Designed in Helsinki

Claudia Simone Hoff

Studiobesuch bei Harri Koskinen

Helsinki, im Herbst: Am Bulevardi, Ecke Fredrikinkatu springe ich in die Tram Nummer 6 und steige an der Haltestelle Hakaniemi aus. Ich habe eine Verabredung mit Harri Koskinen, dem derzeit wohl bekanntesten Designer Finnlands. Er wohnt und arbeitet in dem ehemaligen Arbeiterbezirk, der sich in den letzten Jahren in ein echtes Szeneviertel verwandelt hat. Ich laufe vorbei an Vintage-Läden mit finnischen Designtrouvaillen, machte Halt in einem netten Café und stöbere bei Marimekko in der atmosphärischen Markthalle aus rotem Backstein, einem Wahrzeichen des Viertels. 



Harri sagt Hallo


Gleich um die Ecke, in der Saariniemenkatu, befindet sich das Designstudio von Harri Koskinen – in einem schönen Altbau mit Blick aufs Wasser. Ich klingle, Harri öffnet die Tür und schon geht‘s los mit einem kleinen Rundgang. Ziemlich unprätentiös sieht es hier aus: der Eingangsbereich ist gleichzeitig der Besprechungsraum, ausgestattet mit Entwürfen des Designers. Um einen großen Holzisch herum stehen die Stühle von Montina, für die er 2004 den italienischen Designpreis Compasso d’Oro bekommen hat. Vor dem Fenster: ein Schlafsofa des eigenen Labels Harri Koskinen Works, daneben der Fatty Container von Schmidinger Holzbau, in dem allerlei Krimskram verstaut werden kann.

Wir nehmen in einer kleinen Sitzecke Platz, umgeben von Harris Entwürfen für Iittala, Issey Miyake und Muuto, während im Hintergrund Musik aus coolen schwarzen Lautsprechern von Genelec ertönt, die natürlich auch Harri entworfen hat. Nicht nur das unaufgeregte Interior, auch die exponierte Lage des Studios – direkt am Wasser, durch die vielen Fenster ist es hier auch im nordischen Winter lichtdurchflutet – könnte vom Arbeiten ablenken. Scheint aber nicht so zu sein, wenn man sich den Output des Designers anschaut, der hier seit acht Jahren arbeitet und auch gleich um die Ecke wohnt.

Nach einem Designstudium am Lahti Institute of Design und an der University of Art and Design in Helsinki gründete Harri sein eigenes Studio und nannte es bezeichnender Weise Friends of Industry. Bei meinem Besuch sitzen drei Mitarbeiter und ein Trainee am langen Arbeitstisch vor der breiten Fensterfront. Tische und Regale sind vollgestopft mit Büchern und Materialien, im hinteren Teil des Raums kann gewerkelt werden und es entstehen Prototypen. So stellt man sich gemeinhin ein kreatives Chaos vor.



Vielseitiger Finne


Als ich mich bei einer Tasse Kaffee mit Harri unterhalte, käme mir der Begriff Chaos allerdings nicht in den Sinn, im Gegenteil: Der 46-Jährige spricht ruhig und überlegt und macht den Eindruck, dass er genau weiß, was er tut. Aufgewachsen ist Harri auf einem Bauernhof im Westen Finnlands. Übrigens fällt der Apfel nicht weit vom Stamm: Harris Mutter ist nämlich die bekannte Designerin Ulla Koskinen. Nun, die Einsamkeit der Seen- und Waldlandschaft seiner Heimat, die Arbeit in und mit der Natur sieht man seinen Arbeiten auf jeden Fall an. Und die sind überaus vielfältig: Der Designer entwirft Möbel, Leuchten, Uhren, Lautsprecher, Rucksäcke, Töpfe, Teller und Tassen, Fahrradständer, Textilien und sogar Streufahrzeuge – für finnische Designikonen wie Marimekko, Artek und Iittala und für Hersteller wie Cassina, Magis, Panasonic, Alessi und Design House Stockholm. Ab und zu ist Harri auch als Ausstellungs- und Interiordesigner tätig oder erarbeitet Konzeptstudien für Unternehmen.

Bei so viel Vielseitigkeit, brennt mir eine Frage unter den Nägeln: „Woher kommt eigentlich Dein Wissen von den Dingen?“ frage ich ihn und Harri antwortet: „Ich eigne mir Wissen vor allem in Gesprächen und Diskussionen mit meinen Auftraggebern an. Das macht mir sehr viel Spaß.“ Wahrscheinlich trug dieser Spaß neben seinem Können ganz wesentlich dazu bei, dass Harri das Glück hatte, früh als Designer erfolgreich zu sein. Schon mit 26 Jahren gelang ihm nämlich der Durchbruch mit einer Leuchte, die aussieht wie eine in einen Eisblock gegossene Glühlampe. Das war 1996 und bereits vier Jahre später wurde die von Design House Stockholm produzierte Leuchte Block Lamp, die während eines Studenten-Workshops entstanden war, in die ständige Designsammlung des MoMA in New York aufgenommen. 



Faible fürs Schöne


Seither ist viel passiert und Harri Koskinen zum wohl bekanntesten zeitgenössischen Designer Finnlands avanciert. Seine geradlinige Formensprache hat er indes über die Jahre beibehalten. Obwohl es nie ein Zuviel gibt, wirken seine Entwürfe keinesfalls unterkühlt, was vor allem an den Materialien liegt. Der Designer hat ein ausgeprägtes Faible für Porzellan, Holz und Glas.

Seit 2012 lenkt er als Consulting Design Director die Geschicke von Iittala und ist damit in die Fußstapfen seines großen Vorbilds Kaj Franck getreten. „Wir werden die Kollektion in den Lifestyle-Bereich ausweiten und wollen die Marke außerhalb Finnlands noch bekannter machen“ – so seine Pläne für das Unternehmen. Für die Iittala-Kollektion beauftragt Harri nicht nur externe Designer wie Cecilie Manz oder Erwan und Ronan Bouroullec, gelegentlich steuert er auch eigene Entwürfe bei: die schlichte Form Sarjaton – Teller und Schalen aus Keramik sowie Gläser, mit oder ohne Dekor – stammt ebenso aus seiner Feder wie die praktischen Taschen aus Filz namens Meno. Oder aber die Leuchten und Teelichter, die Lantern heißen. Dass Harri sie als „Licht, das auf einem Sockel sitzt“ betrachtet, ist bezeichnend für seine Idee von Design: Einfach, funktional und schön muss es sein.

Harri interessiert sich neben dem Entwurf von industriell gefertigten Produkten auch für das Ausloten der Grenzen zwischen Kunst und Design. Die limitierte Glasserie Art Works by Harri Koskinen für Iittala ist ein Beispiel für diesen Ansatz. In Zusammenarbeit mit regionalen Handwerkern enstand eine Serie von farbigen Karaffen, Schalen und Gläsern, die überaus streng in der Form ist. Als ich ihn frage, was finnisches Design ausmacht, antwortet er: „eine bestimmte Art, mit einem Objekt Geschichten zu erzählen, die Verwurzelung in der Natur, die Wertschätzung des Handwerks, die Verwendung hochwertiger Materialien, die Affinität zu einfachen Formen.“


Nachgedacht

Harri Koskinen Works heißt das eigene Label des Designers, mit dem er 2015 so richtig durchgestartet ist. Er kümmert sich um alle Prozesse selbst: Design, Produktion, Marketing, Vertrieb. „Das macht zwar einen Haufen Arbeit, doch dafür muss ich mich nicht den Zwängen anderer beugen“, sagt er schmunzelnd. Ein Regal, ein Esstisch, eine Leuchte, ein Kleiderständer, ein Beistelltisch, eine Bank – das sind die Bestandteile der Kollektion. Und ein Sofa, das ruckzuck in ein bequemes Doppelbett verwandelt werden kann. Ursprünglich für eine Ausstellung in der Galerie von Issey Miyake in Tokio entworfen, ist es ein typischer Koskinen-Entwurf: multifunktional und schlicht in der Form. Entfernt man das Mittelteil und die Rücklehne, entsteht ein Bett. Der Mittelteil kann als zusätzliche Matratze verwendet werden und die Rückenlehne dient in der Sofa-Version als Abstellfläche.

Dass Harri ein extrem vielseitiger Designer ist, zeigen auch zwei seiner letzten Projekte, die gegensätzlicher nicht sein könnten: das Ausstellungsdesign für die Tapio-Wirkkala-Retrospektive in Rovaniemi (Korundi House of Culture, 2015/ 2016) sowie ein sehr technikaffiner Entwurf, der Wellness Ring samt Aufladestation für das finnische Start-up Ōura. Harri sieht sich übrigens ganz in der skandinavischen Designtradition verankert, in der Irrationales nie wirklich Platz hatte. Viel eher gilt in Skandinavien und in Finnland auch heute noch: Egal was man tut, zuerst wird immer genau darüber nachgedacht. 


Mehr über Harri Koskinen und das finnische Design findest Du hier:

www.harrikoskinen.com
www.harrikoskinenworks.com