Beerenpower

Ansgar Frankenberg

Die kleinen Schätze der finnischen Wälder

Finnland, das ist das Land der Seen und Wälder. Und der Beeren. Wer der Spur der süßen Früchte folgen möchte, der muss zuallererst in den Wald.

Gerade jetzt im August hat man dort beste Chancen, Heidelbeeren in rauen Mengen zu finden. Ausgerüstet mit einem Beerenkamm und einem Plastikeimer geht es in gebückter Haltung durchs Unterholz, den Blick immer auf die knöchelhohen Sträucher am Waldboden gerichtet. Während der Sommermonate in Finnland wird man schnell fündig und eh man sich versieht, ist der Boden des Eimers mit der ersten Schicht blauer Beeren bedeckt. Und hinter jedem Zweiglein könnte sich die nächste verstecken.

Aber neben Heidelbeeren bietet die finnische Natur auch eine Vielzahl anderer leckerer Beeren. Erdbeeren, Himbeeren, Preisel-, Kran- und Moltebeeren, Brombeeren und Sanddorn kann man hier finden. Insgesamt wachsen in Finnland über 20 essbare Beerenarten. Die meisten Beeren werden allerdings nicht angebaut, sondern wachsen wild in der Natur. Das macht sie zwar kleiner aber gleichzeitig auch viel aromatischer als ihre Verwandten in anderen Teilen der Welt. Natur pur eben. Die vielen Sonnenstunden im Sommer machen sie außerdem besonders süß und wohlschmeckend.

Nicht nur lecker, sondern auch gesund

Beeren sind aber nicht nur lecker, sie sind außerdem erwiesenermaßen auch sehr gesund. So haben sie zum Beispiel einen sehr hohen Vitamin- und Mineralstoffgehalt. Heidelbeeren zum Beispiel sind wahre Vitamin-E-Bomben und enthalten zusätzlich viel Vitamin C. Dank ihrer Inhaltsstoffe wirken sie sogar entzündungshemmend.

Himbeeren regen aufgrund ihres hohen Eisen-, Magnesium- und Phosphoranteils die Knochenbildung an und sind zudem gut für die Verdauung. Manche Studien legen außerdem nahe, dass der Verzehr von Heidelbeeren und Erdbeeren das Herzinfarkt-Risiko deutlich senken kann.

Beeren sind übrigens auch für Diabetiker sehr zu empfehlen. Die vielen Ballaststoffe machen sie zu einem idealen Snack. Bei den Früchten kann also jeder nach Herzenslust zugreifen – ganz ohne Bedenken oder schlechtes Gewissen.

Das Sammeln ist so gut wie überall erlaubt

Und das tollste an finnischen Beeren ist, dass man sie quasi überall selbst pflücken kann. Selbst auf Privatgrundstücken und im Naturschutzgebiet. Das liegt am so genannten Jedermannsrecht. Das gibt jedem die Möglichkeit, sich nicht nur frei in der Natur zu bewegen, sondern auch Beeren, Pilze und Pflanzen zu sammeln. Ausgenommen sind lediglich ein paar unter Naturschutz stehende Arten. Das Gesetz macht so rund 90 Prozent der Fläche Finnlands für jeden jederzeit zugänglich. Nicht einmal eine Genehmigung vom Grundbesitzer ist dazu erforderlich, solange man einen gebührenden Abstand zu Privathäusern einhält. Diese Regeln gelten selbst für das gewerbliche Sammeln.

Weltmeister im Beerenpflücken

Für die Finnen ist das Beerenpflücken seit jeher eine beliebte Freizeitaktivität für den Sommer. So ist es gar nicht so verwunderlich, dass man in Suomussalmi, in der Provinz Kainuu im Norden des Landes auf eine recht ausgefallene Idee gekommen ist. In dem gerade einmal 8000 Einwohner zählenden Ort wird alljährlich die Beerenpflückweltmeisterschaft ausgetragen. Teilnehmer aus der ganzen Welt wetteifern dann darum, wer am schnellsten Heidel- und Preiselbeeren pflücken kann.

Auch wenn der kleine Ort recht abgelegen und der nächste Flughafen einige Fahrstunden entfernt ist, hat es schon Teilnehmer aus Japan, Thailand, der Ukraine, Russland, Estland und Deutschland zur Weltmeisterschaft dorthin verschlagen.

Es kann in verschiedenen Disziplinen angetreten werden. Entweder sammelt man allein oder in einer Gruppe von drei Personen. Außerdem wird zwischen dem Pflücken per Hand und mit Hilfsmittel unterschieden. Auch Kinder können in kleinen Teams mitmachen.

Die Teilnehmer werden per Bus in ein abgestecktes und bis dahin geheim gehaltenes Areal im Wald um Suomussalmi gebracht. Wenn der Startschuss gefallen ist, müssen innerhalb einer Stunde so viele Beeren wie möglich gesammelt werden. Nach Ablauf der Zeit wird der Sieger durch Abwiegen der gefüllten Eimer ermittelt. Ganz so ernst nehmen die meisten Teilnehmer den Wettbewerb allerdings nicht und feiern danach gemeinsam ihren Erfolg auf dem Marktplatz der Stadt.

Beeren sind auch wichtiger Wirtschaftsfaktor

Für die finnische Wirtschaft sind Beeren allerdings ein außerordentlich wichtiger Faktor und Exportprodukt. Die Nachfrage und Absatz für finnische Beeren legen weltweit kontinuierlich zu. Die kleinen Vitaminbomben sind gefragter denn je und die Zukunftsaussichten könnten für die Branche kaum besser sein.

Vor allem im Norden des Landes sind von Juni bis Oktober tausende Erntehelfer beschäftigt. Insgesamt wachsen in finnischen Wäldern jedes Jahr rund 500.000 Tonnen Beeren. Eine beeindruckende Zahl. Allerdings werden nur rund zehn Prozent davon gepflückt. Das liegt vor allem daran, dass viele Gebiete, in denen die Früchte wachsen für die gewerbliche Nutzung schlicht zu schwer zugänglich sind. Sie liegen oft tief im Wald weit abseits der nächsten Straße und können daher selbst mit wendigen und geländetauglichen Fahrzeugen kaum erreicht werden.

Trotz allem sind genug Beeren für alle da. Sogar so viele, dass ein Großteil der Ernte geht direkt in den Export geht und tiefgefroren oder getrocknet in die ganze Welt, vor allem aber nach Asien verkauft wird. Die frischen Beeren bleiben allerdings in Finnland und landen spätestens 24 Stunden nach dem Pflücken im Supermarkt oder einem der vielen Verkaufsstände überall im Land.

Einige davon finden ihren Weg auch zum Stand von Olivia und Sara, die die frischen Beeren täglich auf dem Markt in Helsinki verkaufen. „Das Geschäft läuft gut und auch die ausländischen Besucher sind ganz begeistert von unseren finnischen Beeren.“, sagen sie. Zu Beginn des Sommers haben sie teilweise noch Erd- und Heidelbeeren aus Spanien und Polen im Angebot, stellen dann aber, sobald die heimischen Früchte reif sind, auf Qualität aus Finnland um. Bei dem Andrang am Stand ist für die beiden Verkäuferinnen an Sommerurlaub nicht zu denken.

Lange Arbeitstage für die Beeren

Auch für Antero Kujala sind mit den Beeren lange Arbeitstage und jede Menge Stress verbunden. Antero ist Fabrikleiter der finnischen Firma Arctic International, die Beeren und Pilze sowohl in Finnland als auch im europäischen Ausland vertreibt. Im Sommer, wenn die Beerensaison beginnt, bleibt Antero und seinen Kollegen kaum Zeit zum Ausruhen. Mehr als ein halbes Jahr ist er im vollen Einsatz für seine Beeren.

„Wie heute hole ich jeden Morgen ab 5.30 Uhr die ersten Him- und Erdbeeren ab. Auf der Arbeit muss ich dann am Telefon Kauf- und Verkauf koordinieren und helfe den Kollegen beim Verpacken. Am Nachmittag wartet dann die Büroarbeit und vor sechs bin ich nie zu Hause. Ein 12 bis 13-Stunden-Tag ist ganz normal.“, erzählt Antero.

Beeren sind eben Anteros Leben. Und auch für die meisten anderen Finnen sind sie weit mehr als nur ein süßer Sommersnack, sondern wichtiges Kulturgut. Wie wichtig sie den Finnen sind, zeigt auch, dass sie als Marija in der finnischen Sprache neben Obst und Gemüse ihre eigene Kategorie haben. Und versuchen Sie ja nicht, einem Finnen einzureden, die besten Erdbeeren kämen beispielsweise aus Deutschland. Sie werden sich spätestens nach dem Probieren der aromatischen Früchte überzeugen lassen.

In Finnland kennt man viele tolle Beerenrezepte

Auch in der finnischen Küche spielen Beeren eine wichtige Rolle. Und so werden in Finnland nicht nur leckere Säfte, Marmeladen und Süßigkeiten aus Beeren gemacht und zum Verkauf angeboten. Man kennt hier natürlich auch unzählige tolle Rezepte für leckere Gerichte mit Beerenpower. Besonders beliebt ist die Heidelbeersuppe (fin. Mustikkakeito), die vielmehr einem Smoothie als einer Suppe im herkömmlichen Sinne ähnelt. Man isst sie mit Haferbrei, Joghurt oder pur. Mustikkakeito findet man in Finnland in jedem Supermarkt. Man kann sie aber auch recht einfach mit Wasser, Zucker, ein wenig Kartoffelmehl und frischen Heidelbeeren selbst machen.

Vor allem an warmen Sommertagen ist außerdem die traditionelle Mustikkamaito (Heidelbeermilch) sehr beliebt. Sie hat sich in der Hauptstadt Helsinki nach leichter Veränderung der Originalrezeptur mittlerweile sogar als Street Food durchgesetzt. Die moderne Variante der Mustikkamaito lässt sich auch ganz leicht selbst herstellen. Dazu füllt man einen Becher zur Hälfte mit gefrorenen Heidelbeeren, gibt einen großzügigen Schluck Milch und je nach Geschmack eins bis zwei Löffel Zucker hinzu. Das ganze wird dann gut durchmischt, bekommt dadurch eine sämig eisähnliche Konsistenz und wird mit einer Prise Zimt verfeinert. Guten Appetit!

Und wenn Ihnen jetzt schon das Wasser im Mund zusammenläuft, dann nehmen sie am besten den nächsten Flieger nach Finnland und machen sich selbst auf die Suche nach den kleinen süßen Schätzen des Waldes.

Mehr Rezepte und Informationen über finnische Beeren gibt es außerdem hier.