Betörend schön: Polarlichter

Tarja Prüss

Sie verzaubern. Sie sind einmalig. Und sie machen süchtig. 

Wenn die Tage Ende August in Nordfinnland wieder kürzer werden und die Nächte dunkler, dann überkommt die Polarlicht-Verrückten so ein seltenes Kribbeln. So eine merkwürdige Unruhe, die dazu führt, dass man abends noch mal schaut, ob Wolken am Himmel die Sterne verdecken, ob die Akkus der Kamera auch wirklich geladen sind und die Speicherkarten noch genug Platz haben. Längst hat es mich auch erwischt. Plötzlich studiert man die Wettervorhersagen wieder intensiver und insbesondere die Aktivitäten auf der Sonnenoberfläche. Denn die sind dafür verantwortlich, wenn nachts der Himmel in grün glüht. 

Meine allerersten Polarlichter habe ich in Hetta gesehen. Eine Fotoreise mit Gleichgesinnten. Hetta ist der Hauptort der Gemeinde Enontekiö im äußersten Nordwesten Finnlands, auch Käsivarsi genannt, also der rechte Arm, wenn man Finnlands Umrisse als Frauengestalt betrachtet. Die Region mit nicht einmal 2.000 Menschen, aber 8.400 Quadratkilometern Fläche rühmt sich, dass man hier am häufigsten im finnischen Winter Polarlichter sehen kann. Die Bevölkerungsdichte beträgt gerade mal 0,2 Einwohner pro Quadratkilometer. 

Hoffnung auf magische Lichter

Erster Abend: Fehlanzeige. Wolken verdecken die Sicht auf den nächtlichen Himmel. Zweiter Abend: Die Polarlichtvorhersagen, die man im Internet studieren kann, verheißen eine ruhige Nacht. Keine Aktivitäten zu erwarten. In der leisen Hoffnung, dass die nächsten Nächte vielversprechender werden, gehe ich schlafen. Kaum berührt mein Kopf das Kissen, klopft es auch schon heftig an meiner Tür. Wir hatten ausgemacht, dass wir uns gegenseitig wecken, wenn es los geht. 

Sofort bin ich hellwach, spring in drei Lagen Kleidung, schnappe meine Kamera und stürme raus. Mütze und Handschuhe ziehe ich im Gehen an. Es ist fast Mitternacht und die Nachtluft beißt im Gesicht. Die ersten bauen bereits ihre Stative auf. Geschäftige, konzentrierte Atmosphäre und ein merkwürdiges Brizzeln in der Luft. Ich suche mit den Augen den Himmel ab. Doch außer ein paar Nebelschleiern kann ich nichts erkennen.

Polarlichter, in der Fachsprache Aurora Borealis, kenne ich bisher nur von Fotos. Aber ich möchte sie so gerne mal mit eigenen Augen sehen. Erfahren, wie es sich wirklich anfühlt, sie zu erleben. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Zwischendurch stapfe ich ungeduldig ein wenig hin und her und knete meine Finger, denn es ist klirrend kalt. Das Thermometer zeigt -20 Grad. Es ist ein bisschen wie vor dem eigenen Kindergeburtstag, wenn man vor Spannung fast platzt.
Das ist die dritte Voraussetzung neben dem klaren Wetter und der geomagnetischen Aktivität auf der Sonne: Geduld. Aber wenn man Glück hat, wird sie belohnt. 
Plötzlich zeigt sich ein erster schwacher grüner Schimmer kurz über dem Horizont. Die Augen müssen sich nicht nur an die Dunkelheit gewöhnen, auch brauchen sie ein wenig Erfahrung, um Wolken, Nebel und Polarlichter voneinander unterscheiden zu lernen. 

Dieses eine grüne Band bewegt sich, zieht ganz langsam weiter nach oben, schlängelt sich über das Firmament, fast wie eine Welle oder der Atemzug eines Riesen von einem galaktischen Stern. Es ist wie Magie! Neue grüne Bänder tauchen auf, manche verschwinden gleich wieder, um anderswo wieder aufzuleuchten. Andere ziehen sich wie Kaugummi in Zeitlupe oder als würden sie eine schwere Last waagerecht über den Himmel schleifen, andere stürmen senkrecht hoch in den Himmel, flackern, flitzen, glühen wie ein Feuer.  Manche sind flüchtig und filigran, andere huschen hastig hüpfend übers Himmelszeit. Als würden sie einem unsichtbaren Rhythmus folgen. Einer für uns unhörbaren Melodie. Eine Farbsymphonie am Himmel. Ein Wiegen, Wogen, Dahingleiten – keinem Gesetz, keinem Muster folgend und vielleicht gerade deswegen so betörend schön. 

Es ist unfassbar. Es betört, berauscht und berührt mich in meinem tiefsten Inneren. Still staunend blicke ich zum Himmel – stumm vor Ehrfurcht und staunend wie ein kleines Kind bei der ersten Begegnung mit dem Weihnachtsmann.

Mythen rund um die Polarlichter

Unweigerlich kommen mir die Mythen in den Sinn, die sich um diese magischen Lichter ranken. Dem alten Glauben der Sami nach ist es der Polarfuchs, der die Nordlichter erzeugt. Denn er streunt regelmäßig durch die arktische Hügellandschaft und wirbelt dabei mit seinem Schwanz Schnee auf und sprüht gleichzeitig Funken, die dann den Himmel erleuchten. Deswegen nennen die Finnen die Polarlichter bis heute „revontulet“, also Fuchsfeuer. Eine spätere Version erklärt dann, dass der Mondschein die Schneeflocken reflektiert, die durch den Schwanz des Fuchses in den Himmel gefegt werden.

Guovssahasah nennen die Samen das Polarlicht, was so viel bedeutet wie „die Sonne glüht morgens oder abends am Himmel“. Man kann es aber auch übersetzen als „ein Feuer, das von einem Vogel, nämlich dem Unglückshäher, entzündet wird“. Das bezieht sich auf den Klang der Auroras, auch wenn es bis heute keinen handfesten wissenschaftlichen Beweis gibt, dass die Auroras auch Klänge erzeugen. 

Andere Völker glauben, dass die ‚Feuer‘ Zeichen der Ahnen sind, Signale der verstorbenen Seelen. So glaubten die grönländischen Inuit, es handele sich um die Seelen früh verstorbener Babys. Bei den kanadischen Inuit dagegen werden die Lichter mit von mystischem Licht umhüllten Geistern erklärt, die wegen der fehlenden Sonne zu tanzen und toben beginnen. 

Viele Inuit glaubten an die Kommunikation mit ihren Toten durch Pfeifen. Sie versuchten daher, das Polarlicht durch Pfeiftöne zu sich heran zu holen, um ihm Nachrichten an die Toten zu übergeben.
Alten schottisch-gälischem Glauben zufolge handelt es sich bei den Lichtern um Kämpfe zwischen Himmelskriegern oder gefallenen Engeln. Die wissenschaftliche Erklärung dagegen ist nüchtern: Lange ging man davon aus, die Lichter seien Reflexionen des Sonnenlichts an Eiskristallen in Wolken. Erst 1867 zeigte der schwedische Physiker Anders Jonas Ångström mit Hilfe eines Prismas, dass die Theorie von der Reflexion nicht korrekt sein konnte, da das Polarlicht nicht in die gleichen Spektralfarben wie Sonnenlicht zerlegt wird. Seit Ende des 19. Jahrhunderts weiß man, dass Polarlichter mit der Sonnenfleckenaktivität zu tun haben. Weitere Forschungen ergaben später, dass Gasexplosionen auf dem großen gelben Ball Elektronen und Protonen ins Weltall schleudern, die mit unvorstellbarer Geschwindigkeit Richtung Erde rasen. Zum Großteil werden die Teilchen durch das Erdmagnetfeld abgelenkt und in die Polarbereiche gelenkt. Dabei stoßen die Sonnenelektronen auf Moleküle der Erdatmosphäre und bringen sie zum Leuchten.Den Zauber, der davon ausgeht, berührt das nicht. Für mich bleibt es Magie. 

Zum Heulen schön

Staunend und aufgewühlt blicke ich zum Himmel, wie die Nordlichter weiter jagen, sausen und Purzelbäume schlagen. Das Fotografieren vergesse ich zwischendurch. Der Zauber ist zu groß, das Spektakel zu einmalig, als es nicht mit eigenen Augen aufzusaugen. Keine Kamera der Welt könnte das einfangen.

Und wenn das Leuchten dann irgendwann schwächer und schwächer wird und schließlich ganz verstummt, dann ist es, als ob übernatürliche Kräfte oder Wesen eine unfassbar große Anstrengung hinter sich gebracht hätten. 

In den nächsten Nächten hatten wir fast jedes Mal Glück und bekamen entsprechend wenig Schlaf. Diese eine Woche hat gereicht, um mich süchtig zu machen. Deshalb zieht es mich regelmäßig im Winter ganz in den Norden. Immer in der Hoffnung auf die große Show, die Sonne, Wind und Himmel da gemeinsam abliefern. Eine geheimnisvoll faszinierende Show, die jedes Mal anders, jedes Mal neu, jedes Mal einzigartig ist. 

Am Besten kann man Polarlichter überall da sehen, wo die Bodenlichtverschmutzung am geringsten ist. Also möglichst weit weg von beleuchteten Städten. Der Skiort Ylläs in Lappland schaltet sogar von Oktober bis Mitte Februar jeweils ab 22 Uhr die Straßenlaternen aus, damit man die Polarlichter besser sehen kann. Das Phänomen kennt ihr sicher von den Sternen. In der hell beleuchteten Stadt sieht man nachts kaum welche, auf dem Land oder noch besser in der Wüste dagegen in derselben Nacht ein gigantisches Sternenmeer mit Milchstraße und allem drum und dran.

Jetzt verstehe ich auch Pekka, ein Same aus der Region Ivalo, der meine Fragen zu den Polarlichtern nicht beantworten wollte: „Wir sprechen nicht über revontulet, solange es hell ist. Den Polarlichtern muss man Respekt erweisen.“ Auch solle man in ihrem Beisein nicht laut sein. Doch das fällt mir manchmal unsagbar schwer. Meine Begeisterung muss einfach ab und zu raus, sonst würde ich schier platzen. „Hier gelten dann übrigens andere Verkehrsregeln“, fügt Pekka schmunzelnd hinzu. „In Lappland ist es mit den Ampelfarben etwas anders: Grün bedeutet Stopp!“ Anhalten, aussteigen und in den Himmel gucken.

Polarlichter sind zum Heulen schön. Sie mit eigenen Augen zu sehen, verändert irgendwie die Sicht auf die Welt und das Leben. Wenn man es zulässt. Angesichts der enormen Kräfte des Universums wird man selbst und die eigenen Sorgen kleiner und unbedeutender. 
Trotz aller ausgefeilter Technik der Vorhersagen bleiben sie unberechenbar, unvergleichlich, unvergesslich. Polarlichter ziehen einen in ihren Bann. Verursachen unglaubliche Glücksgefühle. Und: Nackenbeschwerden am nächsten Morgen. Aber die nimmt man gern in Kauf. Für unvergessliche Momente.

Weitere Informationen über Polarlichter:

Polarlichter, in der Fachsprache Aurora Borealis, kommen an rund 200 Tagen im Jahr in Lappland vor.  Man kann sie zwischen Ende August und Ende April sehen. Die besten Zeiten sind zwei Stunden vor und zwei Stunden nach Mitternacht. Das Leuchten kann wenige Sekunden oder etliche Stunden dauern. Grüne Lichter entstehen in einer Höhe von 100 Kilometern in der Luft, rote Lichter ab 200 Kilometern Höhe. Mehr über die Nordlichter findet Ihr auch hier.

Polarlichtvorhersagen

„Aurora jetzt“. Weitere Polarlichtvorhersagen gibt es bei Sodankylä und Aurora Service.

Manche Hotels bieten gar einen SMS-Service an, wenn sich die Lichter am Himmel zeigen. Das Einfangen der Polarlichter mit der Kamera ist am Anfang ganz schön knifflig. Für Anfänger und Fortgeschrittene gibt es spezielle Foto-Reisen mit Einschulung und Betreuung vor Ort.