen, ist das Kiasma. Hier, im postmodern anmutenden, von  Steven Holl realisierten Bau neben dem ehrwürdigen Reiterstandbild von Carl Gustaf Emil Mannerheim, findet sich ein breites Spektrum an zeitgenössischen Werken, unter anderem aus der Kunstsammlung des Kuratoriums für Gegenwartskunst der Finnischen Nationalgalerie. 



Die erste Kunst, die mir in Helsinki begegnete, waren übrigens die „Lyhdynkantajat“, die eindrucksvollen Laternenträger von Emil Wikström, die wachend am Hauptbahnhof stehen und zu finnischen Werbestars avanciert sind.

Zum vorbildlichen Bekenntnis zur Kultur und zum Gemeinsamen öffnen die großen Museen einmal im Monat ihre Türen für alle Besucher gratis. 
Ebenso kostenfrei sind die Ausstellungseröffnungen der zahlreichen Galerien Helsinkis, die gern das Spektrum an frischer, junger Kunst präsentieren. Die Veranstaltungen sind zwar im Gegensatz zu Deutschland oft zeitlich recht früh und knapp angelegt, offerieren Interessierten dafür aber noch nach alter Schule kostenlosen Alkohol, bekanntlich ein teures Gut in Finnland.

Das Studium

Die Hamburger Hochschule für bildende Künste, in der ich damals im fünften Jahr Freie Kunst studierte, steht noch heute in Partnerschaft mit der im Jahre 1871 gegründeten TaiK Helsinki, die gemeinsam mit der Fakultät für Architektur die Aalto Universität für Kunst und Design bildet. Namhafte Absolventen der Schule sind unter anderem Tapio Wirkkala und Kaj Franck, international herausragende Designer, die einen immensen Einfluss auf das Design genommen haben, mit dem sich die Kultur Finnlands bis dato stark identifiziert.

Mein damaliger Professor entgegnete meinem Plan, für ein Semester des Kunststudiums nach Helsinki zu gehen, mit äußerster Skepsis: „In Finnland gibt’s nicht viel mehr als Seen und Wodka, was wollen Sie da?“. Seine Frage konnte ich ihm beim besten Willen nicht beantworten, aber die von ihm gezeichnete Aussicht hielt ich durchaus für verlockend.

Die TaiK hat ihren Sitz in Arabianranta, im ehemaligen Fabrikgebäude des prestigeträchtigen Keramik-Herstellers Arabia, der mittlerweile Teil der renommierten Iittala-Gruppe ist. 
Wie ein Labyrinth winkeln sich hier die dunklen Gänge aneinander. Diese Schule wirkte anders, als alle Kunsthochschulen, die ich aus Deutschland kannte. Keine altehrwürdigen, hohen Mauern, keine riesigen, mit Licht flutenden Fenster. Diese Schule war anders, als alle Kunsthochschulen, die ich aus Deutschland kannte.

Da seine Geschichte fast jedem Finnen eine Reaktion entlockt, lohnt sich ein kurzer Blick auf den mir zugewiesenen Professor: Dr. Teemu Mäki, geboren 1967 in Lapua, verdankt seine Popularität in erster Linie einer kontroversen Video-Performance, die er 1988 als Student veröffentlicht hatte. „Sex and Death“ brachte Teemu Mäki scharfen Protest, eine Verurteilung wegen Tierquälerei und nicht zuletzt landesweite Aufmerksamkeit als Künstler. 
Am Bekanntheitsgrad des vor knapp 30 Jahren entstanden Videos ist zu erahnen, wie klein und leise Finnland doch ist, und wie lange ein kleiner, künstlerisch gesetzter Paukenschlag nachzuklingen vermag. 



Teemu Mäki, mit seiner Arbeit dieser Tage darauf fixiert, auf soziale Missstände aufmerksam zu machen, hätte mir sicherlich ein guter Professor sein können, wäre meine Kunst je eine politische Geste gewesen. Da ich fernab von derartigen Realitäten arbeite, konnten wir leider keine Basis finden. 

Wirklich interessant war das betont verschulte System der TaiK für mich auch im Ganzen nicht. Die Möglichkeiten zum alleinständigen, praktischen Arbeiten schienen mir einschränkend. Ich erfüllte meine Credit-Pflichten für das ERASMUS-Programm und überließ mein Schaffen meinen Alleingängen. 



Die Kamera

Mein ständiger Begleiter, und das war ein Novum, wurde die Spiegelreflex-Kamera, die ich ein Jahr zuvor geschenkt bekommen und danach lange uninspiriert unangetastet gelassen habe. Ich hatte mir vorgenommen, Helsinki für Freunde und die Erinnerung auf klassisch touristische Weise bildlich festzuhalten. Wie selbstverständlich, aber mir völlig unverhofft und überraschend, entwickelte sich aus dieser Handhabung schnell ein künstlerischer Prozess.

Es war mein erster Spaziergang auf Seurasaari, einer unbewohnten Insel in der Meeresbucht Seurasaarenselkä, die man über eine hübsche Fußgängerbrücke erreichen kann. Im Sommer wird die Insel mit seinem kleinen Freiluftmuseum von Familien und Joggern besucht. Im Winter gibt es hier aber, neben ein paar einsamen Seelen, fast ausschließlich Wald und Meer. Es war ein wundervolles, ruhiges Winterwunderland. Die Äste hingen tief vom schweren Schnee. Ein paar Flocken huschten durch die Luft. Und ich schoss das erste Bild, das mir den Weg in meinen künstlerischen Umgang mit Fotografie deutete.



Die Kamera schenkte mir ein neues Stück an Unabhängigkeit und Flexibilität, das ab sofort großen Einfluss auf meine Arbeit und mein Leben nehmen sollte. Die Fotografie wurde zum primären Medium meines Ausdrucks, nicht zuletzt, da mir das Malen in Helsinki aus Platz- und Geldmangel ohnehin nicht möglich war. Gleichzeitig ließ ich die Stadt als solche hinter mir und verbrachte mehr und mehr Zeit im Wald und am mir bislang noch recht unbekannten Meer.



Die Entwicklung meiner Vertrautheit zur Natur geschah parallel zur Findung eines Umgangs mit der Kamera. Die Art der Nutzung von Fotografie beeinflusste den Blick auf meine Umgebung und umgekehrt. Da sich das Handwerk und das Erleben fortlaufend und nachdrücklich bedingten, wurden aus dokumentarischen Momentaufnahmen, traumhafte, fordernde Geschichten. Je näher ich der Natur kam, desto intensiver konnte ich diese Verbindung verbildlichen. 



Ohne die Facetten Helsinkis selbst wäre dieser Wendepunkt zu diesem Zeitpunkt für mich nicht möglich gewesen. Der Wald um die Ecke, die unzähligen Rundhöcker an der Küste, das in mir festgeliebte Archipel und natürlich das wundervolle Licht, dass sich über die Jahreszeiten legt, beeinflussten und bewegten mich tief. 


Ich hatte alsbald mein Herz an die Stadt verschenkt und ließ mich auch die folgenden drei Jahre nach meinem Studium immer wieder für mehrere Monate zum Leben und Arbeiten in verschiedenen Teilen der Stadt nieder. Der Blick auf Helsinki und der Umgang mit dem Medium Fotografie haben sich gemeinsam zu einem eindringlichen Sentimental entwickelt, das mich allein im Rückblick immer wieder inspirieren kann. 

Die Residenz

An der zentralen Bucht Eläintarha gelegen befindet sich die Villa Eläintarha, eine unter Schutz gestellte, geschichtsträchtige Holzvilla, die neben einem kleinen Museum fünf Zimmer zur Unterkunft für Künstler beherbergt. Entgegen der geläufigen Vermutung, Künstlerresidenzen seien kostenfrei, ist auch das Wohnen in der Villa Eläintarha nicht gratis, aber sicherlich eine Besonderheit, die ihren Preis wert ist. Bemalte Tapeten, wundervolle, riesige Kamine, schwere Möbel und tolle Ausblicke nach allen Seiten machen das Ambiente maßgeblich aus. Mit freiem Blick über die Bucht hatte ich auf der Terrasse, ganz privat, die schönste Aussicht auf das zentrale Silvesterfeuerwerk. 


In der Villa verbrachte ich drei Monate, mit finnischen und internationalen Malern, Tänzern und Filmemachern. 
Das knarzige Holz, die bewegte Geschichte und nicht zuletzt die langen Nächte zwischen Weihnachten und Neujahr, die ich alleine in der Villa verbringen durfte, inspirierten mich zur zweiteiligen Fotoserie „Séance“, eine Arbeit, mit der ich die Fotografie endgültig und selbstbewusst in meinem künstlerischen Arbeitsspektrum verankern konnte und die weitere künstlerische Projekte nach sich zog.

Im Prozess

Mit Helsinki erwachte in mir eine durstende Lust auf Abenteuer und Entdeckung. 
Die Stadt pflanzte eine Sehnsucht in mich, die mich stets treibt und zieht.
Es drängte mich folglich auch, weiterzuziehen.



Nach den finnischen Wäldern, dem Finnischen Meerbusen, zu den Rundhöckern und den Inselrosen, ruft es mich trotzdem fortwährend, 
selbst am anderen Ende der Welt.

Mehr über Kunst in Finnland erfahrt Ihr direkt auf der Webseite von Visit Finland.