Stiller Sommer

Jonas Sivelä

Mit der Familie auf den Åland-Inseln

Eine vierköpfige Familie aus einer finnischen Kleinstadt beschließt, ihren Sommerurlaub auf den Åland-Inseln zu beginnen – in einer idyllischen Unterkunft mit miserablem Handynetz. Nach einer Woche haben sie nur noch einen Wunsch: im nächsten Jahr unbedingt wiederzukommen.

Darauf haben wir lange gewartet: Anfang Juli leitet eine Woche auf den Åland-Inseln unseren wohl verdienten Sommerurlaub ein. Die Überfahrt von Turku nach Åland dauert nur wenige Stunden. Als wir in Mariehamn ankommen, weht ein leichter Wind bei strahlend blauem Himmel. Wir machen uns auf nach Geta an der Nordspitze der Inselgruppe. Nach einer knappen Stunde erreichen wir eine kleine von Bäumen gesäumte Schotterstraße. Aufgeregt studiert Karin die Gegend. Unsere beiden Töchter Tilda und Emma sitzen auf der Rückbank und fragen im Chor, ob wir bald da sind. Nach einer weiteren Viertelstunde Autofahrt lichtet sich der Wald und unter uns kommen rötliche Felsen zum Vorschein. Es sind nun keine Bäume mehr zu sehen, dafür – ich kann meinen Augen kaum trauen – eine Aussicht, die nicht von dieser Welt ist: Meer, so weit das Auge reicht. Blaues und in der Sonne funkelndes Meer. Wir haben unsere Unterkunft »Norrhavs Lisa« erreicht. Hier kommen uns schon die Vermieter Marlene und Peter Lindbäck entgegen, die beinahe so aufgeregt scheinen wie wir.

Eine Woche ohne Strom und Handynetz

Als ich das erste Mal mit Marlene telefonierte, erkundigte ich mich nach dem genauen Ort der Unterkunft. Marlene antwortete geheimnisvoll: Stellen Sie sich die Karte von Åland als Ziffernblatt vor. »Norrhavs Lisa« liegt ungefähr auf 12 Uhr. Ich schaute mir die Karte gleich im Internet an, sah aber nichts als einsame Felsen und Meer. Marlene und Peter vermieten ihr privates Sommerhaus heute an Gäste, damit auch andere in den Genuss dieses Schmuckstücks im Schutz der Felsen kommen können. »Norrhavs Lisa« verfügt weder über Strom noch fließend Wasser und auch der Handyempfang ist miserabel. Aber genau das wollten wir. Eine Woche fernab von Lärm und Stress – wir sind für niemanden zu erreichen. Marlene und Peter wünschen uns eine schöne Woche und machen sich auf – mit einem leisen, sanften Lächeln im Gesicht.

»Norrhavs Lisa« ist genau genommen nicht nur ein Sommerhaus, sondern ein Anwesen bestehend aus drei kleinen Häuschen, die durch Terrassen und Treppen miteinander verbunden sind: zwei Wohnhäuser und eine Saunahütte mit angrenzender Außenküche. Der Gaskühlschrank ist mit Butter, Käse aus der Region und Eiern bestückt, und als Willkommensgruß finden wir einen Laib frisches Brot. Wir wollen uns gerade stärken, da zieht es Emma und Tilda schon auf Entdeckungstour.

Vor uns liegt nicht etwa eine langweilige Rasenfläche, sondern ein Gebilde aus glatten, rötlich-grauen und erhabenen Felsen mit vielen kleinen Höhlen, Spalten und Klippen. Emma ist erst zwei Jahre alt, sodass wir sie auf ihrer Entdeckungsreise lieber fest an der Hand führen – auch wenn sie gerne ganz alleine losgetigert wäre. Das Klettern macht jedoch schnell müde. Wir setzen uns also auf die Felsen zwischen Haus und Meer. Wie lange wir dort verweilen, kann ich nicht sagen. Tag, Abend und Nacht gehen zu dieser Jahreszeit ohnehin fließend ineinander über.

Von Märchen und Schlössern

Als wir am nächsten Morgen aufwachen, ist es mucksmäuschenstill und nichts ist zu hören. Keine Wellen, kein Wind, keine Vögel. Nichts. Wir frühstücken auf der Terrasse. Wann haben wir uns dafür zuletzt zwei Stunden lang Zeit genommen? Wir setzen eine zweite Kanne Kaffee auf. Nur zur Sicherheit und um uns vielleicht daran zu erinnern,
dass wir es ganz gemütlich angehen lassen wollen. Die Mädels wollen erneut die Gegend erkunden. Diesmal steuern wir einen kleinen Teich gleich neben dem Grundstück an. Wir nehmen das Gummiboot mit, das Peter aufgeblasen für uns bereitgestellt hat. Obwohl der Teich nicht besonders groß ist, begeben wir uns auf ein kleines Ruderabenteuer.

Die Felsen um den Teich sind moosbewachsen, und auf dem Wasser treiben große Seerosenblätter. Wie in Grimms Märchen, aber ohne Hexen und andere gruselige Gestalten. Auch wenn es zugegebenermaßen verlockend wäre, wollen wir nicht nur in unserer Unterkunft verweilen. Denn Åland hat viele interessante Orte und Sehenswürdigkeiten für kleine und große Besucher zu bieten. In Geta gibt es einen kleinen Laden. Wir finden dort alles, was wir brauchen: frisches Brot, Åland-Käse, Erdbeeren, Grillgut, Bier aus der regionalen Brauerei Stallhagen – und natürlich Eis! Die Kassiererin gibt uns außerdem die Telefonnummer eines Fischers in der Nähe, der den besten Fisch der Insel liefere.

Wir wollen uns heute noch das Schloss Kastelholm ansehen. Das aus dem 14. Jahrhundert stammende Bauwerk wurde im 18. Jahrhundert aufgegeben, inzwischen sind weite Teile aber wieder rekonstruiert.

Auf der Fahrt dorthin ist Emma im Auto eingeschlafen. Karin und Tilda gehen also zu zweit auf Schlossbesichtigung, während ich mit Emma noch ein wenig spazieren fahre. Als Emma aufwacht, erwarten uns Tilda und Karin schon im Freilichtmuseum Jan Karlsgården direkt neben dem Schloss. Sie haben ihre Schatzsuche auf Kastelholm gerade beendet – es scheint, als wäre hier überall auch an die Kinder gedacht worden.

Bei uns Erwachsenen stellt sich gerade der Kaffeedurst ein, und wir beschließen, erst einmal einzukehren. Wie in allen anderen Cafés auf Åland wird auch hier der vielleicht bekannteste Leckerbissen der Region angeboten: Åländische Pfannkuchen. Es handelt sich hierbei nicht um gewöhnliche Pfannkuchen, wie man sie von zu Hause kennt, sondern um eine Delikatesse nach alter Tradition, deren Rezepte von Generation zu Generation weitergegeben und in jedem Dorf leicht variiert werden. Eines ist jedoch allen gemein: Serviert werden die Pfannkuchen mit Schlagsahne und Marmelade aus Trockenpflaumen.

Märchenhafte Stille

Es ist, als würden die Tage miteinander verschmelzen, die Uhren gehen hier anders. Man fühlt sich wie in einem Märchen, und die einem bekannte Realität scheint fernab und wie in einen Schleier gehüllt. Jetzt verstehe ich das geheimnisvolle Lächeln, mit dem uns Marlene und Peter verabschiedet haben. Sie kennen das Geheimnis dieses Ortes: eine vollkommene und reine Stille. Ich glaube nicht, dass sich dieses Gefühl an einem anderen Ort als diesem hier reproduzieren lässt, wo die Sinne im warmen Schoß der Natur ruhen dürfen. Bei unserer Abreise scheint die Sonne. Man könnte meinen, sie würde hier immer scheinen. Wir wollen Marlene fragen, ob wir nächsten Sommer wiederkommen dürfen – und im Sommer darauf und darauf …

Die Åland-Inseln

Die Åland-Inseln sind Finnlands einzige autonome Region. Die Åländer dürfen selbst über ihre internen Angelegenheiten entscheiden. Ungefähr 91 Prozent der Inselbewohner haben Schwedisch als Muttersprache. Åland hat den höchsten durchschnittlichen Lebensstandard Finnlands, und seine wichtigste Industrie ist die Seefahrt. Auch dem Tourismus kommt eine bedeutende Rolle zu.

visitaland.com

ANREISE

Nach Åland gelangt man am besten per Fähre von Finnland oder Schweden aus. Von Turku gibt es täglich zwei Überfahrten in die Inselhauptstadt Mariehamn, und auch die Autofähren zwischen Helsinki und Stockholm legen hier einen Zwischenhalt ein.

vikingline.de

ÜBERNACHTUNG

»Norrhavs Lisa« an der Nordküste ist von Mariehamn aus am besten per Auto oder Fahrrad zu erreichen. Åland hat aber auch zahlreiche andere tolle naturnahe Ferienunterkünfte zu bieten, die allesamt in ruhiger Meeresnähe liegen.

visitaland.com

AKTIVITÄTEN

Åland ist ideal für Angelausflüge oder Kanutouren. Eine beliebte Art, die Inseln zu erkunden, ist das Radfahren, ob in Form von Tagestouren oder einer einwöchigen Radwanderung.

skargardsleden.com

Kleines Wörterbuch

Ålandspannkaka = Åländische Pfannkuchen
Sommarsemester = Sommerurlaub
Rökt fisk = Geräucherter Fisch
Cykel = Fahrrad
Stillhet = Stille

Text von Jonas Sivelä und Fotos von Jonas und Karin Sivelä, Louisa Lindbäck