Tarja Prüss

GO WEST!

Ein Roadtrip entlang der finnischen Westküste

Finnlands Westküste bietet endlose Strände und Wald, blaues Meer, malerische Holzhäuser-Dörfer, Leuchttürme, verträumte Campingplätze, Insellabyrinthe und ein wenig Schweden-Feeling.

Die Landstraße E08 ist die westlichste Verbindung vom Süden in den Norden. Ein sonnengelbes Band, randgefüllt mit blühendem Löwenzahn, zieht am Straßenrand entlang und leuchtet uns den Weg. Unterbrochen nur durch wilde Schafgarbe. Dahinter folgen zahllose Grüntöne, die die lichten Wälder durchziehen wie ein unregelmäßiges Mosaik. Und schließlich endloses Blau am Himmel. Dieser Himmel, der mir in Finnland immer weiter und zugleich niedriger, somit näher erscheint als anderswo.

Wir starten in Kemi und fahren über Ii und Oulu weiter nach Raahe. Die Stadt hat ihren Namen von ihrem Gründer, Generalgouverneur Per Brahe. Das „B“ ist jedoch irgendwie verloren gegangen seit der Gründung 1649. 1810 wurde die Stadt durch einen Großbrand fast vollständig zerstört. Ein Schicksal, das damals viele finnische Ortschaften ereilte. Ein vergessener Topf auf dem Herd reichte aus, um in den aus Holz bestehenden Dorfzentren eine Feuersbrunst auszulösen. Heute ist Raahe geprägt durch den Hafen, Industrie und IT-Betriebe mit einem charmanten kleinen Zentrum.

Auf der Weiterfahrt auf der Rantatie oder auf schwedisch Strandvägen (Strandstraße) werden die Wälder nun ab und zu durchbrochen durch weitläufige Wiesen, deren einziger Schmuck jeweils eine alte Scheune zu sein scheint, deren Holz über die vielen Sommer hinweg ergraut ist.

Immer am Meer entlang

In Kalajoki verlassen wir kurz die E08, wollen ans Meer. Kalajoki ist ein bekannter Urlaubsort, der seinen Namen von dem gleichnamigen Fluss hat. Weitläufige Dünen und laut kreischende Möwen begrüßen uns bei der Ankunft. Holzbohlen führen über die hellen Sanddünen bis zum Bottnischen Meerbusen, der an diesem Tag mehr grau als blau ist.

Urlauber nutzen eine sanfte Erhebung im Wasser, die wie eine natürliche Landzunge aussieht, für Spaziergänge an der Meeresluft. Kurz aufziehender Nebel schluckt Meer, Land und Himmel fast vollständig und erzeugt eine mystische Stimmung, fast wie in einem Steven King Roman verschwimmen Realität und Fiktion. Um dann aber wieder aufzureißen und so klammheimlich zu verschwinden, als wäre er nie dagesessen. Man meint fast sich die Augen reiben zu müssen, so eigentümlich ist dieses Naturspektakel.

Wir kommen vorbei an poetischen Orten wie „Maiglöckcheninsel“, an Straßen, die ‚Birkenblattweg‘ heißen. Dann und wann ein großes Schild „Perunaa“ – hier kann man die neuen Kartoffeln bekommen, die wir uns für unser Abendessen gleich mal mitnehmen.

In Jakobsstad entdeckten wir einen Campingplatz, der nach dem finnischen Nationalvogel benannt ist: Joutsen – der Singschwan. Rot bemalte kleine Ferienhäuser mit weiß getünchten Fensterrahmen, die mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben müssen, stehen hier und scheinen wie alten Bäume über Jahre hinweg in diesen Ort hineingewachsen zu sein. Und in Sichtweite ein kleiner See.

Kilometerweise geradeaus

Je weiter wir nach Süden kommen, desto deutlicher wird die Veränderung der Vegetation. Lupinen von rosa bis violett gesellen sich zum blühenden Löwenzahn und die Obstbäume in den Gärten der Bauernhöfe mit großzügig angelegten Innenhöfen stehen gerade in voller Blüte. Dabei haben wir schon Juni.

Wann immer einem der Sinn nach einer Pause steht, an der Landstraße, die im übrigen über weite Strecken einfach nur geradeaus verläuft, gibt es regelmäßig schöne Rastplätze, häufig direkt an einem See oder einem Fluss gelegen. Und es duftet nach Wald und Maiglöckchen und frisch gemähtem Heu.

In diesem Jahr fallen die vielen Baustellen an der Strecke auf. Winterschäden werden beseitigt, Brücken saniert und in manchen Gebieten die Straße verbreitert sowie Radwege angelegt. Der Sommer ist kurz, da muss man sich mit den Arbeiten beeilen.

Zwischen den Birken, Fichten und Kiefern am Wegesrand mischen sich immer wieder große Steine und Felsbrocken. Liegen scheinbar genau da, wo sie liegen müssen, um das ästhetisch verwöhnte Auge nicht zu verletzen. Vielleicht macht das auch einen Teil der finnischen Magie aus, dass sie unseren Vorstellungen von Einfachheit und Ästhetik so entgegenkommt.

Ein Hauch von Schweden

In Uusikaarlepyy (Nykarleby) legen wir erneut eine Pause ein. Die Stadt ist der Geburtsort des Schriftstellers Zacharias Topelius (1818-1898). Hier sind die Verkehrsschilder nicht nur zweisprachig, also in finnisch und in schwedisch, sondern die Reihenfolge hat sich nun auch geändert. Die schwedischen Namen stehen an erster Stelle, gefolgt von den finnischen Ausdrücken. Deutliches Zeichen dafür, dass hier der überwiegende Teil der Finnen schwedisch spricht. Die Orte werden schwedischer, lieblicher, Gärten und Außenansichten wie aus einer Besser-Wohnen-Zeitschrift.

Juthbacka heißt der Campingplatz, den wir uns mit zwei weiteren Wohnmobilen teilen. Die himmlische Ruhe am See wird nur durch die pausenlos übers Wasser fetzende Möwen durchbrochen, die ihr rastloses Tun durch lautstarkes Gekreische unterstreichen.

Mittlerweile ist es elf Uhr abends, unser kleines Feuer längst aus, aber die Nacht will sich nicht zeigen. Es bleibt hell wie am Tag und es sind keine Anzeichen sichtbar, dass sich das in den nächsten Stunden ändern sollte.

Drei Stunden sind es nur zwischen Sonnenuntergang und -aufgang. Zu wenig, um auf einen satten Melatoninschub zu hoffen, der einen in den Schlaf wiegen könnte. Abend- und Morgenrot vermischen sich, untrennbar voneinander. Doch wir haben uns mittlerweile ganz gut an die hellen Mittsommernächte gewöhnt und wir wachen wohl ausgeruht mit Blick auf den See am nächsten Morgen auf.

Am nächsten an Schweden

Mit „Go West“ von den Pet Shop Boys im Ohr machen wir uns auf den Weg nach Vaasa. „Go West – Life is peaceful there – Go West – In the open air – Where the skies are blue – This is what we’re gonna do“.

Unser nächstes Ziel ist das Kvarken Archipel im Bottnischen Meerbusen vor Vaasa. Das Schärengebiet wurde 2006 in die Liste der UNESCO Welterbe aufgenommen und ist damit das erste UNESCO-Naturdenkmal Finnlands. Die Inseln des Schärengartens wachsen jedes Jahr 8 bis 10 Millimeter durch Landhebung – das bedeutet jährlich ein Quadratkilometer neuer Landmasse. Diese Landhebung ist eine der schnellsten weltweit. Neue Felsen und Inseln tauchen ständig aus der See auf, Halbinsel werden größer, Buchten verwandeln sich zu Seen und Mooren. Besonders gut zu beobachten ist das in Svedjehamn, Björköby. 78 Prozent des Ortes steht unter Schutz. Von dem neu gebauten Holzturm aus kann man die Moränenlandschaft gut erkennen, die sich wie Streifen durchs Meer zieht.

Björköby liegt am nächsten an Schweden. Von hier aus brachte man vom 16. bis ins 19. Jahrhundert die Post per Boot ins schwedische Königreich. Denn von hier sind es nur 28 Kilometer bis zur schwedischen Küste. Wie sehr dieses Land in Bewegung ist und sich immer noch hebt, lässt sich am Besten bei einer Bootstour durch die Schärenwelt beobachten. Da lohnt es, erfahrenen Bootsführern zu vertrauen, die die Gegend und noch wichtiger, die Untiefen genau kennen. Verstreut wie schlafende Wale schauen immer wieder Felsen aus dem Wasser. Unzählige Brut- und Zugvögel lassen sich hier beobachten, darunter die Gryllteiste, der Sterntaucher und auch der Seeadler.

Sehenswert auch der 36 Meter hohe Leuchtturmvon Valsörarna. Er wurde von Henry LePaute entworfen, der auch für Gustave Eiffel arbeitete. Ähnlichkeiten mit dem Eiffelturm sind unverkennbar.

Der schiefe Turm von Kristiinankaupunki

Intensiver Fliederduft empfängt uns in Kristiinankaupunki (Kristinestad). Ein kleiner Ort, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Enge kleine Gassen mit Kopfsteinpflaster, putzige Holzhäuschen, eng aneinander geschmiegt und so nah an den Gassen stehend, als wollten sie auf der gegenüberliegenden Seite heimlich in den Kochtopf gucken.

Überhaupt könnte man den Eindruck bekommen, hier in Kristiinankaupunki leben wohl die neugierigsten Menschen Finnlands. Denn an manchen Hausfassaden ragt ein Spiegel hervor, eine Art Periskop. Diese Klatsch-Spiegel sind nichts anderes als das Reality Fernsehen des 19. Jahrhunderts. Denn sie ermöglichen, bequem und ungesehen im Wohnzimmer zu sitzen und dennoch verfolgen zu können, was in beiden Richtungen auf der Straße passiert.

Hier findet man auch die schmalste in beiden Richtungen zu befahrende Straße Finnlands: die Katzenpeitschergasse, die an der schmalsten Stelle nur 299 Zentimeter breit ist. Der Name stammt von der neunschwänzigen Katze, einer mehrsträngigen Peitsche, mit der früher der Kapitän eines Schiffes die Disziplin aufrechterhielt. Bereits für geringe Vergehen wurden die Seeleute mit Peitschenhieben bestraft. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Auspeitschen der Seemänner verboten. Eine andere Version besagt, dass Werftarbeiter aus Skaftung gerne die Kneipe in der Straße aufgesucht haben. Die Finnen verdrehten das Wort zu „kattong“, was Katzenjunges bedeutet. Und weil die Werftarbeiter abends nicht nur torkelnd, sondern auch sehr lautstark nach Hause gingen, drohten die Bewohner schließlich, die Störenfriede mit Peitschen zu vertreiben. Im Volksmund nannte man die Straße seitdem Katzenpeitschergasse.

Bekannt geworden ist Kristinestad jedoch durch den schiefen Turm der über 300 Jahre alten Ulrika Eleonora Kirche. Der 47 Meter hohe Turm ist beinahe so schief wie der Turm von Pisa. Allerdings sei es kein Konstruktionsfehler, betont man bei der Touristinfo, auch nicht der Fehler der 40 Zimmermänner. Die damaligen Statiker hätten das bewusst so bauen lassen, damit der Turm den harten Westwinden von der Küste trotzen würde. Nach der gleichen Technologie, wie sie auch im Schiffsbau angewendet wurde.

Weltkulturerbe Rauma

Nach einer halben Tagesreise erreichen wir Rauma, die drittälteste Stadt Finnlands. Mit einer einzigartigen Altstadt. 600 Häuser umfasst das UNESCO Weltkulturerbe und ist damit das größte historische Holzhausviertel Nordeuropas. Gegründet 1442 wurde Rauma rasch ein Zentrum der Seefahrt. Ende des 19. Jahrhunderts besaß Rauma mit 57 Schiffen sogar die größte finnische Segelflotte.

Eine Besonderheit ist nicht nur der eigentümliche Dialekt seiner Einwohner, sondern auch die berühmten Spitzen von Rauma. Sie kann sie im Stadtmuseum besichtigen oder im Handarbeitsladen Pits-Priia zuschauen, wie die Frauen klöppeln.

Schlendert man über das alte Kopfsteinpflaster durch die Gassen mit den hübsch dekorierten Fenstern, meint man, dass jederzeit eine Pferdekutsche um die Ecke kommen könnte. Rauma ist wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Später mache ich mich auf die Suche nach dem Sonnenuntergang. Auch wenn es erst gegen Mitternacht soweit ist. Die weißen Sommernächte haben einfach ihre ganz eigene Magie.

Am nächsten Morgen geht unser Roadtrip weiter. Noch mehr Wald, noch mehr Wasser und trotzdem immer noch nicht satt. Wir fahren vorbei an Pori und Naantali und landen schließlich in Turku, der ehemaligen Hauptstadt Turkus. Rund 800 Kilometer Küstenstraße liegen hinter uns. Tage und Nächte, in denen es nicht dunkel wurde. Malerische Holzhäusermilieus, zahllose Strände, freundliche Begegnungen.

Oder um noch einmal die Jungs aus der Zoohandlung zu zitieren: There where the air is free, we’ll be what we want to be, Now if we make a stand, we’ll find our promised land – GO WEST!

Mehr zum Kvarken Archipel findet Ihr direkt bei Visit Finnland.

Text und Fotos: Tarja Prüss