Sommergenuss der Schärenwelt

Christine Birkel

Zu Besuch in Turku, der Hauptstadt der Gaumenfreuden

Die Sommertage sind sonnenreich und warm an der finnischen Westküste. Eine besondere Perle des Genusses findet man am äußersten Zipfel Finnlands: Turku verführt seine Besucher dazu den Sommer mit allen Sinnen zu erleben. Das gute Wetter und die langen, hellen Abende laden ein, die verschiedenen Fassetten der Stadt kennen zu lernen.

Bei unserem Besuch, im letzten Juli, genossen wir aber keinen gewöhnlichen Städtetrip mit den üblichen Vorzügen, sondern durften eine spannende Mischung aus quicklebendiger Stadt, überwältigender maritimer Landschaft, phantastischem Essen und eindrucksvollen Erinnerungen erleben. Gehen wir doch gemeinsam auf eine Reise zu einem echten finnischen Sommertraum, der alle Sinne anspricht.

Sommerliches Flair auf dem Aurajoki

Im Sommer erlebt man Turku als eine bezaubernde, lebendige Stadt und man kann hier herrliche Abende entlang des Aurajokis genießen. Der allgegenwärtige Fluss, der dann in die Ostsee im Archipel mündet, ist die Lebensader der ehemaligen finnischen Hauptstadt und bittet die Gäste und Einheimische zum Flanieren entlang des Flusslaufs auf der Promenade. Man verschafft sich in der Innenstadt schnell einen guten Überblick und so fallen gleich die kleinen, herzlichen Bistros und Cafés ins Auge, die es dem Gast erlauben die lange Sommersonne zu genießen.

Um in der Stadt anzukommen wagen wir den Perspektivwechsel und begeben uns auf den gezähmten Strom in die Entenperspektive. Mit dem kleinen Låna-Boat, ein E-Motorboot, dass man auch ohne Bootsschein fahren darf, und Proviant vom nahegelegenen Kauppatori fahren wir gemütlich den Fluss bis zur Mündung in das Meer hinab, während Åbo, so Turkus schwedischer Name, um uns herum pulsiert und es langsam Abend wird. Wir bewundern im gemächlichen Tempo des Wassers die vorbei wandernden neuen und alten Bauwerke, die sich am Ufer links und rechts aneinanderreihen und lassen uns frische Erbsen und duftend-süße Erdbeeren vom Markt schmecken. Dabei winken wir Sommerfrischlern auf der Promenade enthusiastisch zu. Die Sonne wärmt uns mit aller Kraft und die angenehm laue Luft wird mit jedem Meter salziger. Willkommen an der finnischen Riviera, denke ich mir, als sich vor uns die ersten kleinen Inseln der Schären wie lieblich geschmückte Wassergärten auftun.

Das besondere Lebensgefühl der Region wird durch die unmittelbare Nähe der Schären und der Ostsee bestärkt und zeigt eine Seite Finnlands, die man vielleicht nicht auf den ersten Moment erahnen würde. Auch weil hier die beiden Landessprachen gesprochen und gelebt werden, wird der Aufenthalt im selbstverständlichen Sprachenwirrwarr so einmalig und lebendig.

Köstliche Reise in die Vergangenheit im Schärengarten

Die Bootsfahrt auf dem Fluss ist ideal um in das Feeling der Stadt einzutauchen und macht mehr Lust auf Meer. Seit je her fasziniert das große Wasser die Menschen und hat auch uns gleich angesteckt. So wollen wir es noch einmal wissen, noch ein bisschen mehr in das Sommergefühl eintauchen. Also finden wir uns auf einem alten Dampfer wieder, der uns finnische Inselromantik verspricht.

Unser neuer tuckernder Freund heißt S/S Ukkopekka, wurde einst noch vor dem Krieg als einer der modernsten Eisbrecher gebaut und war sehr lange im Dienst. Doch heute ist er im rastlosen Ruhestand und so bringt der „alte Onkel“ seine Gäste in einer gemütlichen Fahrt in den Schärengarten.

Schon beim begrüßenden Handschlag des Kapitäns nach dem an Bord gehen, fängt man unweigerlich an zu staunen. Man entdeckt die schweren Taue an Deck und die imposanten Schlote, die aus dem Maschinenraum an die Oberfläche des Schiffes kommen. Im Unterdeck zeigen sich die nostalgischen Details an den Fenstern, Türen und Handläufen, den bräunlichen Holzvertäfelungen und den liebevoll dekorierten Tischen. Das Äußere des Schiffes hat schon ahnen lassen, dass im Inneren die Zeit wohl stehengeblieben ist.

Noch vor der Abfahrt werden uns kleine Häppchen gereicht, die der Nostalgie noch mehr zuträglich sind. Es gibt Krabbencreme, eingelegten Hering und säuerlichen Pfifferlingssalat mit Sanddorn. Dazu noch leckeres Malzbrot. Ein typisch finnischer Willkommensgruß an der Küste, den wir genießen als das Schiff sich langsam in Bewegung setzt und das letzte Stück des Aura-Flusses hinabschippert.

Es ist noch Zeit um ans Oberdeck zu gehen. Die Mündung des Aura verschwindet langsam hinter uns und ein lauer Fahrtwind streicht über mein Gesicht. Die Sonne scheint noch taghell auf uns nieder und so stehen wir an der Reling, die Nase im Wind, und bewundern die vorbeifliegenden Inselhäubchen. Das alte Dampfschiff fährt uns auf dem spiegelglatten Wasser hinaus ins Archipel und die sommerliche Atmosphäre der lebensfrohen Stadt wird von der maritimen reizvollen Schönheit der oftmals bewachsenen Felsen abgelöst.

Nach einer kurzen Weile legt der alte Freund an einer kleinen, schroffen Felserhebung an. Ein kleines Eiland namens Loistokari nimmt uns auf und der Name verrät, dass dieser Ort nicht einmal die Bezeichnung „Insel“ tragen darf, so klein ist sie. Passend zur Größe des Felsens thront ein winziges Häuslein auf dem höchsten Punkt der Erhebung. Der ganze Stolz seines Besitzers war es wohl einst, der hier so einsam mit seiner achtköpfigen Familie lebte und sogar eine Kuh auf den paar Quadratmetern hielt.

Hier sind wir nun heute zu Gast und man meint, dass die Familie wohl gleich zurückkommen müsste, denn das Haus ist zwar spärlich aber liebevoll eingerichtet und wirkt ein bisschen zeitvergessen. Karg muss der Alltag hier gewesen sein und das Mahl, dass uns hier die Hausherrin auftischt ist wahrlich festlich. Das Buffet biegt sich unter freiem Himmel mit Räucherhering und Loimulohi, Poromakkara und gegrilltem Leipäjusto, dazu noch Salate und neue Kartoffel. Perfekt passt das schmackhafte Essen zur Ostseeluft und dem Sonnenschein, der sich ziert sich zur Nachtruhe zu betten. Und so wird es Abend, ohne dass wir es merken.

Mit Lonkero und melancholischen Akkordeonmelodien im Ohr, klingt der Sommertag auf Loistokari aus. Gelassene Zufriedenheit überkommt uns, während wir den Tanzwütigen beim langsamen Schieben auf der Terrasse zusehen, denn die Welt steht einfach mal still und wir genießen den Augenblick und verweilen im Inselsommer.

So süß wie unser schokoladiger Nachtisch wirkt der schöne Moment nach als wir auf der Rückfahrt in den Hafen – wohl schon leicht im Einfluss des Lonkero – den ein oder anderen finnischen Schlager fehlerfrei im Bauch des alten Ukkopekka mit dem Musiker-Duo mitsingen. Satt, nicht nur vom Geschmackserlebnis, sondern auch von den Eindrücken des Tages, fallen wir ins behagliche Bett und sind gespannt, was die Stadt uns noch servieren wird.

Die Hauptstadt der Gaumenfreude

Eine Stadt die sich selbst als das Hinterteil Finnlands bezeichnet, nimmt sich wohl selbst nicht so ernst. Wir schlendern durch die Kauppahalli als wir ganz unscheinbar am Ende des Gangs das Café einer Konditorei, die Beste Finnlands wie man uns später erklärt, entdecken. Doch was steht hier doch ganz frech auf dem Törtchen? „Kiss my Turku“, werden wir aufgefordert und folgen dem Ruf. Die süßen Teilchen in der Auslage lassen uns nämlich staunen. Wir lernen und schmecken, wie sich Gaumenfreude mit allen Sinnen anfühlen kann und dass sogar Lebensgefühl in einer Süßigkeit seinen Ausdruck zu finden vermag. Vergesst Tiramisu oder Crème brûlée, in Turku gibt es Blaubeertörtchen mit Küsschen.

Auch wenn Turku schon lange nicht mehr die Hauptstadt ist, so bleibt sie das Kapitol der Leckerbissen und der Lebenslust – einfach Soul Food. Die Küche profitiert hier wieder einmal vom Meer auf der einen Seite, aber auch vom fruchtbaren Festland Südfinnlands auf der anderen Seite. So können die Küchenchefs aus einem vollen, frischen Angebot schöpfen: Fangfrischer Fisch, knackige Erbsen, Salate und Gemüsesorten, schmackhafte, vollmundige neue Kartoffeln, zuckersüße Beeren und intensive Wildkräuter. Wer das gerne selbst erleben will, dem sei an dieser Stelle, der Turku FoodWalk empfohlen, denn die Einheimischen wissen ja schon längst, welchen Schatz sie hüten.

Wir werden aus diesem Grund zu einem Geheimtipp geführt, denn wir haben Lust neben dem rustikalen Abend, und dem Figur gewordenen süßen Turku-Gruß, auch die etwas feinere Küche kennen zu lernen. Wir nehmen Platz in einem modernen Restaurant Namens Ludu, ein Kontrastprogramm zur kleinen Insel, doch wird uns klar, der Ursprung für beides liegt in den Schären, der wuseligen Stadt und den langen Sommertagen – einfach und ohne Tamtam, doch so intensiv und wohltuend.

Zum Abschied erleben wir ein Zusammenspiel aus reduzierten aber fein abgestimmten Aromen der Region, die mit detailverliebter Mühe als Meisterwerk auf unserem Teller dekoriert landen. Man kann ruhig sagen, dass man hier gerade ein Gemälde isst – ja ein Meisterwerk sich einverleibt.

Egal ob rustikale, ursprüngliche Küche oder Haut Cuisine, der Ursprung des Genusses kommt aus der Region um die Küstenstadt, einem perfekten Zusammenspiel aus Meer und Land und unglaublich viel Geschmack. Besonders in den Sommermonaten ist Turku als Tor zum Archipel eines der schönsten Reiseziele für einen genussvollen Städtetrip mit maritimen Inselsommer. Denn um Finnland zu erschmecken, muss man es mit wirklich allen Sinnen genießen und sich eine gute Portion Zeit einpacken.

Tipps vom Dein Finnland Team

Mehr über das wunderbare Turku erfahrt Ihr unteranderem auf der Webseite von Visit Finland.

Wenn Ihr noch mehr über die kulinarischen Köstlichkeiten von Finnland im Sommer lesen wollt, dann schaut doch mal hier rein.