Winter Wonderland

Michaela Fuchs

Schneevergnügen in Finnisch-Lappland

Der Herbst ist nun endgültig vorbei, die Tage werden kürzer. Während meine Kollegen klagen und jetzt schon über den nahenden Winter jammern, steigt bei mir die Vorfreude. Ich merke, wie ich immer hibbeliger werde, auf der Onlineseite von Helsingin sanomat die Wettervorhersagen beobachte und die Webcam am Levi checke. Auch wenn ich da oft gar nicht so viel erkennen kann, schließlich herrscht oberhalb des Polarkreises zwischen November und Januar Polarnacht. Im Finnischen nennt man diese Zeit, wenn die Sonne überhaupt nicht aufgeht und alles um einen herum in ein sanftes blaues Licht getaucht wird „Kaamos“. 

Aber ja, es hat schon Schnee in Lappland! Und ja, spätestens wenn ich zu Weihnachten wieder in Finnland bin, wird die Landschaft bedeckt sein. Das Knirschen des Schnees unter den Schuhen, Temperaturen, die bis auf -30 Grad fallen können und mit jedem Atemzug eine kleine Dampfwolke vor dem Gesicht – für mich gibt es einfach nichts Schöneres. Im Winter bin ich ganz in meinem Element. Wenn ich das erzähle, ernte ich oft Unverständnis. Sobald ich jedoch von meiner Schlittenhundefahrt durchs endlose Weiß berichte, sind alle ganz Ohr. Klar, sowas steht für Wildnis und Abenteuer! Da kommt doch fast in jedem wieder ein kleiner Jack London hervor. Und außerdem haben Huskys einfach so unwiderstehlich blaue Augen…

Tierisches Erlebnis

Schon als ich klein war, wollte ich immer unsere Hunde vor meinen Schlitten spannen, aber es hat leider nicht geklappt. Nicht alles, was wuscheliges Fell und einen Ringelschwanz hat, ist eben ein Schlittenhund! Und es hat lange gedauert, bis mein Kindheitstraum einmal wahr werden sollte: Vor einigen Jahren zog ein Ehepaar mit Schlittenhunden in die Nähe unseres Ferienhauses. Ich erfuhr das, als ich nach unserer Ankunft den Nachbarn auf einen Kaffee traf. Und als ich kurz darauf mit meinen eigenen Hunden die erste Runde drehte, durchschnitt Gejaule die winterliche Stille. Je näher wir kamen, desto mehr Hunde stimmten ein. Dieses Szenario wiederholte sich bei meinen nächsten Gassitouren, bis ich mir ein Herz fasste und mal bei den neuen Nachbarn anklopfte. Wie sich herausstellte, stammten die beiden aus Polen und arbeiteten neuerdings für eine der vielen Husky-Safaris im Skigebiet Levi.

Noch hatte die Hauptsaison nicht begonnen, und so verabredeten wir uns für einen kleinen Ausflug. An besagtem Tag wurde ich mit fröhlichem Gebell empfangen. Der Schlitten stand bereit, und die Vorfreude der Hunde war nicht zu übersehen. Aufgeregt hüpften sie hin und her. Dann ging es ans Einschirren und Anspannen. Dafür wurde der Schlitten vorher gut vertaut. Sonst wären die Tiere nämlich schneller über alle Berge, als man gucken kann. Ich durfte es mir vorne auf dem Schlitten gemütlich machen.

Nun gab es kein Halten mehr: Kaum war der Schneeanker gelöst, machte es einen mächtigen Ruck und wir bretterten los. Bäume flogen an mir vorbei, vor mir die glücklich kläffenden Hunde. Es ging Richtung zugefrorenem Fluß, das Gebell verebbte langsam und die Vierbeiner liefen gleichmäßig nebeneinander her. Wir glitten durch die märchenhafte Szenerie einer rosa-blauen Schneelandschaft. Ein Erlebnis, dass man so schnell nicht vergisst. Und das noch schöner war, als ich es mir je hätte ausmalen können. Aber das ist bei Weitem nicht die einzige Winterfreude, die Finnland zu bieten hat. Ganz anders, und nicht ganz so spektakulär, aber dafür echt finnisch und ein klein wenig verrückt: Kicksledding!

Schlittenfahren mal anders

Kicksledding, zu deutsch Tretschlitten fahren, oder auf Finnisch potkukelkka. Noch nie gehört? Naja, bei uns kaum bekannt, dafür im hohen Norden in den Wintermonaten nicht wegzudenken. Der Tretschlitten ist im Prinzip ein Retro-Holzstuhl auf Kufen und in der kalten Jahreszeit eines der Fortbewegungsmittel Nummer eins. Man stellt sich auf die Kufen, hält sich am Griff, beziehungsweise an der Stuhllehne, fest und gibt, wie bei einem Tretroller, ordentlich Schwung. Praktisch und spaßig zugleich. Ich benutze ihn oft, um die Holzkisten zwischen Scheune und Haus hin und her zu fahren, andere packen ihre Einkäufe vorne auf den Stuhl.

Aber am liebsten sause ich damit am Ufer des Ounasjoki entlang, wenn die Motorschlittenspur schön festgefahren ist und sich eine zarte Eisschicht gebildet hat. Denn dann gleiten die Kufen besonders gut. Auch zugefrorene Sees sind sehr zu empfehlen. Und sollte man vom vielen Treten müde werden, kann man sich zum Verschnaufen einfach auf den Stuhl setzen und die Aussicht genießen oder ein bisschen sonnen. Praktisch finnisch eben.

Gemächliches Dahingleiten

Weder spektakulär noch außergewöhnlich, aber in der Einsamkeit Lapplands besonders schön, ist Langlaufen.Ich gehöre nicht zu der Fraktion, die im schnellen Skaterschritt sportlich durch die Landschaft hechtet. Nein, „sich ein wenig die Beine zu vertreten“ trifft es wohl eher. So ein schöner ausgedehnter Ski-Spaziergang ist perfekt, um den Kopf frei zu bekommen und den Alltag hinter sich zu lassen. Ich gleite durch die Stille, vorbei an verschneiten Bäumen, und erlaube mir, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen.

Oft nehme ich gar keine richtige Loipenspur, sondern fahre auf einer der vielen Motorschlittenspuren. Nicht, dass es nicht genug Loipen geben würde, schließlich ist die Gegend um Ylläs und Levi Finnlands Langlaufgebiet schlechthin. Und allzu oft habe ich mich leider auch schon verschätzt und stand plötzlich trotz Brettern hüfthoch im Schnee. Das kann passieren, wenn man querfeldein geht und die Schneedecke noch nicht richtig trägt! In solchen Momenten muss ich oft an Peter Høegs Buch „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ denken. Daran, dass die Inuit unzählige Wörtern für Schnee haben. In der Tat: Schnee ist nicht gleich Schnee. Er kann fluffig, pulvrig, schwer, nass oder unter einer dicken Eisschicht begraben sein. Je nachdem, wie er trägt, fällt auch die Wahl meines Fortbewegungsmittels aus. Denn sobald man die geräumten Straßen verlässt, kommt man oft nicht sehr weit. Doch wenn ich mit den Langlaufskiern an meine Grenzen stoße, kommen die Schneeschuhe zum Einsatz.

Quer durch die Natur

Einer der unschlagbaren Vorteile von Schneeschuhen ist, dass man nicht auf markierten Wegen bleiben muss, sondern sich auch im tiefen Schnee relativ frei bewegen kann. Kurz: Man kommt dorthin, wo noch niemand war! Wenn dass mal kein guter Grund ist, sich die etwa einen halben Meter langen, bis zu 25 Zentimeter breiten Riesenschlappen anzuschnallen. Früher sahen die Schuhe ein bisschen aus wie große Tennisschläger, heute sind sie leichter und besser zu handhaben. Ist der Schnee sehr tief, sind übrigens Stöcke sehr nützlich.

Allerdings muss ich gestehen: Außer für die Suche nach Weihnachtsbäumen, die ja bekanntlich meist nicht am Straßenrand stehen, habe ich meine Schneeschuhe erst vor kurzem zum ersten Mal für eine längere Wanderung angelegt: Mit einer Freundin ging es in Richtung Ylläs, dort gibt es viele markierte Wanderwege. Dick eingepackt im Zwiebellook, bei geradezu milden -10 Grad, ging es los in die finnische Wildnis. Es dauerte, bis ich, mit den XL-Tretern an den Füßen, meinen eigenen Rhythmus fand. Aber dann merkte ich sie gar nicht mehr, und musste schon bald meinen Anorak öffnen: Hügelchen hoch, Hügelchen runter, da kommt man doch ganz schön ins Schwitzen.

Ich bewunderte die Hunde, die sich so leichtfüßig vor uns den Weg durch den jungfräulichen Schnee bahnten. Etwa auf der Hälfte der Strecke machten wir Rast bei einer Schutzhütte mit Feuerstelle. Oh wie ich solche Orte liebe! Das ist meist der Moment, in dem die Finnen ihre heißgeliebten Würstchen auspacken und Kaffee aufsetzen. Meine Freundin ist allerdings Vegetarierin, daher gab es für uns Stockbrot. Wir wollten nicht so viel mitnehmen, und für den Lagerfeuer-Snack muss man nur ein wenig Mehl, mit Backpulver, Salz und Gewürzen gemischt, einpacken. Dann vor Ort etwas Schnee schmelzen, verkneten und fertig ist der Teig. Für die Stöcke schneidet man sich irgendwo geeignete Äste ab – und dann einfach ab über die Flammen.

Mit gut gewärmten Händen ging es zurück zum Parkplatz. Auf dem Nachhauseweg machten wir noch einen kleinen Schlenker Richtung Levi. Nein, Skifahren wollten wir nicht mehr, wir waren reichlich erschöpft. Außerdem ist unter Flutlicht fahren nicht so meins. Das hebe ich mir lieber fürs Frühjahr auf, wenn die Sonne wieder lange scheint. Aber ein kleiner Bummel über den Weihnachtsmarkt am Fuße der Piste, dafür reichten unsere Kräfte noch. Ein Tässchen Glögi musste natürlich auch sein.

Ein Bad im Schnee

Nach so einem aktiven Tag sollte die Entspannung natürlich nicht zu kurz kommen. Wo geht das besser, als in der Sauna. Da die Seen und Flüße zu dieser Jahreszeit zugefroren sind, bleibt der beherzte Sprung ins kühle Nass aus, könnte man meinen. Mitnichten! Es wird einfach ein Loch in die Eisdecke gebohrt und dann geht’s rein ins tiefkalte Wasser. Der perfekte Stoff für Urlaubserzählungen! Da muss ich jedoch passen. Eisbaden überlasse ich nun wirklich den Finnen. Ich kühle mich lieber mit Schnee ab. Wenn es gerade frisch geschneit hat, ist es am allerschönsten. Dann werfe ich mich in die Flocken und mache einen Schneeengel.

Auf der Suche nach den Polarlichtern

Wenn sich dann noch ein Nordlicht am Himmel zeigt, ist so ein Tag im hohen Norden perfekt. Inmitten der Aurora-Zone zwischen 65. und 72. Breitengrad ist das auch gar nicht so unwahrscheinlich. Aber trotzdem müssen einige andere Faktoren ebenfalls stimmen, wie zum Beispiel ein wolkenloser Himmel und keine künstlichen Lichtquellen in der Nähe. Vom in der wohlig warmen Hütte hocken wird man also eher nicht zum Nordlicht-Jäger. Natürlich gibt es inzwischen auch schon Aurora-Hunting-Apps, aber die zeigen eben nur die Höhe der Wahrscheinlichkeit, dass so eine Leuchterscheinung auftreten könnte, an. Ich habe die Erfahrung gemacht: Meistens kommen sie, wenn man gar nicht damit rechnet. Also immer schön raus in die unberührte Natur!

Wenn Ihr noch mehr über Lappland erfahren dann schaut doch mal bei Visit Finland rein.