Sommermagie auf den Åland Inseln

Kathrin Deter

Rück mal bitte rüber, ich möchte rausgucken“, sage ich und stupse meinen Sitznachbarn zur Seite. Der Kapitän hat gerade den Sinkflug angekündigt, wir nähern uns Mariehamn, der Hauptstadt der Åland Inseln. Nur knapp 45min sind wir geflogen – nun durchbrechen wir die Wolkendecke, unter uns präsentiert sich der Anblick zahlloser kleiner Inseln, die das Schärengebiet der Region ausmachen. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos, denn besagter Anblick ist schlichtweg atemberaubend. Mit offenem Mund starre ich aus dem Fenster und weiß nicht so richtig, was ich sagen soll. Unser Trip war spontan und das Resultat von akutem Fernweh. Ich musste raus aus der Stadt, weg von E-mails, Benachrichtigungen jeglicher Art und vor allem auch weg von zu vielen Menschen. 

Während unseres Aufenthalts sprechen wir lange darüber, was die Faszination der Schären ausmacht. Anders als die Seengebiete in Zentral- und Ostfinnland mit nicht weniger schönen Inselgegenden, trifft hier die raue See auf die Stille und Gelassenheit des Archipels. Die Weiten des Meers sind geziert von Inseln, Felsen, unscheinbaren Buchten. Hier weht ein frischer Wind, es riecht nach Meer. Wenn man hierher reist sucht man vor allem Eines: Ruhe. Denn auf den Åland Inseln ist nicht viel los, und genau das brauche ich gerade. Die autonome Inselgruppe gehört offiziell zwar zu Finnland, dennoch ist die Hauptsprache hier Schwedisch. Åland lockt mit unberührter Natur, gutem Essen, entspanntem Lebensstil und Panoramen, wie die idyllischste Bushaltestelle der Welt. 

Trotz meines Ruhebedarfs habe ich mich quasi für einen Aktivurlaub entschlossen. Nach der ersten Nacht in der Hauptstadt Mariehamn holen wir unsere Mieträder ab. Åland ist schlichtweg ein Paradies für Radler, denn Radwege ziehen sich über die gesammte Inselgruppe, an der Küste entlang, durch Wälder und Felder, durch kleine Dörfer. Die Inseln, die nicht durch Brücken miteinander verbunden sind, erreicher wir per Fähre, die im Grunde nur eine mobile Verlängerung der Straße ist. Meine Beine werden müde, aber ich bin wacher denn je. Und obwohl ich nicht weit weg von Zuhause bin, fühle ich mich wie in einer anderen Welt. 

Trotz der stolzen Distanz die noch vor uns liegt: ein Zwischenstopp ist eingeplant. Ich habe es mir nicht nehmen lassen, die Gelegenheit zu nutzen, um Smakbyn einen Besuch abzustatten: das beste und vielleicht auch das einzig bekannte Restaurant von Åland, nah des Schlosses Kastelholm. Chefkoch Michael “Micke” Björklund ist stolzer Ålander, und hat sich mit dem Restaurant einen Traum erfüllt. Er ist landesweit bekannt für seine Kunst und seine Liebe zum Detail. In Smakbyn gibt es Saisonales, aus lokalen Produkten. Besonders angetan hat es mir der frische Apfelsaft und vor allem das Schärenbrot, Saaristolaisleipä. Das dunkle Malzbrot ist eine Spezialität der Region, kombiniert mit salziger Butter schmeckt das leicht süßliche Brot besonders gut. Wir sind gerade zum Ende der Spargelzeit hier, dazu werden junge Kartoffeln und frischer Zander serviert; ebenso raffiniert zubereitetes Wurzelgemüse. Das Bewusstsein für lokal produzierte Produkte ist groß und man ist gerne bereit, dafür mehr zu investieren. Dazu gibt es ein Stallhagen Honigbier, aus der bekanntestens – und einzigen! – Brauerei der Inseln. Die neue nordische Küche findet sich auch auf den Åland Inseln wieder, in ihrer eigenen Interpretation. Gerichte sind simpel und unaufgeregt, aber nicht eintönig. Mit Fantasie und Experimentierfreudigkeit wird hier traditionellen Zutaten neues Leben eingehaucht und das enspannte Lebensgefühl der Åland Inseln kulinarisch inszeniert.

Mit vollem Bauch radeln wir die verbleibenden 20km, bis wir unser Ziel erreichen: eine kleine simple Hütte nordöstlich von der Hauptstadt, auf der Insel Vårdö. Um uns herum sehen wir Wald, eine kleine Bucht und flache Felsen, die ins Wasser führen, Türkisblau, glitzernd, nur leider noch ein wenig kalt. Ich habe das Gefühl, dass das Leben in Finnland einen zwangsläufig der Natur näher bringt. Ich war nie gegen wandern, schwimmen, Kayak fahren, aber so richtig lieben gelernt habe ich all dies erst seit ich in Finnland lebe. Die Natur liegt einem direkt vor der Nase, und es ist unmöglich sich der Magie der weißen Nächte zu entziehen, der Magie der Birkenwälder, der Seen, der Küsten. Die Luft ist klar, das Grün viel frischer und sogar das Blau des Himmels hat eine andere Farbe. 

Wir sind völlig erschöpft nach fast 50km auf dem Rad. Aber wir haben Glück: die Sauna ist schon bereit, und das ist genau das, was wir nach dem langen Tag brauchen. Die kleine Holzhütte treibt friedlich auf dem Wasser und der mutige Sprung ins kühle Nass sorgt dafür, dass wir so tief und fest schlafen wie schon lange nicht mehr. Am nächsten morgen schnappen wir uns wieder die Räder und fahren zu dem einzigen Supermarket in der Gegend. Wir decken uns mit dem Nötigsten ein, hauptsächlich natürlich Saaristolaisleipä und Butter. Auf dem Rückweg sehe ich im Augenwinkel etwas Rotes am Waldrand aufblitzen und wir finden ein kleines Feld von leuchtenden Walderdbeeren. Ein paar Schritte weiter wartet ein Meer aus Blaubeeren auf uns – sogar wilde Johannisbeeren entdecken wir.

Unser Vorhaben, möglichst viel von der Gegend zu erkunden und jeden Tag paddeln zu gehen, wird leider von Faulheit überkommen und wir verbringen den Tag auf den Felsen in der Sonne und wieder im Wald zum Beeren sammeln. Unsere Hütte gehört zu einem kleinen Anwesen, zu dem neben dem kleinen Café und der Sauna auch Kayakverleih gehört. Der Besitzer betreibt das kleine „Resort“ seit 31 Jahren und ist ein durchaus merkwürdiger Geselle. Wir kommen ins Gespräch, und er lädt uns ein, sein neues, eigens gebautes Haus auf einer Insel etwas weiter draußen zu besuchen. Er ist sichtlich stolz. „Wenn man wirklich totale Einsamkeit will, ist man dort richtig,“ sagt er. „Mit dem Boot dauert es 20 Minuten bis zum Festland und auf der Insel ist wirklich nur das Haus“.

Die kurze Fahrt mit dem Schnellboot ist ein Highlight für mich. Wir rauschen an der Küste entlang, die Sonne strahlt; die paar Wolken, die uns dazwischen kommen, machen das Licht nur dynamischer und aufregender. Das Wasser spritzt uns ins Gesicht, da Haare fliegen – es ist das Gefühl von Freiheit. Die Küste von Vårdö zieht an uns vorbei und wir nähern uns der Insel, deren Name ich bis heute nicht weiß, so unscheinbar und einsam liegt sie vor uns. Am Dock unseres Bootes steht ein Palju, ein heißes Bad. Zum Überbrücken – bis die Sauna fertig ist. Das Haus ist spartanisch eingerichtet, aber es gibt heißes Wasser und Strom von den Solarpanelen auf dem Dach. 

Von dieser Insel träume ich bis heute. Sie ist für mich die Definition von Abgeschiedenheit und Langsamkeit. Unser Trip war viel zu kurz. Zu dem Zeitpunkt, als ich endlich die Ruhe gefunden hatte, die ich brauchte und startklar war, mehr zu unternehmen – mussten wir wieder abreisen. Umso mehr ein Grund für mich, wiederzukommen und all das nachzuholen. Ich möchte um die Inseln paddeln, auf dem strahlend blauen Wasser treiben und am Strand Blaubeeren essen; mehr von den Åland Pfannkuchen versuchen, im Wald spazieren gehen und jeden Abend den Sonnenuntergang genießen, an jener klaren, paradiesischen Bucht. 

Tipps vom Dein Finnland Team

Wenn Ihr mal richtig lecker Essen wollt, dann könnt Ihr das im Smakbyn Restaurant 
Wenn Ihr nicht unbedingt in einer Pension übernachten wollt, könnt Ihr das auch auf dem Sandösund Campingplatz. Hier könnt Ihr Euch auch Kajaks ausleihen. Åland Inseln könnt Ihr super mit dem Fahrrad erkunden. Hier findet Ihr einen Fahrradverleih.

Alles Weitere über die Åland Insel findet Ihr aber auch direkt bei Visit Åland oder bei Visit Finland.