Das Gespenst, das auf Lachs steht

Tarja Prüss

Auf Bärensafari in Ruka-Kuusamo

Weniger als 2.000 Bären gibt es schätzungsweise noch in den dichten Wäldern im Nordosten Finnlands. Dort kann man sie in freier Wildbahn beobachten. Auf Bärensafari in Kuusamo.

In Deutschland gibt es seit rund 170 Jahren keine Bären mehr. Man hat sie ausgerottet. Selbst Bruno, der 2006 von Österreich über die grüne Grenze kam, wurde wenig später als Problembär erschossen. In Finnland ist das anders. Ursus arctos arctos ist Finnlands größtes Raubtier. Und das wollen wir sehen. Mit eigenen Augen.

Auf Bärensafari in Ruka-Kuusamo

Mit dem Auto geht es zunächst über Schotterstraßen bis nahe an die russische Grenze. Unbewohntes Gebiet. Kiefern, Föhren und Birken, soweit das Auge reicht. Auf Trampelpfaden geht es weiter durch moorigen Wald, feuchte Schwüle begleitet uns durch den hellen Abend. Begleitet nur von Mückenschwärmen und entfernten Vogelrufen. Keiner spricht, als hätte uns die Aussicht, jederzeit einem Bären zu begegnen, die Sprache verschlagen. Vielleicht ist es auch das unheimliche Gefühl, sich so nah an der russischen Grenze zu befinden.

Nach einem kurzen Marsch gelangen wir zu einer einfach gezimmerten Holzhütte. Die nördlichste Bärenbeobachtungsstelle Finnlands. Mitten im Nirgendwo. In der Stille. In der Einsamkeit des finnischen Waldes. Hören, was sie uns erzählen mag.

Der König des Waldes

Würden wir ihn heute zu sehen bekommen? Das erste Mal im Leben? Mit eigenen Augen? Da kribbelt es schon ein bisschen im Bauch. So was erlebt man schließlich nicht alle Tage. Nicht vergleichbar mit einem Besuch im Zoo oder im Zirkus. Braunbären ohne Gitter dazwischen. Ungezähmt. Wild eben.

Zunächst passiert gar nichts. Aufgeregt scannen meine Augen die Umgebung. Eine sumpfige Freifläche erstreckt sich direkt vor uns, dahinter beginnt der Wald. Ein ziemlich dichter Wald. Die Abendsonne bricht sich an seinem Rand. Die Nacht ist die Zeit der Jäger. Wölfe gibt es hier auch. Und Luchse. Aber die sind scheu, die sieht man nicht. Aber allein zu wissen, dass sie da sind, erhöht den Spannungsfaktor schon enorm. Hat sich da gerade was bewegt? Oder ist das nur der Wind. Das Sumpfgras wiegt sich, Silbermöwen fliegen kreischend umher, da ein toter silbergrauer Baumstamm. Wildnis. Irgendwie mystisch.

Von der Hütte aus können wir die Bären durch die Scheibe sicher beobachten und fotografieren. Dafür gibt es extra ‚Schießscharten‘ – mit Stoff verhängte Luken, gerade so groß, dass man eine Kamera durchschieben kann. Anfängliches leises Flüstern ist verstummt. Alle sind konzentriert auf das Sumpfland vor uns. Zuvor hatte man uns eingeschärft, kein Parfum und kein Mückenabwehrmittel zu benutzen. Damit uns die Bären nicht schon von weitem riechen. Das nächste, was ich an diesem Abend lernen darf, ist: Geduld!

Gänsehautmomente

Unser Guide und Gründer der Bärenbeobachtung Karhukuusamo Pekka Veteläinen beobachtet wie wir mit Adleraugen den gegenüber liegenden Wald. Keine Regung entgeht ihm. Er ist es, der den Bär als erster entdeckt. Lautlos zeigt er in die Richtung und die Kameras beginnen leise, dafür hektisch zu klicken.

Vorsichtig und behutsam kommt ein ausgewachsener Braunbär aus dem Wald. Blickt sich um. Ob Gefahr droht. Strahlt eine unglaublich selbstbewusste Ruhe aus. Und enorme Kraft. Das spürt man selbst aus der Entfernung. Da schlägt einem das Herz schon höher. Eine seltsame Mischung aus Faszination, Ehrfurcht und eine gehörige Portion Respekt. Als wäre tief in unseren Genen die Angst vor Bären abgespeichert.

Der Dessen Name nicht genannt werden darf

Die Finnen haben 200 bis 280 verschiedene Wörter für den Bär – die Zahl variiert, je nach dem, mit wem man spricht. Kontio, ohto, nalle, pöpö, jumalan vilja, metsän kuningas sind nur einige Umschreibungen. Meist Beschönigungen wie metsän kuningas = König des Waldes. Es gilt, das eigentliche Wort für Bär: karhu zu vermeiden. Aus Angst und Ehrfurcht. Den Namen direkt auszusprechen bedeutet, Unheil herauf zu beschwören. Im schlimmsten Fall gar einen Bären anzulocken. „Der, dessen Name nicht genannt werden darf“, wie das personifzierte Böse bei Harry Potter genannt wird. Der alten Mythologie zufolge war der Bär ein gottähnliches Wesen. Es wurde in mystischen Ritualen verehrt und um Meister Petz rankten sich geheimnisvolle Geschichten. Noch heute ist es eines der nationalen Natursymbole Finnlands.

Und da kommt „er“. Gemächlich trottend schlendert „er“ an den Bäumen vorbei, schaut sich in alle Richtungen um und fängt in aller Ruhe an zu fressen. Die Abendsonne lässt derweil die Birkenblätter noch hellgrüner erscheinen, die sich leicht in den Sumpflachen spiegeln. Und zwischen all dem Sumpfgras stolzieren ungerührt Habichtkauze und Regenpfeifer. Zwischendurch hebt „er“ den Kopf und vergewissert sich, dass alles in Ordnung ist und niemand seine Mahlzeit stört oder ihm streitig macht. Gewaltige Tiere – bis zu 300 Kilogramm bringen ausgewachsene Männchen auf die Waage. Und sie scheuen auch nicht vor Elchen als Beute zurück.

Tödliche Attacken von Bären gegen Menschen sind eine absolute Seltenheit. 1998 ist in einem Wald in Südfinnland ein Jogger ums Leben gekommen. Nach Angaben vom skandinavischen Bärenforschungsprojekt um Sven Brunberg ist das jedoch der einzige tödliche Angriff eines finnischen Bären im gesamten letzten Jahrhundert. Bärenweibchen mit Jungtieren sollte man jedoch nicht erschrecken. Die Bärenmama könnte aggressiv reagieren und angreifen, um ihre Jungen zu schützen.

Mythos Bär

In der Hütte ist es mucksmäuschenstill. Ab und zu raschelt eine Jacke oder der Deckel einer Wasserflasche knackt. Es ist heiß geworden, doch nicht allein von der milden Abendsonne, die durchs Fenster rein scheint. Es ist auch eine gute Portion Aufregung, Faszination und Ehrfurcht vor den selten gewordenen wilden Tieren in freier Wildbahn. Hinter der Scheibe nutzen die Möwen die „bärenlose“ Zeit, um sich ein bisschen vom verlockenden Lachs zu stibitzen.

Dass uns die Dunkelheit des einbrechenden Abends das Licht nimmt, müssen wir dank der Mitternachtssonne nicht fürchten. Von Mai bis September kann man die Bären beobachten. Sogar über Nacht. Dafür stehen sogar Stockbetten bereit. Einer schläft. Einer wacht.

Bärenhunger

Ab Oktober/November sind es dann die Bären, die schlafen. Ihre Winterruhe, bei der sie ihre Herzfrequenz runterfahren und rund ein Drittel ihres Gewichts verlieren, dauert fünf bis sechs Monate. Doch auch wenn sie monatelang auf der faulen Haut liegen, völlig weggetreten sind sie nicht. In ihrer Schlafhöhle halten sie zwar strenge Diät, nehmen aber sehr wohl wahr, was um sie herum geschieht und sind bereit, im Notfall zu reagieren.

An die 2.000 Braunbären gibt es in Finnland – vor allem in der Nähe zum russischen Grenzland. Die scheuen Wesen vermeiden instinktiv den Kontakt zu Menschen. Deshalb wird hier frischer Lachs als Lockmittel am Waldrand ausgelegt. Und den können sie jetzt vor ihrer Winterruhe gut gebrauchen. Bis zu 40 Kilogramm pro Tag fressen sie dann. Das dicke Fettpolster brauchen sie, um den Winter in ihrer Höhle zu überstehen. Sämtliche Körperfunktionen werden dann für bis zu sechs Monate zurückgefahren. Die Bären können selber entscheiden, ob sie Hallo sagen wollen oder nicht, erklärt uns Pekka, der nicht nur Bärenbeobachter, sondern auch Förster ist. Heute jagt er nur noch Elche, keine Bären. Und das scheinen die zu wissen, denn es dauert tatsächlich nicht lange und der nächste Bär zeigt sich.

Jäger der Nacht

Ein Jungtier, im Auftreten vorsichtiger, fast ein wenig ängstlich schleicht sich an die Beute heran. Als würde er sich nur ungern aus dem geschützten Wald auf die offene Lichtung wagen. Immer wieder blickt er sich unruhig um. Vielleicht rechnet er auch mit ebenso hungrigen Seinesgleichen. Schnappt sich eilends die Beute und schleppt sie flugs in den Wald.

Er ist vergangenes Jahr auf die Welt gekommen, erklärt Pekka. Trotz der gefährlich großen Pranken hat er etwas Kuscheliges und Tolpatschiges an sich. Kein Wunder, dass der Braunbär mit seinen lustigen Ohren und seinen braunen Knopfaugen für den Teddybären Pate stand.

Diesen Bärenjungen hat Pekka allerdings nicht ‚Pu der Bär’ oder ‚Balou‘ getauft, dieser Bär heißt Mörkö. Mörkö bedeutet Gespenst. Mörkö macht seinem Namen alle Ehre. Er ist so schnell wieder weg, wie er kam. Eben. Wie ein Gespenst. Ein Gespenst, das auf Lachs steht.

Weitere Infos zur Regionen findet Ihr hier: www.karhukuusamo.com. Mehr zum Nationaltier Finnlands erfahrt Ihr direkt bei Visit Finlannd. Außerdem wartet dort ein tolles Video vom Bärenflüsterer Sulo auf Euch.

Text und Fotos: Tarja Prüss