Von Åland nach Helsinki, des Herings wegen

Ansgar Frankenberg

Heringsmarkt in Helsinki

Jedes Jahr Anfang Oktober findet im Südhafen Helsinkis ein ganz besonderer Markt statt. Sowohl Einheimische als auch Touristen drängen sich dann entlang der Promenade des Hafenbeckens. Denn für eine Woche legen beim Heringsmarkt (Silakkamarkinat), der ältesten Veranstaltung der Hauptstadt, dutzende Markboote an der Kaimauer an, um ihre frischen Waren direkt von Bord zu verkaufen. Mit dabei sind seit hunderten von Jahren auch Fischer von der Inselgruppe Åland, einer ganz besonderen Region Finnlands.

„Es ist schön, wieder hier zu sein. Dafür haben sich die Anstrengungen der letzten Tage und Wochen gelohnt.“, sagt Carola Skarén. 27 Stunden war sie mit ihrem Boot unterwegs, um rechtzeitig zur Eröffnung des Marktes mit ihrem voll bepackten Boot hier anzukommen. Nur einen Zwischenstopp hat sie sich auf ihrer langen Reise von den Åland Inseln in die finnische Hauptstadt gegönnt. 

Und Carola ist nicht die einzige, die mit ihrem Boot zum jährlichen Silakkamarkinat nach Helsinki gekommen ist. Am Wochenende haben dutzende kleine und große Boote im Südhafen der finnischen Hauptstadt festgemacht. Eine Woche lang verkaufen die schwimmenden Händler aus verschiedenen Küstenregionen des Landes hier ihre Waren. Direkt von Bord der Schiffe.

Mehr als nur Hering

Seinen Namen verdankt der Markt dem Hering, der in Finnland zu dieser Jahreszeit vorwiegend gefangen und verkauft wird. Heutzutage findet man hier aber neben eingelegtem, geräuchertem und frischem Fisch auch jede Menge andere Produkte. Und so bietet Carola neben Fisch auch frisches, dunkles Inselbrot, Sanddornsaft und Marmelade an. Andere Händler haben handgestrickte Wollmützen und -handschuhe, süße und salzige Backwaren, Honig und frische Früchte in der Auslage.

Der Markt, der hier jedes Jahr Anfang Oktober stattfindet, hat eine lange Tradition. Seit 1743 gibt es ihn schon. Seither treten Fischer aus dem ganzen Land jedes Jahr die mehr oder weniger lange Reise in Richtung der Hauptstadt an, um hier im Hafen ihre Waren zu verkaufen. Wie Carola sind seit jeher auch Händler aus dem westfinnischen Åland beim Silakkamarkinat dabei.

Auch Siv Blomsterlund ist dieses Jahr wieder dabei. Seit 14 Jahren kommt sie mit ihren Kolleginnen von der Insel Kökar im Südosten Ålands hierher. Heringe fangen sie dort zwar schon lange nicht mehr. Dafür wachsen auf den felsigen Schären aber ausgezeichnete Äpfel. Die frische Meeresbrise scheint den Bäumen nichts auszumachen. Und da es auf der Insel keinen Wald gibt, nimmt den Bäumen auch niemand die Sonne. So bekommen die Äpfel während des finnischen Sommers jede Menge Licht und Wärme. Das Ergebnis lässt sich sehen – oder besser schmecken.

Mit dem Zweimastschoner in Richtung Helsinki

Die Inselleckerbissen verarbeiten Siv und ihr Team zu Saft, Cidre und leckerem Brotaufstrich. Da sie vor dem Markt noch alle Hände voll zu tun hatten, brachten Siv und ihre Kolleginnen ihre Waren nicht selbst nach Helsinki, sondern ließen sie vom Zweimastschoner Albanus anliefern. Der hisste am Mittwoch in Köklar die Segel, um pünktlich vor Beginn des Marktes am Samstag in Helsinki einzulaufen.

„Wir unterhalten auf Kökar im Sommer auch einen kleinen Laden mit angeschlossenem Sommercafé. Da gibt es dann neben den Produkten, die wir hier anbieten auch typische åländische Mittagsgerichte. Hier auf dem Markt in Helsinki kommen dann im Oktober oft Leute zu unserem Stand, die uns vorher im Sommer auf der Insel besucht hatten“, erzählt Siv.

6500 idyllische Inseln

Köklar ist nur eine von den über 6.500 Inseln, die zu Åland zählen. Åland liegt in der nördlichen Ostsee am Eingang des Bottnischen Meerbusens, zwischen Schweden und dem finnischen Festland. Auf einer Fläche von 15.000 km² leben hier nicht einmal 30.000 Menschen.

Und nicht nur seine Lage macht die Gegend besonders. Åland ist zwar Teil Finnlands, politisch ist die Gegend allerdings weitgehend autonom. Infolge einer Entscheidung des Völkerbundes aus dem Jahr 1921 gehört die Region als entmilitarisierte Zone der Republik Finnland an. Ein weiterer großer Unterschied zum Festland hier außerdem, dass dort fast ausschließlich schwedisch gesprochen wird. Kaum fünf Prozent der Inselbevölkerung zählt Finnisch als seine Muttersprache.

Ein bisschen finnisch, ein bisschen schwedisch

Auch wenn die Bewohner hier genau wie in Finnland mit Euro bezahlen und an den finnischen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen teilnehmen, so gibt es doch administrativ große Unterschiede. So hat Åland, auf Finnisch Ahvenanmaa, zum Beispiel eine eigene Post, die ihre eigenen Briefmarken druckt. Auch eigene Nummernschilder und eine eigene Länderendung für Webseiten (.ax) haben die Inselbewohner. Und natürlich besitzt Åland auch seine eigene Flagge: Ein rotes Kreuz auf gelbem Kreuz mit blauem Hintergrund. Die Farben sind angelehnt sowohl an die schwedische Flagge als auch an die rote Farbe der Finnlandschweden auf dem Festland. Der Dialekt der Åländer ähnelt eher dem Reichsschwedisch, dass man auch in Stockholm spricht als dem Finnlandschwedisch, dass vor allem an der Westküste Finnlands, wie zum Beispiel in der Gegend um Turku gängig ist.

Gesellschaftlich orientieren sich die Bewohner des Landes mehr am Nachbarn im Westen als daran, was in Helsinki und im Rest des Landes passiert. So schauen die Åländer, vor allem auch der Sprache geschuldet, eher schwedisches als finnisches Fernsehen. Ein Interesse an einer Loslösung oder gar einer Angliederung an Schweden haben die Inselbewohner allerdings nicht. Die meisten Åländer scheinen mit ihrem Sonderstatus als autonome Region Finnlands sehr zufrieden zu sein. Die bringt ihnen neben vielen anderen Freiheiten auch Steuererleichterungen. Und es macht die Inselgruppe zu einem populären Drehkreuz für den Schiffsverkehr in der Ostsee.

Neben der Schifffahrt und dem traditionellen Fischfang spielt der Tourismus eine immer größere Rolle in der Inselregion. Und das ist bei der außergewöhnlichen Landschaft Ålands auch nicht verwunderlich. Die Region ist eine ausgezeichnete Destination für Naturliebhaber. Und auch für Kletterfreunde hat Åland mit seinen steilen Felswänden einiges zu bieten. Um sich auf den Inseln fortzubewegen, empfiehlt sich vor allem das Fahrrad. Damit kommt man selbst auf der Hauptinsel Fasta Åland ohne Weiteres von A nach B.

Aus Finnland und Schweden gut erreichbar

Trotz, oder gerade aufgrund seiner Lage, ist die Inselgruppe und vor allem die Hauptinsel hervorragend sowohl an das finnische als auch das schwedische Festland angebunden. Da Åland auf der Strecke von Helsinki nach Stockholm quasi auf dem Weg liegt, legen alle Fähren, die täglich zwischen den Metropolen pendeln, unterwegs im Hafen der Hauptstadt Mariehamn an. Auch aus Turku gibt es mehrmals täglich Verbindungen. Und wem die Fahrt mit der Fähre zu lang dauert, der kann Mariehamn von Helsinki, Turku und Stockholm aus auch direkt anfliegen.

Bekannt sind die Ålandinseln neben ihrer außergewöhnlichen Lage und Landschaft auch ihres besonderen Brotes wegen. Das Saaristoleipä ist ein sehr dunkles, fast schwarzes Brot. Sein süßlicher Geschmack, den es dem Zusatz von Sirup verdankt, macht das Brot zu einer idealen Beilage zu geräuchertem und eingelegtem Fisch.

Delikatessen frisch von der Insel

Und natürlich gibt es das leckere Brot jetzt im Oktober auch auf dem Heringsmarkt in Helsinki. Bei den frisch gebackenen Broten und den vielen anderen Leckerbissen des Heringsmarkts konnten auch Lea Österberg und ihr Mann nicht nein sagen. Mit vollen Einkaufstüten laufen die beiden von Boot zu Boot und sind hin und hergerissen, was sie denn noch mitnehmen sollen. Die beiden leben in Helsinki, haben aber selbst ein Sommerhaus auf einer kleinen Insel im Westen Finnlands. Den Silakkamarkinat besuchen sie eigentlich jedes Jahr. Dann sind die Pensionäre meist gerade wieder zurück in der Großstadt und freuen sich, noch einmal die Köstlichkeiten der Inselregion zu probieren. „Die Chance lassen wir uns nicht entgehen. Meistens kaufen wir eingelegten Hering. Zu Hause gibt es den dann mit frischen Kartoffeln.“, erklärt Lea. „Ein kleiner Schnaps darf natürlich auch nicht fehlen.“, fügt sie dann noch hinzu.

Der Heringsmarkt war trotz seiner jahrhundertealten Historie zwischenzeitlich fast in Vergessenheit geraten, bis er in den 80er Jahren von der Stadt Helsinki wiederbelebt wurde. Mit der Fortführung dieser Tradition will die Stadt die Fischer dabei unterstützen, ihr Gewerbe auch in der Zukunft fortführen zu können. Und bei der Bevölkerung kommt die Veranstaltung gut an. Mittlerweile hat sich der Heringsmarkt zu einer Art Volksfest entwickelt. Neben den Ständen der Händler und Fischer sorgt während des Marktes ein buntes Programm aus Musik, Ausstellungen und Informationsveranstaltungen für Unterhaltung für alle Altersstufen.

Carola aus Åland ist mit ihrem Boot dieses Jahr schon zum 20. Mal dabei. „Wir sind wie eine große Familie hier. Es ist immer schön, die vielen bekannten Gesichter wiederzusehen. Einige Familien nehmen schon in mehreren Generationen hier teil.“ Und so soll es auch weitergehen. Für Carola jedenfalls steht fest, dass sie auch nächsten Hebst wieder die 27 Stunden Bootsfahrt auf sich nehmen wird. Um wieder dabei zu sein. Hier in Helsinki beim Silakkamarkinat.

Fotos: Ansgar Frankenberg und Kathrin Deter