Inselabenteuer im Schärenmeer

Michaela Fuchs

Im Labyrinth der 20.000 Inseln vor Turku

Der Turkuer Schärengarten – das unentdeckte Paradies! So kommt es mir zumindest oft vor. Die einmalige Inselwelt beginnt vor den Toren der ehemaligen Hauptstadt Turku und erstreckt sich vom südfinnischen Festland hin bis zu den Åland-Inseln. Wie viele größere und kleinere Inseln letztendlich das weitläufige Archipel umfasst, weiß ich gar nicht genau. Zwischen 20.000 und 50.000 – grob gesprochen. Entdecken kann man sie auf jeden Fall am besten auf der Schären-Ringstraße. Ob mit dem Auto, wie ich, oder zum Beispiel auch mit dem Fahrrad. Über zwölf Brücken und mit Hilfe von neun Fähren kann man fröhlich von Insel zu Insel hüpfen.

Der Archipelago Trail 



„Archipelago Trail“ ist ein weiterer Name für die Ringstraße. Auf etwa 200 km, so lang ist die große Runde, geht es dahin über Land und über Wasser, durch blühende Wiesen, vorbei an kleinen Badebuchten, einsamen Kiefernwälder und Dörfern mit mittelalterlichen Kirchen. Wer nicht ganz so viel Zeit mitbringt, kann alternativ die kleine Schären-Ringstraße nehmen, die nur halb so lang ist. Aber um diese einmalige Naturlandschaft zu entdecken, sollte man sich schon etwas Zeit nehmen.

Wobei: Das sagt die Richtige, denn ich nutze die Ringstraße meistens auch nur als Anfahrts- oder Abfahrtsweg zwischen Deutschland und Finnland. Aber frei nach dem Motto „der Weg ist das Ziel“ plane ich entsprechend viele Tage für An- und Abreise ein, buche weder Unterkünfte noch Fähren vor. Die große Freiheit eben!

Etwas mehr Planung ist jedoch außerhalb der Saison geboten. Für die äußeren Inseln besteht gerade für Autofahrer nur von Anfang Juni bis Ende August eine tägliche Verbindung. Die kleine Ringstraße kann hingegen von Mitte Mai bis Ende August durchgehend befahren werden, ansonsten lohnt sich dann doch mal der Blick in den Fahrplan von Finferries. Oder man übt sich einfach in Entschleunigung! Schließlich gehört das Warten dazu – zum Inselhopping. Viel Zeit zum In-der-Sonne-Sitzen, Lesen und Kaffeetrinken (Thermoskanne mitnehmen!).

Das Leben im Insel-Labyrinth


Erstmal an Bord einer der gelben Fähren, die übrigens kostenlos sind, genieße ich es, die vorbeiziehenden Inselchen mit und ohne rotem Holzhäuschen anzugucken. Anders als auf der schwedischen Seite der Ostsee, wo fast nur noch Ferienhäuser auf den Schäreninseln stehen, sind viele Inseln des finnischen Archipels noch rund um das Jahr bewohnt. So passiert es schon mal, dass im Hafen eine ganze Palette Erdbeeren auf dem einsamen Kai zurückgelassen wird. Der Empfänger wird schon irgendwann kommen und sie abholen. Hier ist die Welt noch in Ordnung, denke ich und lasse mich einfach weiter durch die Schärenwelt treiben.

Wie anders das Leben auf einer Insel ist, wird mir auch wieder mal bewusst, als ich in einem der vielen schönen Cafés direkt im Hafen sitze. Die Marina ist praktisch Dreh- und Angelpunkt einer jeden Insel. Man sieht, wer kommt und geht. Neuigkeiten werden ausgetauscht, Motorboote aufgetankt. Die Bootstankstelle ist dann auch der Grund für meine erste Begegnung mit einem echten Schärenarzt. Sportlich gekleidet, ganz in Weiß, natürlich sonnengebräunt und wahnsinnig gutaussehend. Wie so oft auf meinem Weg durch die Schären frage ich mich, ob ich nicht doch zufällig in einer „Inga Lindström“-Verfilmung gelandet bin. Leider bleibt für mich das Happy End in dem Fall aus. Aus der Küche des Cafés kommt seine Freundin, die ihm offensichtlich sein Esspaket zurechtgemacht hat. Und schwups, düst er auch schon wieder mit Brotzeit und frisch betanktem Motorboot davon.

Inseln mit Geschichte

So beschaulich war es nicht immer. Vor allem die Inseln weiter draußen in der Ostsee können ein Lied davon singen. Zeugnis dieser entbehrungsreichen Zeit geben bis heute die Kirchen, die fast auf jeder größeren Insel stehen und meist aus dem Mittelalter stammen. Quadratische, geduckte Trutzburgen, die dem rauen Klima trotzen und der Inselgemeinschaft Schutz und Halt boten. Besonders sehenswert sind die mittelalterliche Feldsteinkirche von Parainen mit dem anschließenden Altstadtviertel und die Holzkirche aus dem Jahr 1703 auf Houtskari. 
Ein fesselndes Bild vom Leben einer Inselgemeinschaft, nur umgeben von Wasser, hat Ulla-Lena Lundberg in ihrem preisgekrönten Roman „Eis“ entworfen. Die finnische Schriftstellerin wurde selbst auf einer Insel geboren. Zwar auf Kökar, die heute zu den Åland-Inseln gehört, aber vom Lebensstil her dürfte sich das kaum unterscheiden.

Neben den Kirchen erinnern Gutshöfe und das Schloss von Louhisaari an die strategisch bedeutsame Geschichte des Inselreichs, führten doch die ältesten skandinavischen Handels- und Verkehrswegs von Bergen am Atlantik nach Stockholm über die Inseln bis nach Turku und dann weiter nach Sankt Petersburg.

Die unendliche Stille

Umso weiter man sich vom finnischen Festland entfernt, umso mehr scheint die Zeit sich zu verlangsamen und die Stille näher zu rücken. Das wahre Inselleben liegt vor einem. Spätestens in Galtby, wenn man sich entscheiden muss, ob man von Turku kommend weiter die Ringstraße fährt oder einen Abstecher auf die Åland-Inseln macht, spätestens dann ist der Stress des Alltags ganz fern. Denn hier draußen auf den äußeren Inseln wie Iniö oder Houtskari fühlt man sich den Elementen ganz nahe. Graue und rote Felsen sind stille Zeugen dieser Naturgewalten. Während der Eiszeit abgeschliffen, ragen sie heute wie Walrücken aus dem Meer und laden zum Sonnen ein. Was ich auch gerne ausgiebigst mache. Entdecke ich unterwegs einen besonders schönen nackten Felsen, wird gehalten und es geht mit Badeanzug und Handtuch, die während der Inseltour eigentlich immer griffbereit sind, ab ins erfrischende Nass! Meistens ist der Hund jedoch schneller.

Tove Janssons mystische Inselwelt

Wenn man dann so auf einem der Felsenhügel liegt, um sich von der Sonne wieder trocknen zu lassen, dann nehmen die Gedanken schon mal einen unvorhergesehenen Verlauf. Zu gut kann ich mir in solch einem Moment Tove Jansson vorstellen, wie sie in einer Umgebung wie dieser die wohl bekanntesten finnischen Fabelwesen erschuf – die nilpferdartigen Mumins. Sie sind übrigens auch eine der wichtigsten Touristenattraktionen der Turkuer Schärenwelt. Ihnen wurde ein ganzer Freizeitpark gewidmet: Muminwelt liegt auf einer kleinen Insel vor Naantali. Ich muss gestehen, ich war noch nie dort. Obwohl ich die Mumin-Kinderbücher liebe! Und natürlich auch diverse Mumin-Tassen besitze. Aber um Freizeitparks mache ich für gewöhnlich einen großen Bogen. Mich würde da schon eher das neueröffnete Tove Jansson-Museum in Tampere interessieren. Aber als Kind hätte ich Muminwelt sicher toll gefunden.

Heute halte ich es eher wie Tove Jansson und ziehe eine einfache Unterkunft auf einer abgeschiedenen Insel vor. Und die lässt sich zum Glück hier im Archipel vor Turku ohne Weiteres finden.

Camping im finnischen Schärenmeer

Beim Inselhüpfen hat man unterkunftstechnisch die Qual der Wahl zwischen B&B auf einem alten Gutshof, einem Ferienhaus oder Campen. Beim Campen bin ich auf die luxuriösere Form geeicht. Ich miete gerne eine der kleinen Holzhütten, „Cabins“ genannt, die in ganz Skandinavien auf den meisten Campingplätzen angeboten werden. Für mich ist es die bewährteste Art zu reisen. Man sitzt ähnlich wie beim Zelten mitten in der Natur, hat aber nicht das tägliche Zelt-Auf-und-Abbauen. Da auch noch ein Hund dabei ist, ist es außerdem viel unkomplizierter als im Hotel. Und letztendlich ist es einfach unschlagbar günstig.

Klar gibt es auch hier Unterschiede, von ganz einfach bis hin zum vollwertigen Ferienhaus mit eigenem WC und Dusche. Aber wie so oft, verbinde ich mit den einfachsten Hütten oft die schönsten Erlebnisse. So habe ich zum Beispiel auf Korppoo den schönsten Sonnenaufgang des letzten Sommers erlebt. Den ich nie gesehen hätte, hätte ich nicht früh morgens von meiner Hütte zum Toilettenhäuschen gemusst. Und hätte Cosima (der Hund) nicht geglaubt, sie müsste den zum Campingplatz gehörigen Steg vor einem anlegenden Motorboot bewachen, wäre ich nie mit dem Bootsbesitzer, der gerade vom Angeln kam, ins Gespräch gekommen. So viel verrate ich euch noch – der Fisch war einfach köstlich!

Die Schären und ich

Ich persönlich liebe besonders die Stille und Abgeschiedenheit der äußeren Schäreninseln. Aber das Schöne ist, sollte man doch mal zwischendurch Lust auf bohemes Leben haben, hüpft man einfach ein paar Inseln weiter. Und schon ist man mitten drin, im sommerlichen Treiben in einer der vielen schönen Altstädte der Schärenwelt, wie zum Beispiel in Naantali. Hinter deren historischen Holzfassaden sich heute Restaurants, Kunstgalerien oder nette kleine Läden verstecken oder man genießt einfach ein wenig Seebad-Flair vergangener Zeiten.

Beschaulicher geht es im Altstadtviertel von Parainen zu, wo eines meiner Lieblingscafés liegt, das „Frederiken“. Untergebracht in einem ehemaligen Bauernhaus, das einst das Zuhause von Fredrika Runeberg war, die Frau des finnischen Nationaldichter Johan Ludvig Runeberg und somit auch die Erfinderin einer finnischen Köstlichkeit, den Runeberg-Törtchen. 
Möchte man hingegen lieber ein wenig maritime Luft schnuppern, empfehle ich das „Peterzéns“ (www.peterzens.fi) in Kustavi. Marina, Restaurant und Hotel zugleich. Auf der Pierterrasse kann man sich ganz wunderbar typische Schären-Fischgerichte schmecken lassen. Die Möwen überdecken die Livemusik, Segelboote von Nah und Fern machen fest. Wenn man dann noch mit einem wunderschönen Sonnenuntergang über dem Wasser belohnt wird, dann hat sich doch das Inselhüpfen gelohnt!

Das Schöne zu Beginn einer Reise durch die Schären ist, dass vor einem einfach nur die große Freiheit liegt. Man kann einfach alles haben und weiß doch nie, was noch kommt! Ähnlich wie die Straßen des Archipels, die manchmal einfach nur im Nirgendwo des Horizonts verschwinden.

Mehr zum Archipelago Trail erfahrt Ihr auch auf der Webseite von Visit Finland.