Heilsame finnische Natur

Tarja Prüss

Volksheiler treffen sich in Kuusamo

Das, was wir eigentlich schon immer wussten, aber vielleicht vergessen haben, was die Schamanen und Urvölker schon immer wussten, kommt neu ins Bewusstsein: die Natur heilt. Sie kennt unzählige Heilkräuter, die Krankheiten lindern und Heilungsprozesse fördern. Doch die Natur kann noch mehr: allein, sich in der Natur aufzuhalten, hilft und heilt bereits. Das mag für manche Ohren esoterisch klingen, ist jedoch mittlerweile auch wissenschaftlich bewiesen. 

Natur heilt

Ein Spaziergang im Wald etwa senkt den Stresspegel nachweislich und stärkt messbar das Immunsystem. Bis zu 50 Prozent sinken die Stresshormone bei einem längeren Waldspaziergang. Der Blutdruck normalisiert sich, die Muskeln entspannen sich, das Herz schlägt langsamer. Das belegen unabhängig voneinander Studien an den Universitäten Wien, Essex, Chicago und Tokio. Der Abbau der Stresshormone hält auch noch Stunden nach dem Spaziergang an. Kritiker wenden möglicherweise ein, dass die Wirkung von der Bewegung kommt. Doch bei einer Kontrollgruppe, die ebenfalls spazieren ging, nur nicht im Wald, wurden solche Veränderungen nicht gemessen. Es ist der Wald, der uns Menschen gut tut. 

Ein Schlafzimmer bestehend aus Zirbelholzmöbeln senkt die Herzfrequenz. Und zwar so weit, dass das Herz im Schnitt etwa eine Stunde weniger Arbeit hat pro Nacht. Deswegen ist vielleicht auch ein Urlaub im finnischen Mökki aus Holz im Wald so gesund für Körper und Seele. 

Altes Wissen – Neu entdeckt

Auf dem Volksheiler-Kongress in Kuusamo im Nordosten Finnlands, nahe der russischen Grenze, wird solches Wissen ausgetauscht. Dort treffen sich nämlich alle zwei Jahre Volksheiler aus ganz Finnland, um ihr Können und ihr Wissen zu demonstrieren und weiterzugeben. Menschen, die sich ihr Heilwissen selber beigebracht oder überliefert bekommen haben. Die finnische Volksheiler Gesellschaft verfügt derzeit über 100 Mitglieder. 

Aber auch Experten der Volkskunde, der Waldwirtschaft und des Tourismus nehmen teil und bringen ihre Sichtweise und ihr Wissen in den Kongress mit Vorträgen und Workshops ein. Sie alle werben für ein besseres Verständnis von der Natur und ihren Heilkräften und ergänzen und befruchten sich so gegenseitig. Äußerlich unterscheiden sie sich kaum. Die Volksheiler tragen keinen Federschmuck auf dem Kopf oder bunte Symbole im Gesicht. Es sind normale Menschen mit zum Teil ganz normalen Berufen, aber eben besonderen Fähigkeiten. 

Ergänzt wird die Tagung durch eine Messe, auf der etwa das alte neue Superfood vorgestellt wird: Früchte des Meeres und des Waldes: Fisch, Beeren, Kräuter, Pilze, Birkensaft, Honig und anderes mehr. Man hat den Eindruck, auch die Finnen entdecken ihre Naturschätze noch mal neu. „Superfood“ klingt einerseits modern, andererseits erinnert es uns und macht uns bewusst, was gesund ist und uns gut tut. Auch der Tourismus entdeckt die Naturschätze Finnlands noch einmal neu und nutzt sie gezielt, um Finnland als Wellness-Land ins Bewusstsein zu bringen.

Volksheiler und Schamanen

Früher waren Kräuterhexen und Schamanen vielerorts der Ersatz für das, was wir heute Dorfarzt nennen würden. Sie halfen bei allen möglichen Beschwerden, bei Geburten und schlimmen Wunden. Insbesondere im dünn besiedelten Finnland waren sie in den vergangenen Jahrhunderten überaus wichtig, denn ausgebildete Mediziner gab es – wenn überhaupt – nur in den weit entfernten großen Städten. Der erste finnische Arzt wird datiert auf 1743. Auch als moderne Medizin und Gesundheitsversorgung schließlich für alle erreichbar war, ließen es sich viele nicht nehmen, sich auch weiterhin an die Volksheiler mit ihren traditionellen, natürlichen Heilmethoden zu wenden. Wir machen die Probe aufs Exempel und starten einen Selbstversuch. 

Pekka, der Heiler aus Rovaniemi

Mit meinen regelmäßigen Rückenschmerzen – insbesondere jetzt durch das tägliche Tragen der Fotoausrüstung – werde ich an Pekka Berg verwiesen. Pekka ist ein Volksheiler aus Rovaniemi, der seine heilenden Fähigkeiten von seiner Großmutter geerbt hat. „Mit sechs Jahren stellte ich fest, dass ich heilende Hände habe,“ erzählt mir Pekka auf dem Weg zum Behandlungszimmer, das sich der Einfachheit halber in einem Mökki (Ferienhaus) im Wald am See befindet. Er zeigt mit Stolz seine Schamanen Trommel am Eingang der Holzhütte, die er mit Symbolen selbst gestaltet hat, die ihn und seine Fähigkeiten beschreiben.

Zunächst checkt er meinen Rücken, dehnt meinen Oberkörper in alle Richtungen und fragt nach Lebenswandel und Beschwerden. Sein Rezept in meinem Fall: eine Behandlung mit Nadeln. Finnische Akupunktur sozusagen. Bäuchlings auf einer Massageliege bekomme ich rund 20 Nadeln in Rücken und Beine gesetzt. Während die „einwirken“, erhalte ich eine spezielle Handmassage. Finnische Akupressur, schätze ich mal. Und etwas Magie ist sicher auch dabei.Der dritte Behandlungsschritt besteht dann aus einer Dehn- und Schüttelmassage der Arme und Schultern. Er dehnt mich, beugt mich, zieht und schüttelt an meinen Armen, die völlig willenlos jede Bewegung mitmachen. Er erhöht das Tempo und meine Arme flattern wie ein aufgeregtes Huhn und mein Hirn wundert sich über eine bisher nie gekannte Schnelligkeit meiner Armbewegungen.

Nach rund einer Stunde ist die Behandlung beendet. Pekka grinst mich an. Er braucht keine Bestätigung von mir, dass die Beschwerden weg sind. Er weiß es längst. Tatsächlich sind meine Rückenbeschwerden weg. Und bleiben es zwei Monate lang. 

Sauna Vihta 

Auch Olavi nimmt am Volksheiler-Treffen teil. Seine Mission: Sauna vihta. Er kann allerdings nicht mehr sagen, wie viele er wohl in all den Jahren von Hand gemacht hat. Einige Tausend werden es schon gewesen sein, sagt er bescheiden. 80 Jahre alt wird er bald. Und vihta, die zusammengebundenen Birkenbüschel, macht er schon seit 70 Jahren. 

„Und jedes Jahr ein bisschen besser,“ ergänzt Olavi mehr leise als laut. Um ihn herum liegt ein ganzes Meer aus grünen Birkenzweigen. Zusammen duften sie wie ein frischer Frühlingswald. Die jungen Blätter und Zweige seien die Besten. Dann entferne man die Rinde und drehe den Zweig vorsichtig, um damit die anderen Zweige  zusammen zu binden. Andere würden Gummibänder nehmen, aber das käme bei Olavi nicht in Frage. 

Jedermanns Kirche

Für jeden von uns bindet er einen frischen vihta. Mit dem im Gepäck führt uns Eero Peltonen in den Wald. Genauer gesagt an einen See im Wald: Pohjanseita Rukapelvelu. Eero ist Schamane. Um uns auf die Sauna einzustimmen, singt er einen Birth-Song für uns. Singt von einem kleinen Funken, der, wenn man ihn beschützt und nicht ausgehen lässt, für ein gutes Feuer sorgen kann. Genauso sei es auch mit den Menschen. Und er erzählt uns von der finnischen Sauna. „Sie ist Jedermanns Kirche. Hier ist jeder gleich. Wir vertrauen uns und wir haben nichts zu verbergen.“

Die Sauna war schon immer ein charakteristischer Ort der Heilung in der finnischen Volksheilung. Die Sauna als Apotheke des armen Mannes. Viele Kuren von Volksheilern wurden in der Sauna zelebriert. Hinzu kamen ganz praktische Gründe: zum einen war ein sauberer Raum von Vorteil, zum anderen brauchten Heiler und Patient einen friedlichen Raum, wo sie allein und ungestört sein konnten. 

Heilsame Sauna

Also rein in die heiße Schwitzstube. Unsere vihta tauchen wir erst ins warme Wasser und klopfen uns damit sanft den Körper ab. Das regt die Durchblutung an. Eine Art Training für die Blutgefäße. Die ätherischen Öle der Birkenblätter sind außerdem eine Wohltat für die Haut und machen sie samtweich.   

Jeder soll sich wohlfühlen. Das sei die einzige Regel, die in der Sauna gelte, sagt Eero. Man dürfe eigentlich alles, nur nicht den Sauna-Geist verärgern. Alkohol in der Sauna mag der Sauna-Geist nämlich nicht so besonders, auch keinen Dreck, keinen Streit und kein übertriebenes Geschrei. 

Singen dagegen ist erlaubt. Und so stimmt Eero leise ein Lied an. Uraltes Liedgut, das schon vor ungezählter Zeit gesungen wurde. Noten und Texte, die wie aus einer anderen Zeit vorsichtig und behutsam zu uns hinüber gleiten wie kleine Wellen am Ufer. Sie suchen sich ihren Weg direkt in unser Innerstes und berühren uns dort vorsichtig, wie eine Saite einer Gitarre oder einer Kantele, die man das erste Mal anschlägt.

Dann versteht man plötzlich, warum Sauna mehr ist als Waschen. Dass Sauna Reinigung von Körper, Geist und Seele ist. Man versteht nicht nur, man begreift und fühlt, wie schnell und ohne Anstrengung man runterkommt, entschleunigt und sich ans Innerste herantasten kann. Sauna – fünf Buchstaben für eine ganze Lebensart.

Dazu gehört natürlich auch das Eintauchen in den See. Egal, welche Temperatur er gerade anzeigt. Das Wasser ist klirrend kalt, aber so wunderbar klar und rein, dass man es am liebsten trinken möchte. Kreislauftraining.  

Wenn Sauna, Teer und Schnaps nicht helfen, ist die Krankheit tödlich. Dieses alte finnische Sprichwort besagt das, was heutzutage dank der Wissenschaft auch beweisbar ist: Sauna stärkt das Immunsystem, regt den Kreislauf an, fördert die Durchblutung. Sauna als Heilmittel im besten Sinn. Die Finnen und ihre Volksheiler wissen das schon lange.

Mehr über die Tradition des finnischen Lebensstils findet Ihr direkt bei Visit Finland.