Tarja Prüss

Im Mittsommerzug nach Lappland

Von Eulen Bewacht

01.30 Uhr: Es fährt ein Zug durch Nirgendwo. Vorbei an stillen Wäldern und klaren Seen. Im Normalfall könnte man davon nichts sehen. So mitten in der Nacht. Nicht so in Finnland: Der Juhannusjuna – Mittsommerzug – fährt durchs ganze Land. Von Süden nach Norden. Die Sonne im Gepäck.

Das Experiment: immer weiter, immer tiefer in die Nacht fahren und erleben, wie es statt dunkler, immer heller wird, je weiter wir nach Norden kommen. Doch von Anfang an.

Tanzen im Regen

Helsinki begrüßt uns mit mittelstarkem Dauerregen. Trotzdem sind erstaunlich viele Menschen auf den Straßen unterwegs. Der Grund wird schnell klar: Unerwartete Samba-Tänzerinnen lassen sich vom Sommerregen nicht abhalten. Hunderte tanzen leichtfüßig und fröhlich lachend auf Helsinkis Straßen und bringen trotz der frischen Dusche von oben karibisches Flair in die nordische Hauptstadt.

Verführerisch wackeln die Tanzmäuse mit Bauch und Becken, zeigen viel Haut und beweisen, dass Samba ein eigenes Verständnis von Idealfigur hat. Ein interessanter Kontrast: spärlich bekleidete Damen und Herren in Glitzerkostümen – und am Straßenrand  dicht an dicht gedrängt: dick eingemummte Menschen mit Regenjacken, Mützen und Schirmen, die sich mitreißen lassen von den eingängigen Rhythmen. Man blickt in kichernde Gesichter auch alter Damen, die ihre Frisuren unter altmodischen Regenhauben retten. Die Schirme wackeln im Takt, immerhin.  Es geht nicht nur um Exotik, sondern auch darum, vielfältige Kultur gemeinsam zu feiern.Es ist der allsommerliche Umzug der finnischen Samba-Vereine.

Die Musik im Ohr und in den Beinen führt uns beschwingt zum Hauptbahnhof. Noch schnell lang entbehrte Köstlichkeiten wie karjalanpiirakka (Karelische Piroggen) für die lange Reise besorgen und dann ungeduldig auf die Einfahrt des Nachtzug warten. Nicht nach Lissabon, sondern nach Rovaniemi.

Der Nachtexpress von Helsinki zum Polarkreis

Der VR Mittersommerzug – oder genauer Mittsommer-Nachtzug ist ein moderner Hotelzug. Seit 2006 gibt es ihn bereits. 65 Millionen Euro haben die finnischen Eisenbahnen VR-Yhtymä Oy in ihr Nachtzug-Angebot investiert. Über 130 Jahre ist es bereits her, dass der erste Schlafwagenzug seinen Dienst zwischen Helsinki und St. Petersburg aufnahm. 1876 war das – der Grundstein für Nachtzüge in Finnland. Nicht zu vergleichen natürlich mit den heutigen und ihrer modernen Ausstattung.

Wir haben ein Schlafwagenabteil im oberen Stock reserviert. Doppelstock-Schlafwagen mit einem Komfort, der Hotelzimmern in nichts nachsteht. Jedes Abteil hat eine schicke Nasszelle mit Dusche, Waschbecken und WC. Die Dusche hat sogar Fußbodenheizung. Meine ewig kalten Füße finden allein schon den Gedanken erwärmend.

59 Tonnen wiegt so ein Schlafwagen, in 19 Abteilen finden 38 Reisende Platz. Jeder dieser grün gestreiften Waggons verfügt aber auch über ein Abteil für Menschen mit besonderen Bedürfnissen und ein Extra-Abteil für Allergiker sowie eines für Leute, die mit Tieren reisen. Dass alle Abteile gratis W-Lan und ausreichend Steckdosen zum Laden von elektronischen Geräten haben, scheint für finnische Verhältnisse normal. 

Zwei Meter lange Betten, einladend grüne Baumwoll-Bettwäsche, Fußbodenheizung und Steckdosen. Darauf müssen wir erst mal anstoßen. Mit Lonkero, dem finnischen Kultdrink. Damit wir nachher gut schlafen können. 19:27 ist Abfahrt in Helsinki, Ankunft in Rovaniemi 7:28 Uhr. 12 Stunden Zugfahrt also. 2012 hat das finnische Fernsehen YLE sogar eine Marathonsendung darüber gemacht: 13 Stunden live aus dem Mittsommerzug. Tausende Zuschauer verfolgten die Sendung nachts nicht nur in Finnland, auch in Deutschland am Bildschirm.

Kaum hat sich der Zug in Bewegung gesetzt, erwarte ich das Knacken der anfahrenden vielen Waggons und dann dieses der Bahn eigentümliche „Tadamm – tadamm – tadamm…“ Dieses beruhigend gleichmäßige Geräusch eines Zuges, der durch die Nacht und über die Schienen donnert. Doch so sehr ich auch lausche, es will sich nicht einstellen.

Bei diesen Schlafwagen, die von Talgo Oy in Finnland hergestellt wurden, sind nämlich zum einen extrem laufruhig durch besondere Federung, zum anderen extra schallisoliert. Für besonders ruhigen Schlaf.  Dafür schaukelt es da oben leicht. Fast wie auf einem Schiff wird man in den Schlaf gewiegt.

Nachtlose Nacht

Doch bei mir will sich der Schlaf nicht einstellen. Zu sehr bin ich von der Helligkeit da draußen fasziniert, starre abwechselnd auf meine Uhr und durchs Fenster. Es wird einfach nicht dunkel.950 Kilometer geht es einmal komplett durch Finnland.Bäume, Bäume und endlose Bäume. Lichte Birkenwälder, dunkelgrüne Fichtenwälder, dazwischen mal ein rotes Holzhaus und ein See. Mein Gott, wie viel Wald hat dieses Land. Es hört und hört und hört nicht auf. 

Wir machen Halt unter anderem in Riihimäki, Hämeenlinna und Tampere. Welch Poesie allein in den Ortsnamen. Immer wieder steigen Menschen zu. Alle auf dem Weg in den hohen Norden. Da, wo die Sonne im Sommer zwei Monate lang nicht untergeht. Parkano, Seinäjoki, Kokkola. Mittlerweile ist es nach zwei Uhr nachts. Sanft schaukelt uns der Zug durch die helle Nacht.

Auf den Gängen ist niemand mehr zu sehen. Schlafen vermutlich alle längst.Doch ich bekomme kein Auge zu. Die Neugier macht mich schlaflos.Draußen auf dem Bahnsteig nur der Schaffner und ich. Der Regen hat nachgelassen. Es ist weder hell noch dunkel. Die innere Uhr spielt bereits komplett verrückt. Es müsste stockdunkel sein. Doch draußen wird es immer heller. Auch wenn man die Sonne nicht direkt sieht. Zu viele Wolken verdecken heute den Himmel, der in dieser Nacht das Blau zu Grau gemischt hat.

Bei uns zuhause ist es jetzt zappenduster, denke ich mir. Hier dagegen kann ich ohne jegliche Lampe im Schlafwagenabteil schreiben und lesen – mühelos. Diese Nacht stellt mein gewohntes Sehen auf den Kopf. Ich bin total berührt. Es wird einfach nicht dunkel. Nicht mal die Sonne will schlafen gehen in dieser Sommernacht. In den Regentropfen an den Zugfenstern spiegeln sich die Farben des Himmels und der Birken. Beim Anblick an der Bahnstrecke vorbeiziehender Holzstapel atme ich förmlich den Duft des Waldes.

Ylivieska, Oulu, Kemi. Ich kann es mir nicht nehmen lassen, an jedem Bahnhof auszusteigen. Will ein – wenn auch kurzes – Gespür für den Ort erhaschen. Kurz da gewesen sein und nicht nur vorbei fliegen. Kurz innezuhalten, einen tiefen Atemzug zu nehmen und ein paar Schritte auf dem Bahnsteig zu machen. Die Sommernachtluft atmen. Auch hier muss es geregnet haben. Davon zeugen Spiegelungen in den Pfützen am Bahnsteig. Die Sonne zeigt sich mal kurz zwischen den Wolken. Steht schon relativ hoch am Himmel. Kaum hörbar setzt sich der lange Zug wieder in Bewegung.

Es ist ein bisschen so, als würde die Zeit still stehen. Wir fahren und die stummen Birken rauschen lautlos an uns vorbei, dennoch fühlt es sich an, als würde der Zug nicht nur durch Raum und Landschaft  fliehen, sondern auch durch die Zeit reisen. Die Zeit durch seine Geschwindigkeit aufholen oder anhalten. Es erinnert mich ein wenig an den Bahnsteig 9 3/4 in ‚Harry Potter’, von wo aus der Hogwarts-Express die Zauberschüler in die Hogwartsschule bringt. Liegt es  an der Übermüdung oder an der Zeitverschiebung. Ich fühle mich leicht, jung und uralt zugleich.

Ankunft am Polarkreis

Nach 12 Stunden wohltuendem Blick in die Landschaft: Ankunft Rovaniemi. Ich werde nicht mehr dieselbe sein wie die, die in Helsinki eingestiegen ist. Die 20 Minuten Verspätung, die wir beim Start in Helsinki hatten, haben wir längst eingeholt. Der Nacht klammheimlich gestohlen. Wir sind sogar der Zeit voraus, früher am Polarkreis angekommen als der Fahrplan versprach. Ein schläfriger Sonntagmorgen, noch ein wenig unentschlossen, dafür nach zaghaftem Grün riechend und sich wie wir auf Mittsommer freuend.

Mir ist, als ob mir eine Nacht fehlte. Oder einen Tag geschenkt bekommen, der ohne Umwege in den nächsten übergeht. Alles eine Frage der Perspektive. Glücklich und ein wenig übernächtigt, Sie kennen das Gefühl. Und wie besagt ein geflügelter Spruch in Finnland: Schlafen kann man im Winter. 

Tipps vom Dein Finnland Team

Wie Ihr nach Finnland kommt erfahrt Ihr direkt auf der Webseite von Dein Finnland.

Was Ihr während der Zeit des Mittsommers in Finnland machen könnt, ob lieber Party oder Entspannung könnt Ihr hier nach lesen.

Text, Fotos und Video von Tarja Prüss