Tampere: Das „Manchester Finnlands“

Simo Vassinen

Bewegte Vergangenheit, stolze Selbstironie und eine richtig heiße Sauna

Willkommen in Tampere. Der zweitgrößte Ballungsraum Finnlands lebt von seiner aktiven Kulturszene und seiner aufgewerteten industriellen Vergangenheit. Vom absurden Humor gar nicht zu reden. Das sogenannte „Manchester Finnlands“ bietet spektakuläre Ausblicke, Vintage-Nostalgie, Kunst, Achterbahnen und geruhsamen Ecken zum Entspannen.

Noch nicht ganz Sommer

Es ist still hier auf den Straßen, spätabends an einem ganz normalen Wochentag im Juni. Die Sonne hat sich den ganzen Tag blicken lassen und Einheimische haben das Wetter dementsprechend genutzt: spazieren gegangen, Pausen im Park verbringen, frisches Gemüse auf dem Markt kaufen, kleine Runden im See schwimmen, fleißig für die baldige Sommer-Theater-Saison proben und auswärtige Besucher wie mich und meinen Freund empfangen.

Noch geht man hier früh ins Bett – ein sicheres Zeichen dafür, dass der Juni gerade erst angefangen hat. Die Sommerferien beginnen nach Mittsommer. Dann füllen sich die Straßen, dann bleiben alle für ein weiteres Bier und dann liegt dieser Hauch von glücklicher Sorglosigkeit in der Luft, der den kurzen aber wunderbaren finnischen Sommer so besonders macht. Ein Besuch Anfang Juni ist etwas beschaulicher, vermittelt dafür aber das tolle Gefühl, dass der ganze Sommer noch vor uns liegt.

Kein Vergleich mit Helsinki

Wir starten den Tag mit einem Besuch des Doms von Tampere. Die massive, graue Granitstruktur im Inneren des Doms saugt die hellen Sonnenstrahlen von außen in sich auf und offenbart beim Betreten eine lebendige Installation von Architektur und Kunst.

Der Dom entstand nach Entwürfen des ikonischen Architekten Lars Sonck, wurde 1907 fertiggestellt und ist ein Denkmal der Nationalen Romantik. Atemberaubende Fresken von Hugo Simberg und ein Altarbild von Magnus Enckell erinnern an die Granithäuser in Helsinki, an das Ateneum Kunstmuseum und das Nationalmuseum dort.

Aber ich muss mich bremsen… sonst verfalle ich nur wieder der typischen Ignoranz eines gebürtigen Helsinkiers, der alles und jeden mit der finnischen Hauptstadt vergleicht. Das hier ist Tampere, so wie es immer schon war und so wie es auch jetzt noch ist: eine Stadt mit interessanten Facetten, die sich uns Besuchern nur nach und nach offenbaren.

Pure Selbstironie

Wenn man Tampere anderen Finnen gegenüber erwähnt, ist es gut möglich, dass sie sich augenzwinkernd über Dialekt und Ausdrucksweise der Einwohner lustig machen. Comedy-Sketche im finnischen Fernsehen stellen sie nur allzu gerne als leicht begriffsstutzige Menschen dar, die zudem gerne in allem übertreiben.

Die Einwohner Tamperes reagieren stolz mit absurder Selbstironie und erwecken schon mal das Vorurteil in Form eines verrückten Cousins zum Leben, von dem man nicht weiß, ob man ihn auf seiner Hochzeit haben will – könnte das doch für Empörung sorgen. Vielleicht ist das aber auch nur eine Masche, um die restlichen Finnen im Unklaren darüber zu lassen, was für ein Juwel diese Stadt doch ist, damit die Einwohner Tamperes sie ganz für sich alleine haben.

Eine lokale Delikatesse

Die Menschen hier lieben es, über alles, was mit Tampere zu tun hat, zu reden. Warum auch nicht? Wir schauen zum Marktplatz hinüber auf der Suche nach einem frühen Mittagessen. Schnell wird klar, dass unser Snack des Tages – und eines jeden Tages hier – die legendäre mustamakkara wird: eine Blutwurst mit Preiselbeermarmelade. Und wir essen nicht nur irgendeine mustamakkara, wir essen die mustamakkara des lokalen Wurstherstellers Tapola.

Jeder, der aus Tampere stammt, erzählt immer gerne, dass die Tochter der Wurst-Dynastie einst mit dem berühmtesten finnischen Skispringers aller Zeiten verheiratet war, Matti Nykänen, dessen turbulente Ehe immer noch ein Stoff für Legenden ist.

Der Biss in die Wurst ist herzhaft und süß zugleich. Ich habe gehört, dass ein vegetarisches Event auf dem selben Markt eine zeitgemäße Variante der lokalen Spezialität verkauft: eine vegane Blutwurst. Der Marktplatz ist wirklich wunderschön in der Mittagssonne, aber es wird Zeit, die Stadt von oben zu betrachten.

Tampere von oben

Der Pyynikki Aussichtsturm ist 80 Jahre alt und liegt 150 Meter über dem Meeresspiegel auf einem Hang zwischen zwei Seen nahe des Stadtzentrums. Der Ausblick ist wahrlich spektakulär, die Besucher kommen aber mindestens genauso gerne wegen der Donuts des Turm-Cafés hierher.

Erwähnt man in Tampere, auf dem Aussichtsturm gewesen zu sein und keinen Donut gegessen zu haben, dann ist Tadel sicher! Die Leckereien werden hier täglich frisch gebacken, sind außen schön knusprig, innen ganz weich und man kann sie praktisch nicht essen, ohne dass Zuckerglasur an den Lippen kleben bleibt, die man sich danach am Waschbecken mit Wasser abwaschen muss. Die Außentische des Cafés im Schatten der langen grünen Kiefern laden zum Verweilen ein.

Ein Spaziergang durch die Nachbarschaft hier oben ist vielleicht noch spektakulärer als die Aussicht vom Turm selbst. Wir bleiben neugierig vor jedem Holzhaus stehen und beneiden es um den tollen Seeblick im Hintergrund.

Weiter unten, zwischen Hang und See, liegt das bekannteste Freiluft-Sommertheater Finnlands mit seinem rotierenden Zuschauerraum. Die Saison hat aber noch nicht angefangen und die hochprofessionellen Schauspieler und Regisseure lassen sich nicht gerne beim Proben über die Schulter schauen. Deswegen gehen wir lieber weiter.

Eine bewegte Vergangenheit

Die Nachbarschaften unterhalb des Pyynikki sind wirklich idyllisch, das waren sie aber nicht immer. Besonders nicht die Viertel, die weiter unten am westlichen Teil des Hangs gelegen sind. Das Pispala-Viertel ist heute eines der beliebtesten der Stadt, aber es hat eine bewegte Vergangenheit. Die Gegend war ein enges, ruheloses Wohnviertel für Fabrik- und Eisenbahnarbeiter, deren harte Tage meist mit lauten Schlägereien endeten. Der Ort, der früher gemieden wurde, wird heute von vielen aktiv angesteuert. In Pispala liegt ein Hauch von Arbeiterklasse-Nostalgie in der Luft, hier gibt es einen aktiven Anwohnerverein, großen Respekt für Jahrzehnte nachbarschaftlicher Geschichte und neue Farbe auf den Holzhäusern.

Das Herz des Viertels ist die älteste öffentliche Sauna Finnlands, die Rajaportin Sauna. Das gemütliche gelbe Haus hat einen umzäunten Hof, auf dem sich Einheimische und Besucher gleichermaßen abkühlen können. Nichts Luxuriöses, einfach nur der Luxus, gemeinsam eine kleine Pause einlegen zu können.

Das „Manchester Finnlands“

Die Vergangenheit der Arbeiterklasse ist tief mit der Geschichte Tamperes verbunden. Man nennt die Stadt nicht umsonst das „Manchester Finnlands“. Tampere wurde aufgrund der günstigen Binnenlage im Jahre 1775 als kleiner Marktplatz mit guter Verbindung in alle Teile des Landes gegründet. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zum Industriezentrum.

Die Reste der alten Textil- und Metallindustrie sind im Stadtbild immer noch deutlich sichtbar, da viele alte Fabriken in Kulturzentren und Eventlocations umgewandelt wurden – üblich für alte Industriestädte wie Manchester oder eben Tampere, die sich neu erfinden müssen, wenn Industrien wegsterben.

Kultur ist dabei vielfach die Antwort, und genau diesen Weg ist man auch hier in Tampere gegangen. Die aktive Kulturszene der Stadt reicht von der Geburt des finnischen Pop-Rocks bis hin zu einer breiten Literaturszene. Viele der der meistgelesenen Autoren Finnlands kommen aus Tampere, genauso wie viele finnische Kultbands.

Die rot angehauchte Geschichte ist an vielen Ecken noch spürbar: es gibt ein Lenin Museum, ein Archiv der Arbeiterklasse, Statuen von Fabrikarbeitern und Stadtführungen, die sich nur diesem Thema und dieser Geschichte verschreiben.

Die alten Fabrikgebäude am Ufer der Tammerkoski-Stromschnellen bilden ein unverwechselbares Stadtbild, viele von ihnen sind mittlerweile in Kultur und Einkaufszentren, Restaurants und Erholungspunkte umgewandelt worden. Die ehemalige Arbeiterstadt wurde zu einer wahrlich europäischen Stadt.

Absurde, humorvolle Kunst

Wir besuchen das Vapriikki Museum Center und haben die Wahl zwischen vielen verschiedenen Museen, etwa der finnischen Eishockey Hall of Fame, die in den alten Maschinenbauhallen des Tampella Unternehmens untergebracht ist.

Wir entscheiden uns aber für das Sara Hildén Kunstmuseum, ein Paradies für finnische und internationale zeitgenössische Kunst. Frau Hildén war eine örtliche Kunstsammlerin und Geschäftsfrau, die ihre riesige Sammlung der Stadt in Form einer Stiftung spendete. Das mehrstöckige Museum ist bekannt für Kunst, die sowohl Massen als auch Kenner anspricht.

Während unseres Besuchs stellt das Museum gerade großflächige hyperrealistische Skulpturen des australischen Künstlers Ron Mueck aus. Die Figuren – ein riesiges Baby oder ein älteres Paar beim Sonnenbaden – sind alle mehrere Meter groß und mehrere Meter breit. Sie sind irgendwie erschreckend, feierlich und humorvoll zugleich. Humorvoll in dieser absurden Art, die Tampere ausmacht.

Das Wahrzeichen von Tampere

Auf der Halbinsel Särkänniemi, auf der das Hildén Museum liegt, liegt auch das berühmteste Wahrzeichen Tamperes: der Särkänniemi Vergnügungspark. Wir heben uns die Achterbahnfahrt für ein anderes Mal auf, erinnern uns aber an tolle vergangene Schul- und Familienausflüge hierher. Der legendäre Vergnügungspark ist eine der meistbesuchten Attraktionen ganz Finnlands. (Übrigens knapp hinter Helsinkis Linnanmäki Vergnügungspark… aber das erwähne ich hier in Tampere lieber nicht.)

Kürzlich gab es große Aufregung, als das Delphinhaus des Vergnügungsparks geschlossen wurde – sowohl aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten als auch zum Wohl der Tiere, die nicht mehr für Massenunterhaltung herhalten sollten. Soweit so gut. Die Delfine wurden aber in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zum örtlichen Flughafen gebracht und nach Griechenland geflogen. Tierschützer verurteilten diese Aktion aufgrund der unerklärlichen Geheimhaltung und dem Verdacht tierischer Misshandlung. Das nördlichste Delphinhaus der Welt, das von demselben Architekten designt wurde, der auch das Hildén-Kunstmuseum entworfen hat, wird nun zum Indoor-Sportzentrum umgebaut.

Die Zeiten für Delfine ändern sich, so wie sich die Zeiten einst auch für Fabrikarbeiter geändert haben.

Die heißeste Sauna meines Lebens

Wie so oft an schönen Sommertagen endet auch unser Tag in Tampere mit dem Besuch einer Sauna. Die sogenannte Volksbadeanstalt von Rauhaniemi am Rande der Stadt lässt uns den Tag in wunderbar ausklingen.

Der Badebereich mit Sauna und direktem Zugang zum See wurde 1929 erbaut und ist immer noch ein absoluter Sommerfavorit – übrigens auch ein Winterfavorit, wenn hier ein örtlicher Sportverein Eisschwimmen anbietet.

Ich wusste ja vorher, dass die Menschen in Tampere dazu neigen, Dinge zu übertreiben. Ich bin dann aber doch ein wenig überrascht, das wortwörtlich am eigenen Leib zu erfahren. Als ich die Sauna betrete, höre ich das vertraute Zischen von Wassers auf heißen Steinen, das sich in Dampf verwandelt. Ich frage mich noch, warum die meisten Menschen in der oberen Reihe russische Saunahüte aufhaben – normalerweise werden die nur von extrem Dampfliebhabern getragen. Meine brennenden Ohren liefern mir sofort die Antwort: Möglich, dass wir hier in ein kleines Dampf-Wettrennen gestolpert sind, aber ich kann Euch versichern, dass es die heißeste Sauna ist, in der ich in über 30 Jahren gewesen bin.

Zum Glück ist der kühle See nah, in den man über eine Sprungbrettkonstruktion gelangt. Ich bewege mich auf dem Brett nach vorne und tauche voll und ganz in Tampere ein. Was für ein wohltuendes Gefühl!

Mehr über Tampere findest Du auch direkt bei Visit Finland auf der Webseite.