Die letzte Wildnis Europas

Michaela Fuchs

Ein Roadtrip durch Lappland

Während Finnisch-Lappland als Winterreiseziel inzwischen recht beliebt ist, ist der Sommer hier oben fast touristenfrei. Keine Huskysafaris, keine Eishotels, keine Nordlichter. Obwohl – das stimmt gar nicht, letztes Jahr habe ich schon Ende August Nordlichter gesehen. Sogar der Weihnachtsmann hat seine Sprechzeiten reduziert.

Die Schönheit der lappländischen Einsamkeit muss man sich im Sommer also höchstens noch mit den Abertausenden von Mücken teilen. Oh ja, es gibt sie wirklich! Es ist nicht nur ein Vorurteil. Aber ich habe mich inzwischen irgendwie mit ihnen arrangiert und verbringe gerne auch die Sommermonate in meinem Mökki südlich von Kittilä. Besuch aus Deutschland gab es bisher meistens nur im Winter. Aber diesmal hat es doch tatsächlich eine Freundin bis hoch in den Norden zu mir geschafft. Und sie möchte sogar noch weiter in nördliche Gefilde vorstoßen. Also packen wir das Auto und es geht los. Frei nach dem Motto: Immer der Mitternachtssonne entgegen.

Nachtlose Nächte

Dem Zauber der Mitternachtssonne kann man sich hier oben kaum entziehen. Denn nur hier, weit oberhalb des Polarkreises, scheint gute zwei Monate lang die Sonne rund um die Uhr. Das Schöne daran ist, dass die nachtlosen Nächte den Urlaub fast um das Doppelte verlängern. Oft muss man sich dann regelrecht dazu zwingen, ins Bett zu gehen. Aber wie heißt es so schön in einem finnischen Sprichwort: „Schlafen kann man auch im Winter“. In diesem Sinne – los geht’s!

Das Atelier in der Wildnis

Den ersten Stopp legen wir kurz vor Kittilä ein. Das Zuhause des bekannten finnischen Malers Reidar Särestöniemi (1925-1981) ist heute ein Museum und unser erstes Ziel. Zugegeben, als wir den Schotterweg Richtung Särestö entlangfahren, überkommen meinen Besuch doch so einige Zweifel. Haben wir wirklich den richtigen Weg genommen? Ich kann sie beruhigen, zum einen war ich schon mal dort und kenne den Weg, und zum anderem weiß ich inzwischen: Auch wenn man denkt, dass man nun endgültig am Ende der Welt angekommen ist, solange irgendwo an der Straße ein Briefkasten steht, gibt es auch Leben irgendwo hinter den vielen Bäumen.

Und so kommt es, dass uns in der abgelegenen Wildnis Lapplands ein Freilichtmuseum samt Kunstatelier erwartet. Dort kann man nicht nur das ehemalige Atelier des Künstlers, sondern auch sein Elternhaus, einen Bauernhof aus dem 19. Jahrhundert, besichtigen.

Reidar Särestöniemi , die finnische Antwort auf Picasso, beeindruckt uns vor allem mit seinen Bildern von Rentieren im Stil prähistorischer Höhlenmalereien oder auch farbenprächtiger mystischer Erzählungen. Die einzigartige Landschaft Lapplands, die Mitternachtssonne, die leuchtenden Farben des Herbstes und des arktischen Winters sind allgegenwärtig.

Pallas-Yllästunturi-Nationalpark

Weiter in Richtung Norden lassen wir das Skigebiet Levi links liegen, denn ähnlich wie mancherorts in den Alpen wirken auf mich die für die Wintertouristen extra aus dem Boden gestampften Orte im Sommer sehr verlassen bis skurril. Aber das tangiert nicht weiter, schließlich ist Lappland groß und wer Natur und Stille sucht, wird sie hier finden. Und genau das wollen wir im Pallas-Yllästunturi-Nationalpark.

Also heißt es Wanderschuhe schnüren. Unser Ausgangspunkt ist das Lappland Hotel Pallas, ein typisches Fjellhotell. Nach einer kleinen Stärkung verlassen wir das 1938 im funktionalistischen Stil erbaute Hotel auf dem gut ausgeschilderten Wanderweg zum Taivaskero, wo 1952 die Fackel für die Olympischen Spiele in Helsinki entfacht wurde. Auf der kargen steinigen Kuppel erwartet uns leider nicht der versprochene Rundumblick. Immerhin sind wir auf 809 Meter Höhe und somit für finnische Verhältnisse recht hoch. Es hat sich zugezogen und Wolkenschleier verhindern die Sicht bis nach Schweden. Aber so schnell wie eine Schlechtwetterfront in Lappland kommen kann, kann sie wieder gehen. Kaum sind wir unten am Hotel angekommen, lacht auch schon wieder die Sonne.

Die Wildnishütte

Wir sparen uns das Hotel und rücken noch etwas weiter in die Wildnis vor. Ein weiterer Vorteil finnischer Nationalparks, neben den tipptopp ausgezeichneten Wanderwegen, sind die gratis verfügbaren Hütten für Übernachtungen entlang der Wege. Die meisten natürlich nur erreichbar nach längeren Wanderungen. Doch es gibt auch einige, die man fast mit dem Auto anfahren kann. Dank dem Tipp meiner finnischen Freundin fahren wir quasi, wiederum über eine Schotterstraße, direkt vor. Aber das wir letztendlich dann doch in der lappländischen Wildnis gelandet sind, wird uns schnell klar, als wir die Autotüre öffnen.

Es ist schon gegen Abend, die Sonne steht tief – Mücken-peak-point! Wir trauen uns also nur gut be-OFFt (OFF ist das finnische Autan – nur besser) weiter vor. Nach einem kurzen Weg über hölzerne Stege, durch die lapplandtypische Moorlandschaft, empfängt uns ein roter, einsamer Strand mit einer Hütte samt Grillstelle und reichlich Feuerholz. Der leichte Wind, der über den See kommt, und das Feuer halten dann auch die Mücken fern und wir sitzen noch weit bis nach Mitternacht am Ufer des Pallasjärvi. Wildwestromantik pur!

Lemmenjoki-Nationalpark

Wenn mein Besuch dachte, das wäre schon alles, was ich an lappländischer Einsamkeit zu bieten hätte, dann wurde sie eines Besseren belehrt. Nächster Stopp Lemmenjoki-Nationalpark. Auf dem Weg dorthin habe selbst ich tatsächlich ein wenig das Gefühl, an das Ende der Welt zu fahren. Über Stunden lässt sich kaum ein anderes Auto blicken. Nur Wälder, Sümpfe und Rentiere ziehen an uns vorbei. Wir befinden uns bereits mitten in Herzen von Sápmi (Land der Samen) und somit auch mitten im Rentierzuchtgebiet.

Für diese Nacht beziehen wir Quartier direkt am Lemmenjoki, einem wunderschön gelegen Campingplatz. Er wird eigentlich von Wanderern und Anglern bevorzugt. Nach einer gefühlten Ewigkeit der Einsamkeit erschrecken wir uns fast als einer von ihnen durchs Dickicht bricht und uns um ein Haar vor den Wagen gelaufen wäre. Auch er hat wohl nicht mit uns gerechnet und schaut uns ähnlich verdattert an wie zuvor die Rentiere.

Inari-See

Nach so viel Natur steht am nächsten Tag Kultur auf dem Programm. Es geht nach Inari an den gleichnamigen See. Er ist nicht nur der drittgrößte See Finnlands, sondern ist er für die Samen, die Urbevölkerung Lapplands, ein heiliger See. Neben dem sämischen Kulturzentrum gibt es in Inari auch das Siida – Sámi-Museum und Naturzentrum. Ein modernes, toll aufbereitetes Museum, das sich der Geschichte und Kultur der Samen und der Natur im nördlichen finnischen Lappland widmet. Ich finde, ein Muss für jeden Lapplandbesucher.

Nach dem Museumsbesuch gönnen wir uns eine kleine Bootstour. Direkt hinter dem Museum ist der Ableger für Touren zur Insel Ukonsaari, ebenfalls von historischer Bedeutung für die Samen. Der Ukonkivi-Felsen, gerade mal 50 Meter breit und 100 Meter lang, galt als Wohnstätte von Göttern, Geistern und Elfen. Die haben wir zwar nicht getroffen, aber irgendetwas Mystisches hat der See zweifelsohne!

Finnischer Goldrausch

Wieder gen Süden geht es auf der E75 nach Tankavaara. Und plötzlich befinden wir uns irgendwie nicht mehr in Finnland, sondern irgendwo am Klondike, mitten in einer Goldgräbersiedlung im späten 19. Jahrhundert. Wir sind zwar im sogenannten Goldvillage gelandet, aber tatsächlich gibt es bis heute Goldgräber in Lappland. Teilweise wird sogar in großem Stil abgebaut. Der erste Goldrausch begann mit Goldfunden 1870 am Ivalojoki. Und seitdem zieht es immer wieder die unterschiedlichsten Leute in den lappländischen Wilden Westen. Heute befindet sich hier das einzige internationale Museum der Welt, das sich mit der Vergangenheit und Gegenwart der Kultur des Goldwaschens befasst. Und wer mag, kann am Fluss sogar das Goldschürfen erlernen.Wir entscheiden uns allerdings gegen das Goldwaschen, suchen uns ein nettes Plätzchen am Rande des Urho-Kekkonen-Nationalparks und nehmen lieber lappländisches Gold in anderer Form zu uns – Lapin Kulta, das finnische Kultbier.

Lappland-Spezialitäten

Am letzten Abend in Finnland gibt es zum Abschied noch einen echten Lappland-Klassiker: Leipäjuusto mit Moltebeeren.

Leipäjuusto, übersetzt ins Deutsche bedeutet es so viel wie „Brotkäse“. Der Käse wird im Ofen gebacken und kommt meist flach und rund mit einer abgeflämmten Oberfläche daher. Vom Geschmack ist er vergleichbar mit sehr mildem, buttrigem Mozzarella. Die Konsistenz ist jedoch etwas gewöhnungsbedürftig, denn beim Kauen macht er quietschende Geräusche. Fast jedem Lapplandtouristen wird er mindestens einmal angeboten. Leider oft recht lieblos. Denn um sich dieser lappländischen Besonderheit zu nähern, gibt es für mich eigentlich nur eine wahre Zubereitungsart! Und zwar als Dessert mit Sahne überbacken und reichlich eingemachten Moltebeeren. Dabei verliert er seine Quietschigkeit und bildet zusammen mit der Sahne eine leicht karamellige Oberfläche. Einfach fantastisch! Dazu der leicht herbe Geschmack der Moltebeere – so muss Lappland schmecken!

Rovaniemi

Zurück nach Deutschland geht es von Rovaniemi aus. Allseits bekannt als Sitz des Weihnachtsmanns oder auch als Tor zum Norden bezeichnet. Eigentlich wunderschön am Zusammenfluss von Ounasjoki und Kemijoki gelegen. Da aber leider im 2. Weltkrieg von den deutschen Truppen fast vollends zerstört, fehlt heute jegliche alte Bausubstanz. Architektonisch gesehen also keine Augenweide, darüber hilft auch keine Alvar-Aalto-Stadthalle hinweg.

Trotzdem sollte man sich die Stadt nicht entgehen lassen! Für einen Besuch im Arktikum (Museum für arktische Gebiete sowie die Geschichte Lapplands) reicht leider die Zeit nicht mehr. Aber für einen Kaffee im Kauppayhtiö, meinem Lieblingscafé beziehungsweise Bar, schon. Und ein kurzer Stopp im Weihnachtsmanndorf muss auch noch sein. Schnell noch Karten schreiben und im Weihnachts-Postamt aufgeben, damit sie die dann genau zu Weihnachten ankommen.

Wieder in Deutschland angekommen, weht mir ein leichter OFF-Duft entgegen, als ich meinen Koffer öffne – der Duft einer anderen Welt.

Mehr über Lappland und die Nationalparks in Finnland erfahrt Ihr auch direkt bei Visit Finland.