1322 Kilometer Freiheit

Bertil Blom

Kajak-Abenteuer entlang der finnischen Küste

Bertil Blom ist Musikredakteur – und liebt die Stille des Meeres. Sechs Wochen lang paddelte er die gesamte finnische Küste entlang und fand dort Freiheit, Ruhe und unendlich viele Inseln.

Es ist ein heißer Sommer. Die Sonne brennt vom Himmel und zwingt Bertil Blom aus dem Kajak heraus und ins Wasser hinein. Viele Paddler suchen im Schatten der Bäume Schutz, als die Sonne ihren Zenit erreicht. Am wärmsten ist es in Tammisaari, westlich von Helsinki, doch dort hindern einen die blaugrünen Algen an einem erfrischenden Bad. »Am Anfang freuten wir uns über das schöne Wetter mit dreißig Grad und Sonne, aber als es dann immer so weiterging, wurde es anstrengend. Wir waren für eine Safari ausgerüstet mit Hüten, Nacken- und Nasenschutz und Sonnenmilch mit Lichtschutzfaktor 50. Im Boot ist man der Wärme total ausgeliefert«, berichtet Bertil in klingendem Finnlandschwedisch.

Er ist eigentlich schwedischsprachiger Musikredakteur beim öffentlich-rechtlichen Medienunternehmen Yle, und die Paddeltour entlang der finnischen Küste ist eine Reportagereise fürs Radio. Die finnische Küste wird auch als das »blauweiße Band« bezeichnet, und auch die Paddelroute heißt so. Sie beginnt für Bertil in Virolahti im Südosten des Landes an der finnisch-russischen Grenze. Zeitweise wird er von Freunden, anderen Outdoor-Enthusiasten und Radiohörern begleitet. Bertil sendet nämlich live von unterwegs und bringt Beiträge für verschiedene Radiosendungen sowie Gespräche mit anderen Paddlern und seinen Mitstreitern.

Als ihn ein kulinarisch interessierter Freund begleitet, entwickelt sich daraus eine Diskussion über das Kochen im Freien – über gefriergetrocknetes Essen, Trockenfrüchte und darüber, dass man besser kein frisches Fleisch im Gepäck haben sollte. Mit einem anderen Freund unterhält er sich fürs Radio über die Sicherheit auf See und über das Zelten in den Schären. »Wir haben unter anderem darüber gesprochen, dass man niemals alleine paddeln sollte, es sei denn, das Wetter ist ruhig und man hält sich nahe am Ufer auf. Auch so grundlegende Dinge wie das Tragen einer Schwimmweste und eine gewisse Übung beim Kentern haben wir thematisiert. Über beides sollte man unbedingt Bescheid wissen, bevor man sich auf See begibt.« Bertil paddelt mit langsamen Bewegungen, damit die Kraft länger reicht. Er ist mit einem schmalen Grönlandpaddel aus geöltem Holz unterwegs. »Bei meiner Technik werden hauptsächlich die großen Muskeln im Rücken und in den Beinen beansprucht und nicht die Arme, die eigentlich eher schwach sind. Ich drehe den Oberkörper ähnlich wie ein Pendel, aber ohne hastige Schwünge.«

Der Mann und das Meer

Die Natur um ihn herum verändert sich beständig. Das tiefe Wasser des finnischen Meerbusens geht mehr und mehr ins Schärenmeer über. Die spektakuläre Natur nordwestlich von Hanko bringt Bertil zum Staunen. Eine Vielzahl unbewohnter Inseln breitet sich vor ihm aus – mit blanken und flachen Klippen, die wie fürs Zelten gemacht zu sein scheinen. »Ich glaube, das finnische Schärenmeer besitzt die weltweit höchste Inseldichte. Um einen Übernachtungsplatz braucht man sich hier keine Sorgen machen. Man paddelt einfach, so lange man will – oder bis man einen besonders schönen Platz erspäht, an dem man sein Zelt aufschlagen möchte. Ende Juli ist in den Schären eigentlich Hochsaison, aber sobald man sich etwas abseits der bekannten Routen hält, ist man überwiegend alleine.« Aus Sicherheitsgründen paddelt Bertil hauptsächlich in Küstennähe, aber auch weil er für seine Reportage Menschen interviewt, die er unterwegs trifft. Und das geht an Land besser als auf dem Wasser.

Am meisten beeindrucken ihn die Einheimischen auf den Schäreninseln – authentische Menschen, die ohne große Ansprüche leben. »Wir können viel von dieser einfachen Lebensweise lernen. Dass man nicht viel braucht, um ein gutes Leben zu leben, zum Beispiel. Gesundheit, ein warmes und trockenes Zuhause, Essen auf dem Tisch und das Vermögen, die wunderschöne Aussicht und das Tierleben hier draußen genießen zu können – mehr braucht es nicht. Darüber hinaus hat die Nähe zur Natur eine beruhigende Wirkung, sie tut einfach gut. In meinem Alltag fällt es mir leicht, mich selber zu stressen und mir über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die hier draußen auf dem Meer komplett ihre Bedeutung verlieren.« Vor allem die Stille und das Gefühl von Freiheit locken den Musikredakteur aufs Meer und die Möglichkeit, sich nur mit Muskelkraft fortzubewegen, ohne Benzin und lauten Motor – und sich frei zwischen flachen Buchten und dem tiefen Meer bewegen zu können. »Wenn ich im Kajak sitze, höre ich keine Musik, sondern erlebe ganz bewusst die Stille. Ich höre der Natur zu, den Vögeln, Wellen und dem Wind. Paddeln ist ein leiser Sport, er ist zudem auch ökologisch und ökonomisch vertretbar.« Die Bewohner des Meeres leisten ihm in der Stille Gesellschaft. Seeadler, Raubseeschwalben, Raubmöwen und Seehunde begleiten Bertil beständig auf seinem Weg durch das Meer.

Zweifel, Glück und Einsamkeit

Dort, wo das Schärenmeer in den Bottnischen Meerbusen übergeht, wird es flacher und die Klippen verschwinden fast gänzlich. Gute Übernachtungsplätze sind nicht mehr so leicht zu finden. Statt auf flachen Inseln gilt es jetzt, das Zelt zwischen Büschen und Grasflächen aufzuschlagen. Die Wellen brechen sich überwiegend an weichen Sandstränden. An den schönsten Strandabschnitten des »blau-weißen Bandes« wird Bertil von seiner Frau und seinen beiden Kindern, sieben und elf Jahre alt, erwartet: In Hanko, Yyteri bei Pori, in Vaasa und in Kalajoki steht seine Familie am Strand und winkt mit einer blau-weißen Flagge, als er an Land geht.

Während seiner Tour bloggt er regelmäßig und postet Beiträge auf Facebook. Seine Zuhörer können die Reise entlang der Küste auf einer digitalen Karte verfolgen. Eines seiner erklärten Ziele ist, auch andere Outdoor-Enthusiasten zum Mitpaddeln anzuregen: »Ein junger Mann war gerade während einer Europareise in Paris, als er Kontakt mit mir aufnahm. Er hatte meine Reise im Internet verfolgt und fragte, ob er ein paar Tage mit mir paddeln dürfte. Fünf Tage lang war er dann mit von der Partie. Und er war nicht der Einzige – es gab sogar welche, die mich nur für ein paar Stunden begleitet haben. « Vor dem Start traf Bertil den Schweden Sören Kjellkvist, der die norwegische Küste bis nach Russland hochgepaddelt ist – ohne Geld und Proviant. Er wollte beweisen, dass es möglich ist, nur von dem zu leben, was die Natur ihm bot. Doch Bertil setzt vor allem auf menschliche Begegnungen auf seiner Tour.

Das Ziel vor Augen

Auf der zoologischen Station in Tvärminne vor Hanko trifft er ein Forschungsteam, das sich mit Kriegsschiffen beschäftigt. »Was die Begegnungen mit Menschen betraf, war ich doch ein wenig erstaunt. Ich dachte, ich würde mehr Leute treffen. An einigen Tagen war das auch so, aber an anderen Tagen wiederum war es wie ausgestorben. Aber das liegt sicher auch daran, dass der finnische Schärengarten so groß ist«, sagt Bertil. Zwischen Vaasa und Pietarsaari paddelt Bertil ganz ohne Begleitung. Er ist im Durchschnitt acht Stunden pro Tag unterwegs und legt 33 Kilometer zurück. Nördlich von Kalajoki schlägt das Wetter um. Die Wolken ziehen sich zusammen, und der ein oder andere Schauer ergießt sich über das Kajak.

Die Schären werden immer spärlicher, Bertil orientiert sich jetzt hauptsächlich an der Küstenlinie. Morgens ist es feucht, und ab und zu fragt er sich schon, was er hier eigentlich macht.

»Irgendwie war es absurd. Aber ich wusste, dass dieses Gefühl immer nur kurz anhalten würde. Meine Reise hatte ja ein klares Ziel, das ich unbedingt erreichen wollte.«

Je nördlicher Bertil kommt, desto leerer wird es überall. Nur die Seeschwalben sind noch da, das berichtet er im Naturprogramm seines Radiosenders. »Auf halber Strecke hatte ich durchgegeben, dass die Seeschwalben bereits nach Süden geflogen seien. Doch ein Experte, der an der Sendung teilnahm, sagte mir, dass ich in Lappland sicher noch welche sehen würde. Und er hatte recht.«Ende August erreicht ein müder, aber zufriedener Bertil Blom in Torneå-Haparanda sein Ziel an der schwedischen Grenze.

Bertil Bloms Lieblingsinseln

RULLOURI südlich von Hamina – ein unbeschreiblich schöner Zeltplatz auf einer flachen und gut geschützten Felseninsel. Hier habe ich die erste Nacht auf meiner Tour verbracht.

BOCKKLOBBEN östlich von Hitis – eine hohe, unbewohnte Insel von tiefem und klarem Wasser umgeben, mit einer fantastischen Aussicht.

PURUNPÄÄ hat an der nordwestlichen Spitze wunderschöne Plätze, wo man sein Zelt aufschlagen kann.

STYRSJÖBERGEN südlich von Siippy. Hier beginnt die Provinz Pohjanmaa. Wer vom Meer aus kommt, wird von roten Felseninseln begrüßt, die ideal zum Sonnen und Baden sind.

AM IIJOKI Wo der Fluss Iijoki ins Meer mündet, liegt eine kleine Insel mit einem schönen Sandstrand auf der westlichen Seite. Hier kann man sein Zelt aufschlagen und ein abendliches Bad im Meer nehmen.

visitfinland.com

Text von Jennie Aquilonius und Fotos von Bertil Blom

Mehr über Outdoor Aktivitäten in Finnland findest Du auch in der Outdoor Broschüre von Visit Finland.

Möchtest Du auch einmal die Lieblingsinseln von Bertil Blom erkunden? Fintouring nimmt Dich mit auf das Abenteuer.