Silence Meal

Claudia Simone Hoff

Eine Performance von Nina Backman

Nina Backman mag die Stille. Sie bildet den konzeptuellen Rahmen für ihr Werk, das changiert zwischen Installation, Performance und Bildender Kunst. Die Stille, der Lärm und der Raum dazwischen – darum geht es der finnischen Künstlerin, die in Berlin lebt. Beim Silence Project bringt sie Kollegen zusammen, sich mit diesem Themenkreis künstlerisch auseinanderzusetzen. Wir haben mit Nina über ihre Faszination für die Stille gesprochen und uns beim Silence Meal mit ihr in der Kunst des Schweigens geübt.

Drei Fragen an Nina Backman



Nina, was fasziniert dich an der Stille?


Stille gehört zu mir, sie ist Teil meiner nordischen Identität. Ich brauche die Stille, um mich wohlzufühlen, auch wegen des Lärms außerhalb. Künstlerisch gesehen steht die Stille für mich zwischen zwei Extremen: Glück und Folter. Dazwischen ist noch etwas anderes. 



Welche Bedeutung hat das Essen für die Performance Silence Meal?


Weil die Performance in der Finnischen Botschaft Teil der Ausstellung New Nordic Fashion Food war, spielte auch das Essen eine besondere Rolle. Sami Tallberg kocht mit alten, traditionellen finnischen Zutaten. Für mich ist auch er ein Künstler.



Bist du manchmal von den Reaktionen überrascht?

Das möchte ich lieber für mich behalten, aus Respekt vor den Teilnehmern. So viel kann ich aber sagen: In der Stille verschwinden Hierarchien, kulturelle, soziale und politische Hintergründe treten zurück. Übrig bleibt der Mensch an sich. Im besten Fall haben die Teilnehmer des Silence Meal ein tiefgehendes Erlebnis – ganz für sich selbst oder in Kommunikation mit anderen. Nicht immer ist das Erlebnis angenehm, weil sich die Menschen verletzlich und ausgestellt fühlen. Stille ist sehr mächtig. Für mich ist sie eine unerschöpfliche Inspirationsquelle.




Das Glück der Stille
 – Ein finnischer Abend in Berlin 



Der Ort: Finnische Botschaft, Berlin

Der Anlass: ein festliches Dinner mit Speisen von Sami Tallberg

Die Gastgeberin: die finnische Künstlerin Nina Backman

Die Gäste: 25 Kunstfreunde

Die Idee: Gemeinsam essen, ohne zu sprechen



Als ich vom Winterfeldtmarkt kommend in Richtung Finnische Botschaft radle, ist es draußen ziemlich laut. Autos rauschen vorbei, stauen sich, zuweilen ungeduldig hupend, Fahrradfahrer warten an der Ampel. Im Hintergrund eine nicht enden wollende Geräuschkulisse, wie sie typisch ist für die Großstadt. Zehn Minuten später schließe ich mein Fahrrad ab. Flackernde Kerzen weisen mir den Weg. Ich bin gespannt und freue mich. 



Beisammen


Kaum betrete ich die Finnische Botschaft, bin ich mittendrin im Geschehen. Der Tisch ist schön festlich gedeckt mit Tellern, Gläsern und Besteck aus dem hohen Norden. Es wird geplaudert, neugierig umhergeschaut, niemand weiß, was ihn erwartet. Die finnische Künstlerin Nina Backman ist hier, der Koch Sami Tallberg auch. Und jede Menge Berliner Kunstfreunde. Umher eilende Kellner schenken eisgekühlten finnischen Gin mit roten Beeren aus. Die Gäste lassen es erahnen: Heute Abend findet kein normales Dinner statt, heute Abend werden wir alle Teil einer Performance mit einem Schuss Finnland sein.



Schweigen ist Gold


Nina Backman, in ein langes Abendkleid gewandet, gibt ein Zeichen. Ab jetzt wird nicht mehr geredet, soll das heißen. Wir setzen uns. Meine unmittelbaren Sitznachbarinnen kenne ich nicht, auch mein Gegenüber ist mir fremd. Nur schräg links entdecke ich ein bekanntes Gesicht. Zum Glück, seufze ich innerlich erleichtert auf. Etwas Bekanntes in der Nähe, wenn ich schon nicht sprechen darf (was mir zugegebenermaßen ziemlich schwerfällt). Die ersten Minuten vergehen, ich bin unruhig. Was ich nicht gedacht hätte: In der Stille fällt jedes Geräusch doppelt auf. Jede Fußbewegung, jedes Kleiderrascheln, jedes Halsdrehen – so scheint es mir wenigstens. Als ich mich verschlucke, macht sich für einen kurzen Moment Panik in mir breit.



Gefühl, Geräusch, Geruch


Dann wird der erste Gang serviert. Mir scheint, alle sind erleichtert. Endlich gibt es etwas zu tun! Etwas, mit dem man sich ablenken kann. Etwas zu riechen und zu schmecken. Sami Tallberg kocht Finnisch. New Nordic Cuisine in meinem Mund. Es schmeckt nach Kohlrabi, Äpfeln, Zwiebeln. Mein Gegenüber verzieht keine Miene, auch wenn ich sie anlächle nicht. Keine Reaktion. Jetzt schmeckt es nach Sellerie, wilden Pilzen, Maronen. Ziemlich nordisch und irgendwie intensiver in der Stille, finde ich. Auch schräg gegenüber nimmt niemand Blickkontakt mit mir auf. Stattdessen schauen alle nach unten auf ihre leeren Teller. Wenigstens sind meine direkten Sitznachbarinnen mir zugewandt. Sympathie funktioniert auch ohne zu reden, was ich ziemlich beruhigend finde. Ein kleines Lächeln hier, eine verzückte Geste dort. Roter Wein wird eingeschenkt, es gluckert so schön. Das Dessert schmeckt nach Himbeeren und Blütenstaub. Ich male mir aus, die Früchte wären im finnischen Wald gesammelt. Ab und zu steht jemand auf und geht zur Toilette. Ob er dort vielleicht heimlich auf sein Smartphone schaut, weil er die Stille nicht erträgt?

Plötzlich erklingen Töne. Jemand lässt die Finger über die Ränder der gefüllten Weingläser kreisen. Nein, sofort aufhören! Am liebsten würde ich aufspringen. Doch wie soll ich schweigend protestieren gegen so viel ungewohnten Lärm? Also bleibe ich sitzen. Ein Schluck wärmender Tee mit Ingredienzien aus Finnland. Ist das die Magie Lapplands? Die Frau gegenüber reckt sich, eine andere dreht den Kopf hin und her. Anspannung. Dann, endlich! Nina Backman macht ein Zeichen. Game over. Zuerst ein Flüstern und ein Raunen. Dann heben sich die Stimmen und das Fest beginnt.



Tipps vom Dein Finnland Team

Mehr über das Silence Meal erfahrt Ihr hier. 

Mehr über die Künstlerin Nina Backman könnt Ihr direkt auf Ihrer Webseite nachlesen. 


 Auf welchen Veranstaltungen Sami Tallberg gerade kocht, 


erfahrt Ihr auf seiner Webseite.

Fotos: Santtu Laine